Schulen gediehen , meine Baumpflanzungen wuchsen . Zuweilen stiegen Gedanken in mir auf als müsse ich den gemeinen Mann auf meinen Gütern unerhört beglücken . Fragte ich mich jedoch ernsthaft welche Sorte von Beglückung ihm denn beizubringen sei : so beschränkte sie sich auf Arbeit und auf einen Sparpfennig für die Noth . Dafür sorgte ich mit wahrer ausdauernder Theilnahme und zu jeder Zeit ; und nie haben mich meine Verstimmungen dagegen gleichgültig gemacht . Als der Herbst mit seinen Tagen voll Regen und Sturm und mit seinen langen Abenden kam , sah ich indessen ein , daß ich nothwendig andere Beschäftigungen brauche ; und um meine Gedanken an eine bestimmte Disciplin zu gewöhnen , beschloß ich förmlich ernsthaften Unterricht zu nehmen . Ein Cursus etwa der Chemie , Physik oder Astronomie schien mir aber gar nicht ernsthaft genug , sondern wie die Männer gebildet werden , mit alten Sprachen und mit Mathematik : so wollte auch ich es anfangen . Ohnehin hatte ich in meiner ersten Jugend kläglich wenig gelernt ! Späterhin war mir auf meinen Reisen allerlei angeflogen , was ich mit Geschicklichkeit mir aneignete , wie Sprachen der fremden Länder , Kenntniß ihrer Geschichte , ihres Bodens , ihrer Literatur . Allein jede Beschäftigung in dieser Richtung oder mit meinem ganz hübschen Talent zur Malerei , schien mir kein genügendes Joch um den Sturm meiner Gedanken und Träumereien zu bändigen . Ich hatte so oft sagen hören welch eine Grundlage aller tiefen Bildung die alten Sprachen wären - hatte in England gesehen wie sie auf integrirende Weise zu der so ganz praktischen Erziehung gehören - daß ich mir Wunder was für Vortheile davon träumte . Ich vergaß nur den ungeheuern Unterschied zwischen einer unentfalteten Jünglingsseele , die bereitwillig den Keim aufnimmt , welcher in ihrem frischen Erdreich aufgehen soll und kann - und zwischen mir . Ich war uralt an Lebenserfahrung und Kenntniß ; Leid und Lust , Schmerz und Glück , Verlust und Gewinn , welche sich für Andere über fünfzig und sechszig Jahre ausbreiten , hatten sich für mich mit so beklemmender Schnelligkeit gedrängt , daß ich mir bei fünfundzwanzig Jahren sagen mußte : glück-oder leidbringende äußere Ereignisse hätten sich für mich erschöpft . Obwol ich eine namenlose und bodenlose Leere in mir fühlte - obwol ich mir vorkam wie die Wüste über welche wenigstens das Weltmeer fluten muß um sie zu beleben - obwol mir manchmal zu Sinn war als hätte ich noch gar nicht gelebt und nichts gehabt : so hielt mir meine Vernunft doch immer eine und dieselbe ermüdend langweilige Predigt : Dir sind die guten und bösen Schicksale bereits zu Theil geworden welche dem Menschenleben zugemessen sind ; drum halte Dich ruhig ; räume die Trümmer aus dem Innern fort , vergiß Dich selbst , sei Andern nützlich und lerne daß es eine Menge Dinge zu thun giebt die weit ersprießlicher sind als mit Gebilden der Phantasie zu schwelgen . Also : die Trümmer meines Innern wollte ich aufräumen mit Mathematik und alten Sprachen . Zu meinem Geburtstag machte ich mir selbst das Festgeschenk zweier Lehrer , welche sich entschlossen sich auf drei Jahr in Engelau zu vergraben . Herr Becker hatte so eben seine philologischen Studien vollendet und da sich ihm nicht gleich die gewünschte Stelle an der Universität zu Kiel darbot , so nahm er die in meinem Hause an , die ihm wenigstens Muße zu eigenen Studien ließ . Er war sehr jung , sehr lebhaft , ein glühender Bewunderer des Alterthums , das er in Leben und Kunst , Institutionen und Religion als das Ideal vergötterte zu dem die Menschheit hinstreben müsse - ein einseitiger Verächter alles Neuen ( nämlich der letzten zweitausend Jahre ) - kurz ein Mensch der nichts kannte als seine Wissenschaft , und die Ueberzeugung hegte durch ihre Verbreitung müsse die Welt zu ihrer wahren Gesittung erhoben werden . Dies hatte den großen Vortheil für mich daß er gern zu mir kam , weil er seinen Aufenthalt bei mir als die erste Stufe zur Gräcisirung der nordischen Barbaren betrachtete ; und daß er mir mit dem zwiefachen Feuer der Jugend und der Begeisterung Unterricht gab . Herr Müller , der Mathematiker , war ein ältlicher Mann , welcher fünfunddreißig Jahr sich abgequält hatte der Schuljugend eines Gymnasiums seine Wissenschaft insoweit beizubringen , als dieselbe ein Ingrediens der nothwendigen Examina ausmachte , welche man zu bestehen hatte . Die unendliche Gleichgültigkeit mit der Herr Müller seinen Unterricht an unendlich gleichgültige Schüler ertheilte , hatte ihn nach und nach dermaßen zerstreut gemacht , daß er sich nicht mehr bei ihnen in den nothwendigen Respect zu setzen vermogte . Mit einem winzigen Jahrgeld wurde er entlassen , und da ich ihm die Zusage machte es nach drei Jahren zu verdoppeln , so sah er sich veranlaßt meinen Vorschlag , auf Zureden seiner Freunde anzunehmen . Sie waren bemüht ihm eine sorgenfreie Existenz zu sichern . Er für seine Person fühlte sich sorgenfrei sobald er von dem Verkehr mit den bösen Buben - wie er die Gymnasiasten nannte - befreit war . Die Leibesnahrung und Unterkunft machte ihm keine Sorgen ; er lebte von Kaffee und Brot und war , Dank dieser strengen Diät und seinem sterilen Studium zu einer so mumienhaften Ausdörrung gediehen , daß er die Bedürftigkeit des lebendigen Lebens nicht mehr empfand . Er war so genügsam und so wolwollend , daß ihm Welt und Menschen vortreflich und nur im Betreff der Gymnasialjugend etwas mangelhaft erschienen . Ein Fortschritt - Einer ! war freilich für die Welt zu machen und stand ihr bevor .... sobald die allgemeine Formel für die Primzahlen gefunden sei ! Was ihr aber dann noch zu ihrer Vollkommenheit und Glückseligkeit mangeln könne , das - gestand er unbefangen - - sehe er nicht ein . Seine Seele war auf der Jagd nach dieser Formel . - In seinem beschränkten Berufsleben war es ihm nie vorgekommen , daß Jemand zum Vergnügen Mathematik studirt habe . Er betrachtete mich wegen dieser Neigung