welche sie gestiftet hatte , diesen Namen nicht verdiene . Vittoria ertrug den Gatten nur so eben , sie übersah ihn zu sehr ; seine Schwäche , die auch dem blödesten Auge auffiel , mußte sie verachten . Der herbeste Kummer entstand aber über den ungestümen Marcello , der sich weder durch Liebe , noch Strenge bändigen ließ . Nur einmal war Montalto in den heftigsten Zorn , ja in Wut geraten , so daß Mutter und Tochter sich vor dem alten Priester entsetzten , als die Nachricht gekommen war , daß in Zank und gemeinen Händeln Marcello einen vornehmen Jüngling wiederum gefährlich verwundet habe , und aus Rom entflohen sei , um sich einer der vielen Banden anzuschließen , die im Lande , so wie außerhalb , von den Mächtigen unterhalten wurden . Bei der leisesten Vorbitte der Mutter , auch diesmal zu vermitteln , war er im blinden Zorneseifer aufgefahren : er verwünschte die gefühllose Niederträchtigkeit des Jünglings , und verbat ein für allemal , in seiner Gegenwart auch nur seinen Namen zu nennen . Auch für den jungen Camillo ließ er keine Vorbitte gelten , und wiederholte , wie sehr er es bereue , daß er den nichtswürdigen Marcello damals vom Galgen befreit habe , dort sei derlei Gelichter am besten versorgt , und seine Familie würde an ihm nur Gram und Schande erleben . Graf Pepoli war aus Bologna wieder nach Rom gekommen . Er eilte , das Haus der Accoromboni , jetzt Peretti , wieder zu besuchen , weil für ihn diese Menschen zu den merkwürdigsten gehörten , die er jemals hatte kennen lernen . Vittoria war sehr erfreut , ihn wiederzusehn , denn , gedrückt von ihrer Lage , war ihr jeder gebildete Fremde eine trostreiche Erscheinung . Nach den ersten Begrüßungen sagte der Graf : » Ich muß Euch , Verehrte , ein Begebnis mitteilen , das mich wahrhaft erschreckt hat . Vor einigen Monaten ist der arme , bis zur Verwirrung geängstigte Tasso heimlich aus Ferrara entwichen . Niemand wußte dort am Hofe , wohin er sich gewendet haben könne ; endlich erfuhr man , er sei fast wie ein elender Bettler bei seiner Schwester in Sorrent angekommen . Nun hat ihn seine Unruhe wieder nach Rom getrieben - soeben ist er angelangt - aber , Himmel ! wie verwandelt ! Wie sich so ganz unähnlich ! Wie unkenntlich ! - Wie würdevoll und ruhig erschien er uns damals : eine zarte , edle Wehmut durchzog und läuterte sein Wesen , er war sanft und bescheiden , und doch fühlte er seinen Wert - und jetzt - ich sah ihn bei seinem Beschützer Scipio Gonzaga - so ganz ohne Haltung und Würde , unruhig , hastig , hin und her fahrend und wie verwirrt , das Antlitz eingefallen und die Augen erloschen , eilig , stotternd , viel fragend , ohne die Antwort abzuwarten - ein Bildnis zum Erbarmen und zum Entsetzen . Dieser große , herrliche Mann , mit diesem sublimen Talent , der so sicher und fest in sich selber ruhen könnte , der andern wie sich eine Quelle namenlosen Glückes sein sollte - oh , wie seltsam ist doch das Gewebe unsers Lebens geflochten , daß nur zu oft das Schönste und Edelste uns bloß zu unserer Zerstörung gegeben wurde , und scheinbares Glück , das uns so freundlich entgegenschreitet , nur ein verhülltes Elend ist . « Vittoria war tief erschüttert , indem sie jenes schönen Tages in Tivoli gedachte . » Alle seine Freunde « , fuhr der Graf fort , » vorzüglich Gonzaga , beschwören ihn : auf keinen Fall wieder nach Ferrara zurückzugehen ; der Fürst sei erzürnt , die Prinzessinnen ihm abgewendet , seine Neider und Feinde von mehr Einfluß als je . Aber ein böser Dämon scheint ihn mit kranker Hast und gespenstiger Unruhe dahin zurückzujagen . Er denkt und spricht nichts anderes . Um sich seinem Herrn ganz als ergebener Diener und bereuender Untertan zu zeigen , ist er auch bei Masetto , dem Agenten Alfonsos , abgestiegen , und behält dort seine Wohnung . Er ist ein untergegangenes schönes und edles Menschenbild . « Es war natürlich , daß man in Rom in der Gesellschaft von den beiden plötzlichen Todesfällen der jungen Frauen Eleonore und Isabelle sprach , die sich so schnell hintereinander ereignet hatten . Nur wenige glaubten an Krankheit und natürlichen Tod . Donna Julia betrachtete die Tat der beiden Fürsten mit Grauen ; » niemals « , beschloß sie , » habe ich diesen schroffen Herzog Bracciano gesehen , ich denke mir ihn aber entsetzlich . Der Mord schwacher , hülfloser Frauen hat in der Vorstellung noch etwas viel Gräßlicheres , als Grausamkeit und tödliche Verletzung , die sich Mann an Mann erlaubt . « » Oft « , bemerkte Vittoria , » ist dergleichen auch keine Tat , sondern ein Schicksal , das sich aus den Umständen unabweislich wie von selbst entwickelt . Aus der naiven Erzählung des Fremden der so gar kein Arg von der Erbärmlichkeit seiner Novelle hatte , ging doch deutlich hervor , daß diese Donna Isabella ein sehr geringes Wesen sein mußte . Wenn ein so klägliches Leben untergeht , so kann man wohl Erbarmen damit tragen , aber es ist nur wenig daran verloren . Und der Mann - o ja , man kann , man darf ihn schelten ; aber warum Grauen und Entsetzen vor ihm empfinden ? Scheltet doch die hergebrachte Sitte unsers verwirrten Lebens , diese Ehre , wie es die Männer nennen , dieses schwarze Nebelgespenst , dem schon so viele Opfer gefallen sind . Und abgesehen von allem andern , muß man die Umstände , Verhältnisse , Zufälle , die obgewaltet haben , alles genau kennen , um ein eigentliches richtiges Urteil zu fällen . Ich mag den Fürsten nicht verteidigen , oder auch nur entschuldigen , weil er mir unbekannt ist ; aber in einer Behauptung werde ich nicht unrecht haben , daß auch die stärkste