Heimat , die er nicht entbehren zu können glaubte , jahrelang fern und tot und seinem Herzen etwas Fremdes hinter ihm liegt . Doch wird es kaum einen geben , den nicht wenigstens im Alter wieder die Sehnsucht nach den heimischen Bergen , Tälern und Gewässern befinge . Freilich werden diese widersprechenden Triebe der Wanderlust und der Heimseligkeit , die bei dem Schwaben nur mit besonderer Stärke hervortreten , in jedem Menschenschlage wahrzunehmen sein . Friedrich wischte sich die Augen mit der Hand aus , stieß seinen Wanderstecken hart auf den Boden und ging in entschlossenem Reiseschritt die Straße hinab ; da räusperte sich jemand über ihm , und eine Stimme rief : » Wo naus schon , Frieder , wo naus ? « Er blickte ärgerlich in die Höhe und erkannte seinen Invaliden , der nach der Weise alter Leute nicht lange schlafen konnte und zu dieser frühen Stunde aus seinem Ausgedingstübchen zum Fenster heraussah . » In die Fremde « , antwortete er , einen mutigen Ton in seine Stimme legend . » Weiß schon « , erwiderte der Invalide , » und weiß eigentlich auch , warum . « » Ja freilich ! « entgegnete Friedrich lachend , » es gibt kein Warum , das nicht auch sein Darum hätt . Übrigens sagt man : die Fremde macht Leut . « » Ich streit ' s nicht . Wer nie hinauskommt , kommt auch nie hinein . Und was das Heimweh betrifft , so hat selbiger Schwab in der Fremde gesagt : Schwaben ist ein gut Land , ich will aber nit wieder heim : grob Brot , dünn Bier und große Stunden ! « Friedrich lachte und schlug ein paarmal mit dem Stab in die hart gefrorne Schneebahn ; dann machte er eine Bewegung , um seinen Weg fortzusetzen . » Er hat aber doch ' n kuriosen Zwilch an Seinem Kittel « , hob der Invalide wieder an . » Läßt sich da um ein Weibsbild von Haus und Hof fortschicken . Ist sie denn auch soviel wert ? « Friedrich schwang den Stecken um seinen Kopf , daß es durch die scharfe Morgenluft pfiff . » Profos « , sagte er , » wenn ich Euch gut zum Rat bin , so redet mit mehr Respekt von ihr , denn ich versteh kein ' Spaß in dem Punkt . Oder könnt Ihr vielleicht etwas von ihr sagen , das nicht recht wär ? « » Das kann ich nicht und will ' s auch nicht « , erwiderte der Invalide . » Nun nicht so hitzig ! Das Mädle kann brav sein , ich will ihr gar nichts tun , aber darum fragt sich ' s doch noch zehnmal , ob sie zu Ihm taugt . In meinen jungen Jahren , ach , was hab ich mich nicht verleiden müssen um mein Weib , bis ich sie gehabt hab , und nachher , wiewohl ich nichts weniger als schlecht mit ihr gehauset hab , hab ich oft denken müssen , ich hätt grad ebensogut eine andere nehmen können . Wenn man einander einmal innen und außen kennt , dann sieht man erst ein , daß man nicht bloß für die Kürze , sondern auch für die Länge hätt sorgen und auf das und jenes hätt sehen sollen , was nicht bloß in die Augen sticht ; denn die Schönheit vergeht und die Jugend mit , und das Leben ist oft so gar lang . « » Aber das Sprichwort sagt doch : Frühe Hochzeit , lange Liebe . « » Das Sprichwort hat nicht immer recht , sonderlich je nachdem die Hochzeit gewesen ist . « Friedrich grub nachdenklich mit dem Stecken im Schnee . » Wenn ich Er wär « , fuhr der Invalide fort , » so würd ich da draußen die Zeit und die Vernunft walten lassen und meinem Vater nachgeben ; auch blieb ich nicht zu lang in der Fremde , denn viel Rutschen macht böse Hosen , das sieht Er an meinem Fuß . « » Ihr , ein alter Soldat , werdet mir doch nicht zumuten , daß ich mein Wort breche ? « fuhr Friedrich auf . » Ich hab mich mit heiligen Eiden verschworen , und dabei bleibt ' s. « » Wenn ' s so steht « , erwiderte der Invalide , » so will ich weiter nichts gesagt haben als : ' s wär eben gut , wenn alle junge Leut könnten vor alt werden , eh sie jung würden . « » Das mag sein « , entgegnete Friedrich , » weil ' s aber unser Herrgott anders hat haben wollen , so kann ich nicht wider ihn streiten und muß eben der Natur ihren Lauf lassen . « Damit verabschiedete er sich von dem Invaliden , der ihm noch lange voll Teilnahme nachsah , wie er ausschritt und der Schnee unter seinen kräftigen Tritten krachte . Er hatte die letzten Häuser hinter sich und meinte nun recht einsam in die Welt hinauszuwandern , als ihn auf einmal ein Wurf , nicht ganz sanft , an die Schulter traf , daß der Schnee ihm am Gesicht vorüberstäubte . Er kehrte sich zornig um ; da war es Christine , die ihn geworfen hatte . » Ei ! « rief er , » ich hätt gute Lust , mit dir zu zanken . Ich hab geglaubt , du stecktest tief im warmen Nest , und jetzt laufst hinter mir drein , erkältest dich und verbitterst mir das Scheiden noch einmal . « » Schiltst schon wieder auf mein Geläuf ? « sagte sie , sich an seinen Arm hängend . » Sei ruhig , ich kann nicht mehr weinen , die Kälte treibt mir die Tränen zurück . Ich werd doch auch mein ' Schatz noch ein wenig begleiten dürfen . « » Ein paar Schritt mein ' twegen . Dann aber machst links um und läßt mich in den Schutz Gottes befohlen sein