sagte Anna weich . Ja , aber er wird in einem andern Hause wohnen , fuhr der Knabe fort , und uns keine Stunden mehr geben . Ich mag keinen andern Lehrer , wir wollen Beide mit zu Herrn Gotthard gehen . Und Vater und Mutter verlassen ? fragte Kronberg streng , indem er den Arm des Knaben ziemlich hart ergriff . Du thust mir weh , Papa ! schluchzte das Kind , ich will dich und Mama alle Tage besuchen ; aber ich kann nichts lernen ohne Herrn . Gotthard ; und wer soll mit uns gehen und uns alles zeigen ? Laß mich mit ihm , Vater ! Kronberg schleuderte zornig den weinenden Knaben von sich , der wieder hinüberlief . Herr Gotthard scheint eine Art Hexenmeister , sagte er scharf und kalt ; ich hasse dergleichen Uebertreibungen . Hast du dich denn gar nicht um die Kinder bekümmert , daß diese Albernheit so tiefe Wurzeln schlagen konnte ? Herr Gotthard ist dieser Liebe völlig werth , erwiderte Anna stolz ; er hat unsäglich viel für die Kinder gethan . Roderich lächelte verächtlich . Diese Magnetiseurs-Eindrücke sind de mauvais goût . Ich bin ganz froh , den Menschen los zu sein , obwol er ein vortrefflicher Arbeiter scheint und mir in Wien von bedeutendem Nutzen sein wird . Mit großer Anstrengung hatte er dem Anfang seiner Phrase das Ende angeknüpft . Er verließ das Zimmer . » Ich vermag es kaum mehr , an die Wirklichkeit meines Glückes zu glauben , lieber Otto ! « schrieb Vrenely . » Seit Anna und Leontine und Alle fort sind , ist mir , als habe mir nur wunderschön von dir geträumt , wie in den ersten Wochen unserer Bekanntschaft , wo ich kein Auge schloß , ohne dein liebes Gesicht sogleich vor mir zu sehen . Es kam Alles so entsetzlich schnell . Die Generalin und meine Leontine schien ein mir unverständlicher , tiefer Gram zu beugen ; auch Anna hat grausam gelitten . Ich ahne wol einen Theil , doch nicht den ganzen Umfang ihrer Schmerzen ; aber wenn ich die edle Frau und ihre Verhältnisse betrachte , muß ich die Augen niederschlagen , sie steht so einsam mitten unter den Ihren ; - wie ist mir doch das Glück , einem vollen Blütenkranz gleich vom Himmel auf die Stirn gefallen ! Du könntest Annen noch in einem der Nachtquartiere sehen , da sie der Pferde wegen so gar kurze Tagereisen machen ; jedoch das Alles schreibt sie dir selbst - ich möchte dich nur leise bitten , dir die Freude nicht zu versagen , meint ' ich nicht , dein liebes Herz sei der beste Berather . Ach , mein Otto ! ich möchte um die Welt nicht , daß du Annen jemals vergäßest , kann ich gleich nicht recht ausdrücken , warum . Laß uns vereint unsre Kraft anwenden , ihr den dornenreichen Weg zu erleichtern - diese Wege über die sogenannten Höhen des Lebens sind so öde , so traurig ! Man verarmt im Steigen und verliert alle Kleinode und Blütenschätze , die man in den stillen Thälern errungen ; sie haben den Glanz und das Eis unserer Alpenpfade , aber sie scheinen mir gefährlicher und grausamer , als unsere Gletscher mit all ihren drohenden Schrecken . « Es war ein trüber , kalter Samstagsmorgen , als Otto dies und Annens Abschiedszeilen erhielt . Er hätte hin gekonnt ; er ließ sich ein Pferd satteln und ritt es auf halb ungebahnten Wegen todtmüde , übernachtete in einer Dorfschenke im Gebirg und kehrte erst am Sonntag , Abends , spät nach Basel zurück , als ihn die Montags-Collegien zwangen , jeden Gedanken an ein nochmaliges Wiedersehen - wieder Scheiden Anna ' s aufzugeben . Nach vierundzwanzig Stunden lag er an einem nervös-rheumatischen Fieber darnieder ; doch seine kräftige Natur überwand es bald . Er stand auf , ermannte sich gewaltsam , las seine Collegien , arbeitete im Laboratorium und lebte so von einem zum andern Tage . Vrenely hatte entsetzlich gelitten durch sein Schweigen , aber nicht zum zweiten Male geschrieben . Endlich schrieb er ihr auch , daß er krank gewesen , Annen aber erwähnte er mit keinem Worte . » Ich danke dir « , schloß sein Brief , » damit begann mein Verhältniß zu dir , damit laß mich fortfahren bis zum Ende . Ich danke dir , daß du bist , wie du bist , daß du mich kennst und mich verstehst . Vertraue mir ferner und laß mich gewähren , reden , schweigen , wie es das Herz in mir verlangt ; auch ohne Laut , Theuerste , wird es dem deinen immer antworten . « Balsamisch weich legte sich das Frühjahr auf die ermüdete , aus manchen Wunden noch blutende Erdenwelt ; im größeren Theile Europa ' s war eine momentane politische Ruhe eingetreten ; in Wien bereitete sich König Johanns Uebergabe des brasilianischen Throns unter den Diplomaten vor ; in der Gesellschaft wogte das gewohnte Kunst- , Liebes- und Intriguenwesen wie immer . Es war noch früh im Jahr , im Salon war es noch Winter , draußen jubelten die Lerchen auf , die goldnen Sonnenstrahlen küßten die Blütenknospen der Veilchen , Marien- und Sternblümchen wach . Seit den auf den vorigen Seiten erzählten Ereignissen war über Jahr und Tag vergangen . Die Einzelnen des früher in Bern versammelten Kreises waren auseinandergerissen , andere neue Glieder an deren Stelle in der Kette jener scheinbar so eng verbundenen Existenzen eingefügt , das Wechselspiel des Lebens hatte in mancher Beziehung sein Recht geltend gemacht . Anna ' s Herz war nicht heiterer geworden ; gleichgültigen Auges sah sie auf die belebten Straßen und glänzenden Equipagen , auf das anmuthig-laute wohlhäbige wiener Volksleben nieder , das durch dieselben hinwogte und an welchem ihr leichter Wagen sie vorübertrug . Sie hatte nach beendeten Ferien ihren Egon in sein Institut zurückgebracht - nun war es wieder leer um sie , wohin sie auch blickte .