Er ahnte , daß er die alte Frau nicht wiedersehen würde ... Rings blickte er auf seine Bücher , seine Bilder ... Es war ein Abschied auf ewige Zeit ... Die Huldigungen , die seiner ersten Abreise gebracht wurden , fehlten auch dieser zweiten nicht ... Für die von ihm etwa abgefallenen Seelen waren andere eingetreten und die Feierlichkeit der Begrüßung im Kapitelhofe war sogar noch größer , als früher durch Schnuphase ' s Rede ... Sie war geordneter ... Die Curie hatte an dem Erfolg dieser Reise das höchste Interesse ... Viele der alten Herren traten selbst an seinen Wagen ... Dies war ein ganz eleganter , den Bonaventura gar nicht bestellt hatte ... Den von Glückwünschen fast Erdrückten hob Thiebold , der gestern nur zum Schein Abschied genommen hatte , in seinen eigenen Wagen ... Er hatte alles so arrangirt ... Der gestrige Abschiedsbesuch maskirte die Absicht , den Hochverehrten nicht blos bis an das Dampfboot zu begleiten , sondern auch noch eine Strecke weiter hinaus ... Die Blumen wurden einem Altar der Kathedrale übersandt , an dem Bonaventura oft celebrirte ... Thiebold ließ sich nicht nehmen , bis zum Hüneneck mitzufahren ... Zwei Stunden lang » zerstreute « er die stille , der Sammlung bedürftige Seele des unglücklichen Priesters ... Erst am Hüneneck verzogen sich die Nebel ... Die Gegend , selbst im Winteranfang lieblich wie immer , entschleierte sich ... Thiebold konnte nicht allen Empfindungen Ausdruck geben , die ihm der Anblick Lindenwerths , der Blick nach Drusenheim und dem Geierfels hinüber machte , wenigstens nicht in Bonaventura ' s Gegenwart ... Am Gasthaus zum Roland landete der Dampfer ... Thiebold stieg hier aus und erneuerte den Abschied ... Als Bonaventura allein war und tiefbewegt Rundgänge , die denen in seinem eigenen Geisteslabyrinth glichen , auf dem Verdeck machte , das erst jetzt von seiner Reinigung und der Nebelnässe zu trocknen anfing , bemerkte er , gerade beim Hinblick auf die Maximinuskapelle und den Sanct-Wolfgangsberg , hinter dem sein altes stilles Glück lag , einen jungen Mann , der , mit dem Rücken an den Radkasten der Maschine gelehnt , ihn mit großen durchbohrenden Augen ansah ... Die Gestalt war nicht zu groß , zierlich und behend ... Die Kleidung elegant ... Ein Mantel von dunkelbraunem Tuch mit offenen Aermeln , am Kragen besetzt mit schwarzem Sammet , das Futter von einem langflockigen Zeuge und Schnurtroddeln geschmackvoll zum Zusammenhalten des Mantels - Darunter ein schwarzer enganliegender Oberrock ... Die Cravatte schwarz ; ebenso die Handschuhe ... Ein feiner ganz neuer Hut auf dem Kopf ... Die Haare kurzgeschnitten ... Ueber den starren Ausdruck des bräunlichen zierlichen Antlitzes flog ein Erröthen und ein verlegenes Lächeln , als Bonaventura ' s Blick länger auf dem jungen Mann verweilte ... Doch zerstreute ihn bald die theure , geliebte Gegend ... Es ging vorüber an der Maximinuskapelle , am » Weißen Roß « ... Bonaventura bemerkte den jungen Passagier nicht mehr ... Auch später bei gemeinsamer Tafel fehlte die Gestalt , die ihm den unheimlichen Eindruck einer Aehnlichkeit mit Lucinden machte ... Hafenruhe konnte erst spät gegen Abend um zehn Uhr geboten werden ... Der junge Passagier war verschwunden ... Die Fahrt ging zuletzt im Dunkeln und bedurfte der Vorsicht ... Aber so kalt es wurde , die Passagiere verbrachten die längste Zeit lieber auf dem Verdeck ... Bonaventura ging auf und nieder ... Ein Berg mit einem hochthronenden Schlosse führte ihm die Scene vor , die Benno mit dem Staatskanzler erlebt und geschildert hatte ... Es war schon bald bei Ankunft in der großen alten » goldenen « Stadt , wo die Rast für die Nacht stattfinden sollte , als Bonaventura wieder den jungen Mann erblickte , eingeschlagen in seinen weiten Mantel und nicht weit vom Steuerruder sitzend ... Er rückte und rührte sich nicht ... Ging aber Bonaventura an ihm vorüber , so war es ein einziger unter dem etwas breitrandigen schwarzen Hut und aus der Umhüllung des emporgezogenen Sammetkragens hervorzuckender Blitz der Augen - ein Funkeln , wie ein Käfer in der Nacht aufglüht , ein Funkeln , wie ein lauerndes Raubthier sich durch nichts , als seine Augen verräth ... Kein Laut , keine Bewegung , als ein Zurückziehen des lackirten zierlichen Stiefels , um dem Vorübergehenden Platz zu machen ... Die Situation , die Zeitdauer , alles bot dem Priester Muße , sich an die entsetzliche und doch fast beruhigende Vorstellung zu gewöhnen : Wenn das Lucinde wäre ! ... Beim Landen , beim Wohnen in einem » Rheinischen Hof « war die Spur des jungen Mannes verschwunden ... Nach zwei Tagen und einem Aufenthalt in Frankfurt befand sich Bonaventura in der Stadt , wo er im Seminar gewesen ... Es war dasselbe Seminar , von dem Serlo erzählte ... Er besuchte alle ihm denkwürdigen Plätze der Erinnerung ... Die Altarstelle , wo er zum Priester geweiht worden ... Das Zimmer , wo Paula in der orthopädischen Anstalt lag ... Den Bischof , bei dem Lucinde convertirte ... Den Mitgeweihten Niggl , einen noch immer zwischen dem Naiven und Excentrischen unpraktisch , brausend und schnaubend hin- und herfahrenden , gutmüthigen Phantasten ... Bonaventura sah und begrüßte alles wie zum letzten mal ... Auch das berühmte Hospital des alten Bischofs Julius sah er ... In dem botanisch gepflegten Garten schien die Jahreszeit noch nicht der November ... Die Genesenden saßen zwar nicht im wärmenden Sonnenstrahl , aber die Irren rannten hin und wieder , gesticulirten und sprachen aufs zufriedenste mit sich selbst ... Da wieder der Anblick des jungen Mannes vom Dampfboot ... Kaum schoß er an ihm und an Niggl , der ihn begleitete , vorüber , so sagte dieser : Wer war nur das ? Das Gesicht ist mir so bekannt ... Nach wenigen Augenblicken , wo der junge Mann verschwunden war , begann Niggl , von unbewußter Ideenassociation geleitet , von Lucinden als von einer Hocherleuchteten , von einer durch Nück und Hunnius und viele andere in alle Vorkommnisse des innern Kirchenlebens Eingeweihten