Ein Brief von Olga ! Übersandt durch ihren gezwungenen Verlobten , den seltsamgeschilderten Baron von Dystra ! Er steckte den Brief uneröffnet ein , trug aber durch die gewaltige Aufregung , die sich in seinen Mienen aussprach , viel dazu bei , die ängstliche Beklemmung , die Selma vor einem so fortwährend mit Frauen in zweideutiger Verbindung genannten Manne empfand , noch zu vermehren . Es liegt einmal in reinen und stolzen Mädchenseelen die Abneigung vor Männern , die ihr Geschlecht zu tief erkannt haben , begründet . Sie wußte nicht , wie unrecht sie dem guten Siegbert that , der im Grunde wenig dafür konnte , daß er , wie Dankmar sagte , eine Art Meister Frauenlob war . Leidenfrost blieb im Zuge seiner Mittheilungen ... Heinrichson , sagte er , ist in Rom und malt Grotten und Nymphen . Reichmeyer portraitirt und spekulirte auf ein Tableau unsrer Deputirtenkammer , kurz ehe sie aufgelöst wurde . Der Zorn darüber hat ihn fast demokratisch gemacht . Sein Onkel , der Banquier , hofft durch Egon zu einer Staatsanleihe befördert zu werden . Frau von Reichmeyer , Reichmeyer ' s Schwester ( in diesen Familien heirathet sich immer die Verwandtschaft überzwerg ) hat sich deshalb auch entschlossen , mit einer philanthropischen Idee dem Hofe zu Gefallen zu leben und die innere Mission zu befördern , so wenig es ihrem Patschoulicharakter zusagt , sich an die Betten der Aussätzigen zu begeben und in die fünften Etagen zu den Armen steigen zu müssen . Doch hat sie nun einmal damit angefangen und sich vorläufig die Branche der Kindergärten erwählt , die sie protegirt . Ich sah Frau von Reichmeyer bereits durch die Thürritze eines solchen Kindergartens ( im Zimmer ) die kleinen Kinder spielen lehren . Beneiden Sie mich um diesen idyllischen Anblick , Wildungen ! Die Blasirtheit jetzt unter Kinderwindeln ! Sie wissen gar nicht , was Ihnen Alles seither entgangen ist . Die Frau Pfarrerin wagte sich mit einigen Vertheidigungsworten der Kindergärten hervor , wollte aber eigentlich die Rede nur auf ihren Mann bringen , den sie auch für ihre gute Meinung von den Kindergärten als Autorität anführte . Es lebe Jean Paul ! sagte Leidenfrost einsilbig . Was soll Jean Paul ? fragte man erstaunt . Ich denke mir , meinte Oleander , daß Herr Leidenfrost sagen will , Jean Paul wäre die Veranlassung einer zu großen Verhimmelung der Kinderseelen ? Wäre dies der Fall , dann hätte Jean Paul auch zuviel für die Blumen gethan . Für die Redeblumen gewiß ! bestätigte Leidenfrost und gab die Beziehung auf Guido Stromer zu erkennen . Herrlicher , göttlicher Jean Paul ! Du durftest aus deinem Füllhorn die Blumen frühlingsweise werfen , du wußtest sie zu binden und zu ordnen und was daneben fiel , als überflüssig , du hattest es doch selbst gezogen , was du schenktest ! Aber was soll uns die wuchernde Überfülle des Geistes , die nur der Form , nicht dem Inhalte der Wahrheit dient ! Seht diese Geistreichen ! Wie sie sich recken und dehnen , um wunderbare Figuren zu Stande zu bringen und der grade , schlanke Wuchs der Überzeugung fehlt ! Diese Menschen sind unser Unglück . All ' ihr Geist befruchtet nichts , schafft nichts , gestaltet nichts . Nicht einmal ein Gedicht kommt zu Stande mit ihren an Alles und Jedes sich anpinselnden Wahrnehmungen . Nein , ich lobe mir die Einfältigen eher , die wissen , was sie wollen , als die Geistreichen , die im Grunde nur afterreden und wenn ' s hoch kommt , der Lüge dienend jede Meinung vertheidigen , wie zuletzt Burke , Gentz und Friedrich Schlegel thaten . Die Frau Pfarrerin konnte natürlich nicht ahnen , daß dieser Angriff ihrem Manne galt , der , wie Leidenfrost flüsterte , den Titel als Hofrath zu erhaschen strebte ; Ackermann , Oleander und Siegbert verstanden ihn sehr wohl und Siegbert winkte Leidenfrost , sich zu mäßigen . Warum ? sagte dieser . Von den Einfältigen zu reden , wissen Sie denn , Wildungen , was aus Sr. Excellenz dem Herrn Geheimrath von Harder geworden ist ? Ich las es in den Zeitungen mit Erstaunen , bemerkte Siegbert . Intendant des königlichen Theaters ! Nicht wahr , mein Freund ! sagte Leidenfrost scharf betonend . Auch ein Ritter vom Geiste ! Und die Ritter vom Geiste müssen ohne Zweifel ihre Don Quixotes haben ! Ackermann fragte mit forschender Miene : Welcher Herr von Harder ist das ? Der weiland Intendant der königlichen Gärten , Kurt Henning Detlev von Harder zu Harderstein . Er verlor die königliche Gnade , sintemalen er allzu dienstbeflissen das Mobiliar der Fürstin Amanda von Hohenberg zu Staatszwecken verwandte , um , wie man nun allgemein weiß , gewisse Denkwürdigkeiten der Fürstin , die sich in ihm vorfanden , zu unterdrücken , zu vernichten , zu ecrasiren , zu annulliren , was weiß ich - Weiß man Das ? fragte Siegbert erstaunt . Welche Denkwürdigkeiten ? bemerkte Ackermann aufhorchend . Dieselben Denkwürdigkeiten , sagte Leidenfrost , die die eigenthümliche Wirkung gehabt haben sollen , den Fürsten Egon mit der schlimmsten Feindin seiner Mutter , Pauline von Harder , zu ewigem Trutz und Schutz auszusöhnen . Ackermann hörte mit einem Interesse zu , das nur bei der heitren Stimmung , in die Leidenfrosten ' s weitre Erzählung die Gesellschaft versetzte , unbemerkt bleiben konnte . Dieser übertriebene Diensteifer , sagte der humoristische Berichterstatter , verjagte den Geheimenrath aus dem Paradiese der königlichen Gärten und nicht eher ruhte das Flammenschwert des Erzengels der Etikette und Courtoisie , bis der Geheimrath sich hinter eine vom Prinzen Ottokar protegirte Tänzerin flüchtete , auf dem Theater ihr ein Armband überreichen wollte , dabei in eine Versenkung fiel und - für das Armband - als bestallter Mäcen der dramatischen Kunst und Literatur wieder herausgezogen wurde . Frau von Harder , die mit Egon und Melanie Schlurck Politik im großen Style treibt , dankt Apoll und den neun Musen , daß ihr Gemahl