Wunder , und mit der Zeit giebt sich alles , alles , alles findet sich mit der Zeit . « Mit diesem seinem liebsten und gewöhnlichsten Trost verlies der alte Herr das Zimmer , und eilte der Börse zu , welche er über die Begebenheiten dieses Vormittages zum erstenmal in seinem Leben fast vergessen hätte . Schon war das späte , diesmal ziemlich stumm eingenommene Mittagsmahl im Kleebornschen Hause längst vorüber und der Abend rückte mit starken Schritten der Nacht entgegen . Die lange Reihe der Fenster des ersten Stocks im Hotel d ' Angleterre schimmerte in fast blendender Erleuchtung , als würde dort ein großes Fest gefeiert , während Kleeborn in seinem Hause noch immer und mit steigender Ungeduld in dem zum Empfange der Fremden bestimmten Zimmer auf und abgehend , den ihm angekündigten Besuch vergebens erwartete . » So wollte ich doch ! « rief er mit dem Fuße stampfend , als die Glocke zehn schlug , doch in diesem Augenblick ward die Thüre aufgerissen , Sir Charles , wie aus dem allerneuesten Modejournal heraus geschnitten , trat ein und die Freude über seine Gegenwart verscheuchte blitzschnell von der Stirne des alten Herrn jede Spur des vorigen Unmuthes . Ein halbes Stündchen verging beiden unter gegenseitigen Mittheilungen , ehe sie sich dessen versahen . Doch nun ergriff Herr Kleeborn den Arm seines jungen Freundes , um ihn in das Wohnzimmer seiner Familie zu führen . Schon waren sie oben auf dem Vorsaal angelangt , da stürmte der alte Müller hinter ihnen drein die Treppe hinauf , » Herr Kleeborn ein Wort ! « rief er athemlos , » eben kommt eine Stafette an Sie ; vermuthlich die lange erwartete Nachricht von « - » Ey der Tausend ! « rief Kleeborn ganz entzückt , indem er stille stand . » Bester Herr Wißmann , « sprach er nach kurzem Bedenken , » Sie verzeihen mir gewiß ; in zehn Minuten bin ich wieder bei Ihnen . Nur hier herein unterdessen , Sie finden hier meine Tochter . « Mit diesen Worten öffnete er eine Thüre , schob ohne sich viel umzusehen den jungen Mann ins Wohnzimmer hinein , und eilte , den Kopf voll von dem ihn unten erwartenden Geschäft , zurück in sein Komtoir . Ohnerachtet der möglichst großen , aus der vortheilhaftesten Meinung von sich selbst entspringenden Sicherheit , die ihm eigen war , fühlte Sir Charles sich , wenn gleich vielleicht nicht verlegen , dennoch wenigstens etwas genirt , als er auf so seltsame Weise der ihm bestimmten Braut entgegen geschoben ward . Doch die junge Dame , die er ganz allein im Zimmer antraf , empfing ihn mit so überraschender Freundlichkeit , daß davor jede Anwandlung dieses ihm sonst ganz fremden Gefühls , wie Nebel vor der Sonne zerrann . Die Art , mit der man durch zwei schnell auf einander folgende Knixe seinen ersten Gruß erwiederte , die beiden Grübchen mitten in den Pfirsichwangen des etwas verschämt ihn anlächelnden Gesichtchens , und vollends die zuvorkommende Pantomime , mit der man ihn , ohne ein verständliches Wort hervorbringen zu können , zum Sitzen im Sopha nöthigte ; alles dieses war weit mehr , als es bedurfte , um einen jungen Mann seiner Art wieder zum gewohnten Selbstgefühle zu verhelfen . Mit aller graziösen Nachlässigkeit eines ächt englischen Dandys im größten Styl warf er sich daher auf den ersten Wink der Schönen neben ihr in eine Sophaecke hin , und betrachtete sie , ohne sich dabei den mindesten Zwang anzuthun , durch seine Brille vom schildkrotenem Kamme , der auf ihren Scheitel die reiche Fülle der lichtbraunen glänzenden Zöpfe und Locken zusammenhielt , bis zu der Spitze des netten , verlegen spielenden Füßchens , das die Konturen der großen Rosen auf dem Fußteppich nachzuzeichnen versuchte . Die zwischen den frischen , etwas aufgeworfnen Lippen hervorglänzenden Perlzähnchen , die schelmisch-lächelnden Augen , das allerliebste Stumpfnäschen , der schwanenweiße Hals , die runden Aermchen mit den kleinen Händen voller Grübchen , kurz das ganze , wie aus Rosen und Schnee zusammengesetzte , runde und dabei doch zierliche Figürchen , gefiel ihm ausnehmend wohl , und immer besser , je länger er hinsah . Endlich wagte es auch seine Nachbarin , den scheuen Blick , dann und wann zu ihm zu erheben . Freilich lies sie ihn anfangs gleich wieder sinken , doch das gab sich allmählig ; sie gewann sogar bald Muth genug um mit naiver Koketterie alle ihre kleinen Künste vor ihm spielen zu lassen , und that alles mögliche , um sich ihm im vortheilhaftesten Lichte zu zeigen . Da sie instinctartig fühlen mochte , daß dieses nicht ohne Erfolg geschah , so waren beide in kurzer Zeit mit sich sowohl , als miteinander , auf das Vollkommenste zufrieden , und vermißten nicht im mindesten die Gegenwart des Herrn Kleeborn , der sie eigentlich einander hätte vorstellen sollen . Freilich drehte sich anfangs das Gespräch nur schneckenartig-langsam um Wege und Wetter und um das Ermüdende einer langen Reise im Winter , doch fühlten beide durchaus keine Langeweile dabei . Als nun vollends die herrlichen Pferde des Sir Charles erwähnt wurden , so gewann auch die Unterhaltung einen lebhafteren Gang , denn man kam auf die natürlichste Weise von der Welt von diesen zu dem allerliebsten Affen , dem interessanten Reisegefährten seines Herrn . Sir Charles erzählte einige lustige Anekdoten , in welchen sein Koko die Hauptrolle spielte ; das hübsche Kind mußte über diese Geschichtchen lachen , und da ihr das ganz allerliebst stand , so erzählte Sir Charles immer mehr , und seine Zuhörerin lachte immer herzlicher . Beide dachten gar nicht daran , dieser Unterhaltung müde zu werden , und Sir Charles würde gewiß , wer weiß wie lange , noch da geblieben seyn , ohne daß es ihm eingefallen wäre , fortgehen zu wollen . Doch nach einem halben Stündchen schickte Herr Kleeborn hinauf , lies sein Nichtwiedererscheinen für diesen Abend durch unerwartete wichtige Geschäfte entschuldigen , die ihn bis tief in