nichts , als Ihnen ein Bild ihres gegenwärtigen Innern geben , vieler Geheimnisse , die sie drücken , auch der Ursachen , warum sie so plötzlich das Haus des Oberprocurators verlassen hat ... Ich versichere Sie , es muß eine große Begebenheit gewesen sein , die sie zu mir getrieben - Zu mir , in die dunkle schmutzige Rumpelgasse , zu meinem unausstehlichen Nathan , den ich nun schon dreißig Jahre nehmen muß , wie er ist ... Ich möchte schwören , daß in Holland , wo sie den ganzen Tag putzen und scheuern , keine Stube so sauber und rein ist , wie meine Schlafstube im dritten Stock unseres Hauses , das wir glücklicherweise allein bewohnen , und doch thut mir das stolze Kind leid - im reinsten Glase Wasser sieht sie Judenthum ... Aber sie hat keinen Ort gewußt , wo sie sich verbergen sollte ... Ich dürfte nicht an Ihrer Stelle sein , Herr Priester ... Schon aus Neugier , was sie von der Marcebillenstraße verjagt hat ... Acht Tage ist sie bei mir ... Der Nathan sieht die Polizei jede Stunde kommen ... Ich hab ' ihm versprochen , die Strafe aus meiner Gage zu zahlen - 30 Thaler jährlich , Herr von Asselyn ! Ich bin der wohlfeilste Buchhalter an der deutschen Börse ... So hockt sie verzweifelnd auf meinem Kanapee , schreibt Briefe , zerreißt sie , hat nichts bei sich , als ein Bündel , mit dem sie aus dem Nück ' schen Hause entflohen ist ... Hat der Mann Ihre Ehre verletzt ? rief ich sie an ... Sie antwortete mir darauf nichts , sah aber aus , als käme sie vom Richtplatz und erst seit drei Tagen hör ' ich sie weinen - weinen wie im Brustkrampf ! ... Sie sagt : Mein Unglück ist , ich falle über mich selbst ! Ich bin nur für die Schlechten da ! Ich habe etwas in meiner Art , das selbst die , die mich lieben wollen , an einem einzigen Tage zu meinen Feinden macht ! ... Könnt ' ich ihm nur einmal noch alles sagen und beichten ! sprach sie dann ... Ich gestehe , Herr Priester ! Von dem Wort » Beichten « hab ' ich keinen Begriff ... Je mehr ich bei mir selbst behalte , desto fester und besser werden meine Gedanken ... Ja die mauern sich dann erst recht aus wie ein Schwalbennest , das ganz sauber werden kann aus lauter kleinem Schmutz ... Müßt ' ich alles , was ich denke und eben erlebte , so frisch und weich wieder von mir geben , würde ich wie ein leckes Faß ... Ich bin katholisch ! sagte sie mir darauf ... Mein Gott , da stritt ich nicht mehr und weil ich die Neigung ihres Herzens schon durch die Bekanntschaft mit dem Herrn Pater Sebastus wußte und wie die Gefahr , nicht an Ihr Ohr zu gelangen , zu groß wurde durch Ihre Abreise , da sagt ' ich : Wissen Sie - Ich will für Sie gehen , Fräulein , wie Eliezer ging auf die Werbung für Jakob ... Sie umarmte mich , begleitete mich bis hieher - Unten in der dunkeln Gasse da - sehen Sie , da steht sie und wartet ... Geben Sie der Armen den Trost , daß sie Ihnen noch einmal , nur als einem Priester versteht sich , ihr Herz ausschütten kann ... Bonaventura ' s Gedanken sammelten sich in der Vorstellung , was Lucinde so plötzlich aus dem Hause Nück ' s entfernt haben mochte ... Auch an den Brand und an die Urkunde dachte er ... Er stand sinnend und zögernd ... Die Jüdin blickte aus ihren klugen Augen mit jener List hervor , die auch das gutmüthigste Kind im Spiele hat , wenn es Freude an einem Sieg seiner Klugheit verräth , ohne damit Böses zu wollen ... Bonaventura hatte sich erhoben ... Er hielt sich vom Fenster fern ... Er überlegte und sah die Scene , die ihm mit Lucinden drohte ... Sie konnte jetzt nicht anders enden , als mit ganzer Vertraulichkeit über alles , was ihn drückte ... Ein gemeinschaftliches Geheimniß zu bewahren bindet die Seelen wider Willen ... Er hätte Lucinden nicht anblicken können ohne zu sagen : Den Brief des Geistlichen Leo Perl - gib mir zurück oder zerreißen wir ihn und laß ' ihn zwischen uns ein ewiges Geheimniß bleiben ! ... Sich einem Weib verpflichtet fühlen , raubt dem Mann seine Selbständigkeit und Dank ist schon an sich eine Pflicht , die eine edle Seele nie karg abträgt ... Bonaventura ging eine Weile auf und nieder ... Er kämpfte ... Endlich hatte er entschieden ... Er wollte , er konnte nicht nachgeben ... Er sah in die Zukunft - ahnte , daß sie ihn immer und immer in Lucindens Bahnen führen würde ... Jetzt aber , jetzt in dem letzten Opferdienst seiner Seele für Paula , wollte er sich rein erhalten ... Er schüttelte sein Haupt und sprach : Ein andermal ! ... Und für sich : Komme was komme ! ... Die Jüdin stand in der Nähe der Thür , schon ihren Hut in der Hand ... Es schlug neun ... Ich kann meine Reise nicht aufschieben , fuhr Benno fort ... Erklären Sie - Lucinden , ich käme - ja zurück - und dann - dann vielleicht ... Veilchen schüttelte ungläubig den Kopf ... Das bestreitet sie - sagte sie ... Sie behauptet , Sie kämen nie zurück ... Bonaventura ließ , wie ein Ueberwundener , nur die Arme sinken und schüttelte ablehnend sein leidendes Haupt ... Woraus schließt sie das ? fragte er , vor Ueberanstrengung seiner Seele völlig kraftlos - ... Veilchen erwiderte : Man würde Sie in Wien fesseln , sagte sie ... Schon wäre ein Verwandter von Ihnen gefesselt worden ... Man würde Sie nicht sehen können , ohne die nicht zu beneiden , denen Sie immer angehörten ... Ich wiederhole ihre Worte ...