, oder besser , Theophil erzählt es Euch , denn er ist eine der Hauptpersonen dabei . Man bat den Assessor um die Mittheilung . Ich glaube Ihnen schon neulich gesagt zu haben , hub er an , daß die Besorgniß vor dem neuen , die Ehescheidungen erschwerenden Gesetze eine große Menge von Ehescheidungsklagen zuwege bringt , weil die Leute , die in unglücklicher Ehe leben , die Klagen auf Trennung einzureichen wünschen , während das alte Gesetz noch in Kraft ist . Unter diesen Eingaben befand sich auch die Klage einer Frau , deren Mann hier in der Stadt als ein wüster Gesell , ein Spieler von Profession bekannt ist . Es war heute der zweite Termin in der Sache angesetzt , die ich führe . Schon das erste Mal fiel mir das Aeußere der Frau angenehm auf . Sie ist nicht hübsch , etwa in der Hälfte der dreißiger Jahre , hat aber jenes Aussehen , das auf eine gewisse geistige Entwickelung schließen läßt . Ihre Kleidung war dürftig , doch mit großer Sauberkeit und Sorgfalt geordnet . Sie erklärte in der Eingabe , daß sie , seit achtzehn Jahren verheirathet , zwei Töchter habe , von denen die älteste siebzehn , die jüngere funfzehn Jahre alt sei , und daß sie im Verein mit diesen Töchtern sich seit Jahren durch Handarbeit ernähre , da ihr Mann nichts erwerbe oder , falls er etwas erwerben sollte , es außer dem Hause verbrauche . Sie habe seit dem Beginn ihrer Ehe nicht glücklich mit ihrem Manne gelebt , die Eltern hätten sie zu der Heirath gezwungen . Trotzdem glaube sie , ihre Pflicht erfüllt und geduldig die Rohheit ihres Mannes ertragen zu haben . Jetzt aber , da diese täglich zunehme , da ihre Kraft durch den Gram gebrochen sei , da ihre Töchter mit von der Tyrannei zu leiden hätten und man ihr sage , die Scheidung solle künftig erschwert werden , jetzt sehe sie sich genöthigt zu verlangen , daß man sie von ihrem Manne trenne . Sie hatte die Klage offenbar selbst gemacht und war auch im Termine selbst erschienen , weil , wie sie mir sagte , ihr die Mittel fehlten , einen Justizcommissar zu bezahlen . Daß ich mit der größten Schonung gegen die Frau bei dem Termine verfuhr , darf ich nicht erst versichern . Der Mann , früher Offizier , dann in einem Civilamte beschäftigt und wegen Dienstvergehen entlassen , will von der Scheidung nichts hören , weil es ihm bequem zu sein scheint , Wohnung , Speise und Kleidung für sich erwerben zu lassen , während er in Spielhäusern und Weinschenken die Zeit verschwendet , oft betrunken heimkehrt , bisweilen wüste Gesellen mit sich nach Hause bringt und Frau und Töchter auf das äußerste quält . Diese Thatsachen stehen fest . Da er aber seine Frau nie in Gegenwart von Fremden beschimpft , sie nie geschlagen hat , da sie selbst nicht wegen Ehebruch klagt und er sich nicht von ihr trennen will , ist die Sachlage nicht günstig für ihre Wünsche . Mann und Frau waren heute im Termine erschienen und diese Letztere litt sichtlich durch die Erörterungen über ihr eheliches Verhältniß , zu denen der Mann sich erniedrigte . Er klagte sie an , ihn niemals geliebt zu haben , sie hätte ein Verhältniß vor Eingehung ihrer Ehe mit einem Referendarius gehabt , diese Liebe hätte gleich anfangs störend zwischen ihnen gestanden , die Kälte und Abneigung seiner Frau hätten ihn aus dem Hause getrieben und dergleichen Dinge mehr , die im Munde dieses Mannes das Gepräge der Unwahrheit trugen . Als er dann immer roher wurde , zuletzt grobe Beschuldigungen gegen die Treue seiner Frau aussprach und behauptete , daß sie noch nach der Hochzeit in fortgesetztem Verhältniß zu ihrem frühern Geliebten gestanden und diesen oftmals bei sich gesehen habe , sagte die Frau , die schon lange heftig gezittert hatte : Großer Gott ! auch das noch und vor all den Männern ! und sank in einer Ohnmacht zusammen , so daß man sie hinaustragen mußte . Mir that die Frau sehr leid , der Mann aber schalt sie eine empfindsame Närrin und eilte , da es unmöglich war , den Termin fortzusetzen , gleichmüthig davon . Als ich ebenfalls im Nachhausegehen in das Vorzimmer kam , wo verschiedene Personen sich damit beschäftigten , die Ohnmächtige ins Leben zu rufen , traf ich einen uns gemeinsam bekannten Justizbeamten . Er fragt mich , was das Gewühl bedeute ? ich erzähle es ihm und nenne zufällig den Familiennamen der Frau dabei . Kaum hat er ihn gehört , als er sich durch die Menge drängt , die Ohnmächtige betrachtet und sie mit ihrem Namen anruft . Bei dem ersten Tone seiner Stimme richtet sie sich plötzlich in die Höhe , öffnet die Augen , sieht ihn an , wie man eine unirdische Erscheinung betrachten würde , und sinkt dann in seine Arme , während heiße Thränen aus Beider Augen fließen . Niemals habe ich Etwas erlebt , was mich in ähnlicher Weise erschüttert hätte . Ich suchte die Leute zu entfernen , die umherstanden . Der Beamte bat mich , nachzusehen , ob er die Leidende nicht in das Sessionszimmer führen könne . Ich that es und , da Niemand als der Präsident darin war , kam er selbst , sie dorthin zu geleiten . Die Frau erholte sich dann und fuhr nach Hause in einem Wagen , den wir herbeigeschafft hatten . Soweit hatte Theophil erzählt , als der Präsident ihn ablöste . Ihr werdet nun leicht den Zusammenhang errathen , sagte er , wie ihn uns der Beamte nachher erklärte . Er ist jener Jugendgeliebte der unglücklichen Frau . Beide waren arm , ohne alle Aussicht , sich verbinden zu können , und das Mädchen heirathete , von den Eltern dazu gezwungen , ihren jetzigen Mann , der damals noch ein nahmhaftes Vermögen besaß , obgleich er den größten Theil seines Erbes schon verspielt hatte .