wird Sie sehen , Sie mögen ihn fragen , woher er diese Dinge in Kenntniß genommen hat und er wird Ihnen ausweichen und Sie blos fragen - nach Bröder ' s lateinischer Grammatik ... Löb - Seligmann ? ! ... sagte Bonaventura mit tonloser Stimme ... Von ihm weiß ich , fuhr Veilchen fort , daß Leo Perl mich nicht aus Untreue verließ , sondern gezwungen durch Umstände , die ihren Grund auch in seinem ungläubigen Aberglauben , seiner geistreichen Narrheit gehabt haben mögen ... Ich weiß aus hundert Briefen , daß er den menschlichen Willen bestritt und nichts gelten ließ , als den Zufall ... Er liebte Ihren Oheim so , daß ich darauf eifersüchtig wurde ... Er nannte überhaupt die Leichtsinnigen erst die wahren Menschen ... Bonaventura hatte nun die äußerste Furcht um Benno ' s Geheimniß , um Lucindens neue Mitwissenschaft so gefahrvoller Verwickelungen ... Diese Furcht äußerte er zunächst ... Werd ' ich , sagte die Jüdin , da ich schon die Liebe des Mädchens zu Ihnen eine Rache genannt habe , noch neue Kohlen darauf schütten ! ... Dann bat sie , daß im Gegentheil der Herr Domapitular den gezwungenen Lauscher auf Schloß Neuhof schonen möchte ... Sie erzählte dessen Abenteuer ... Sie fügte hinzu , daß er zwar die Charaden gehört hätte , aber nicht ihre Auflösung ... Sie verlor sich in die Erinnerung an Leo Perl und schloß : Er fand den Hochmuth der Sängerin Maldachini gewiß nur lächerlich , weil er sagte : Was ist denn Eure Tugend ? ... Die Bequemlichkeit der Umstände ! ... Und seinem Freund , dem damaligen Kaplan von Asselyn , konnte er nichts abschlagen ... Seine Angst und die Scham kam erst , als er die Priesterkleider schon anhatte und die betrogene Frau vor ihm stand ... Da weiß ich , daß er gern hinausgestürzt wäre in den hellen Mondscheinwald und hätte , schon um zu büßen - denn büßen , das ist grade unser Jüdisches - die Kleider nicht wieder abziehen mögen ... Auch daß er zur Sühne an dem Betrug einen andern schönen Park , den in Kocher am Fall , aufgab , den Park , wo ich von ihm Spinoza und Liebe - ohne Leidenschaft kennen lernte , auch das ist diese Kasteiung , die die Christen blos uns Juden verdanken ... Das Christenthum ist die größte Schmeichelei an uns Juden ... Ein Lächeln begleitete diesen Scherz ... Doch es erstarb schnell , da sie Bonaventura ' s Erregung sah ... Sie fuhr fort : Vor seinem Tode gab Perl einem Mönch Namens Hubertus , er ist jetzt in Rom , eine lateinische Schrift , die dieser einem hohen Geistlichen in Witoborn übergeben sollte , aber erst dann , wenn er ohne ein Aergerniß begraben worden wäre ... Seltsam , daß ich diese Schrift gesehen habe ... Ich sah sie in der Hand des Fräulein Lucinde ... Es war in diesem Jänner ... Kurz vor Ihrer Abreise nach Witoborn ... Das Fräulein brachte die Schrift von einer gefährlichen Unternehmung mit , von der Sie ja wissen - als sie den Pater Sebastus aus dem Profeßhause befreien wollte ... Bonaventura stand voll bebender Combinationen : Leo Perl - Seine Reue über den Uebertritt - der Zwang des Kronsyndikus - Seine Pfarre in Borkenhagen - Seine eigne Taufe durch Perl - die Schrift - Lucindens Drohung - ... Veilchen fuhr fort : Es war ein Brief , den ich nicht lesen konnte - in Latein - Aber vielleicht war es derselbe an den Bischof von Witoborn , von dem Löb Seligmann gehört hat , daß er leicht in die Hände Ihres seligen Herrn Vaters hätte kommen können , da dieser gleich nach dem Tode des Bischofs Konrad , der unmittelbar nach dem Tod des Leo Perl erfolgte - die geistlichen Archive - ordnete ... Bonaventura hörte nur - ... Aber er hörte , wie der Verbrecher in Vorahnung eines über ihn gefällten Todesurtheils den Anfang seiner Sentenz lesen hört ... Er wollte nicht verrathen , was in ihm vorging ... Er wollte seinem Antlitz den Ausdruck der Ruhe und Fassung geben ... Umsonst ... Ein eisiger Frost durchschüttelte seine Glieder ... Seine Zähne fingen an zu zittern ... Er ahnte einen tiefen , tiefen , ewigen Verdruß seines Lebens ... Er that einige Schritte vorwärts und sank auf einen Sessel ... Mein Gott im Himmel - ! rief die Jüdin , erschreckend ebensowol über Bonaventura ' s Anblick , wie über ihr Unvermögen , einem ohnmächtig werdenden Manne helfen zu sollen ... Was ist Ihnen ? ... Bonaventura ' s Gedanken konnten nicht anders lauten , als : Lucinde sagte , mit dem Inhalt jenes Briefes könnte sie dich ewig in ihren Händen halten ? Deinen Segen könnte sie in Fluch verwandeln ? Selbst wenn du die dreifache Krone trügest , könnte sie alle deine Handlungen ungeschehen machen ? ... Was gibt ihr diese Kraft ? ... Was gibt dir - diese Unkraft ? ... Bist du - kein Christ - ? ... Bist du nicht getauft - ? ... Bist du nicht - richtig getauft - ? ... Nun schossen seine fiebernden Gedanken weiter : Du bist von Leo Perl in den Tagen getauft , wo sein Gemüth von Reue über seinen Schritt , von Wuth über den Kronsyndikus , der ihn zwang , Priester zu bleiben , ergriffen war ... Diese Stimmung behielt er vielleicht lebenslang ... Seine ganze Stellung war die der Zerfallenheit mit sich , die der Reue über sein übereiltes Christwerden , der Rache für den Zwang , der ihm zuletzt auferlegt wurde , der jahrelangen Verstellung ... In dieser Schrift bekannte er sich schuldig , alle seine kirchlichen Functionen ohne Absicht und Direction des Willens vollzogen , dich und andere » ohne Intention « getauft zu haben ... Der Bischof starb schnell hinter Leo Perl ... Sein Vater nahm die Urkunde an sich und unterdrückte sie ... Leo Perl war todt , das Verbrechen war geschehen , nicht anders