Zusammenhang gebracht werden mußte ... Die Abschiedsscene vor seiner Reise nach Witoborn , die Erinnerung an die damals gegen ihn ausgestoßenen Drohungen stand schreckhaft vor seiner Phantasie ... Noch vor acht Tagen begegnete ich ihr in der Kathedrale , sagte er ... Sonst seh ' ich sie ja schon lange nicht mehr , da sie meinen Beichtstuhl nicht - besucht ... » Besuchen darf ! « - hallte es in Thiebold wieder ... Es wußte dies die halbe Stadt ... Nachdem Thiebold mit tausend Segenswünschen , mit guten Rathschlägen , mit Grüßen an Benno , mit Verwünschungen der großen Demosthenes-Rolle seines Vaters bei den Landständen gegangen war , fiel erst recht der Schrecken der Mittheilung über Lucindens spurloses Verschwinden auf Bonaventura ' s Brust ... Es war am Abend vor der Abreise ... Sieben Uhr ... Draußen schon lange alles finster - Sein Gepäck geordnet ... Dann und wann blickte er auf die matterhellten öden Gänge des Kapitelhauses ... Es war ihm , als müßte es plötzlich pochen und als würde ihm wieder eine äußerste Erregung kommen ... Konnte er sich verbergen , daß er Tag und Nacht an Lucinde dachte ! ... Furcht vor ihren Drohungen zwang ihn dazu ... Jeder irgendwie bedeutendere Vorfall in seinem Leben weckte die Erinnerung an die ihn betreffenden Verhältnisse , die sie in ihrer ewigen Obhut zu haben erklärt hatte ... Diese Drohung , daß sie jeden Segen , den er zu verbreiten hoffte , in Fluch verwandeln könnte , vergaß er nicht und nahm sie , immer und immer wieder gedenkend , nicht so leicht , wie der Onkel ihm gerathen hatte ... An diesem Abend vor seiner Abreise kam ihm wieder die trübe Vorstellung mit ganzer Macht ... In sich steigernder Angst hatte er seine Thür verriegelt ... Er hatte sich allen Abschieden entzogen ... Die Briefschaften an den Cardinal Ceccone , in denen die Curie um die Nachgiebigkeit Roms flehte , lagen in einem geheimen Fach eines seiner mehrern Koffer ... Er rechnete an seiner Baarschaft , siegelte die Briefe nach Witoborn und Kocher am Fall und wollte zeitig zur Ruhe ... Das Dampfschiff brach schon in erster Frühe auf ... Er hatte die Karte vor sich ausgebreitet ... Sein Auge schweifte bald auf die nächsten , bald die entferntesten Gegenden ... Auf Kocher am Fall , wo ihn ein Bangen ergriff : Den theuern Onkel siehst du nicht wieder - ! ... Auf Westerhof und Witoborn , wo so viele Herzen gerade jetzt mit gleichen Empfindungen an ihn denken mochten ... Paula ! ... Ein verklungener Glockenhall ... Jene » letzte Freude « seines Liedes vielleicht - » aufschäumend « vor dem Tode ... Die eigene Mutter - die ihre Theorie vom Nichtwissen , das dem Menschen bei mislichen Dingen besser wäre , als Wissen , auch auf die Verhältnisse mit Benno übertrug und dem Sohn noch vor kurzem geschrieben hatte : » Wittekind ist so gewissenhaft ; rege ihn nicht auf mit Benno ' s Mittheilungen aus Wien ! Allein schon die Nachricht über den Tod Angiolinens raubte ihm die Ruhe der Nächte « ... Auf die Donau sah er dann , auf Wien und seine Umgebungen , wo er den Grafen Hugo prüfen sollte - ! Prüfen , glaubte er , ohne daß es Graf Hugo wußte - Ach , es war wieder jene Welt der Beichtgeheimnisse , in denen er lebte , jene Welt , wo der Sohn vom Vater , die Tochter von der Mutter , der Schüler vom Lehrer , Gesinde von der Herrschaft spricht ... Schon hatte er jene katholischen Priesteraugen , die so irrend umgehen ... Wird es dir in Rom , auf das er blickte , gehen wie dem Augustinermönch Luther ? ... Wirst du Castellungo berühren dürfen und deine Mutter - wirklich als in Bigamie lebend erkennen ? ... Wirst du dich nur bei Nacht zu Frâ Federigo stehlen dürfen , wie Nikodemus zum Herrn ? ... Wirst du so fortleben in deinem Beruf ? Halb in Haß , halb in unerklärter Liebe zu ihm ? ... Wo ist Versöhnung ? ... Und siehst du Benno und die beiden flüchtigen Alcantariner ? ... Siehst du das Schreckbild unsers Glaubens Klingsohr ? ... Siehst du den » Abtödter « , der - vielleicht am Brand in Westerhof betheiligt ist ? ... Sinnend fiel sein Blick auf die Karte dahin und dorthin ... Mit den Alpen brach sie ab ... Da lag noch der St.-Bernhard ... Da lag St.-Remy , wo sein Vater begraben sein sollte ... Da Aosta ... Dann dachte er wieder , grade diese Gegend müsse er meiden , eben des Vaters selbst wegen , der todt sein wollte ... Zuletzt ging es auf der Karte bergab gen Süden mit hundert kleinen Gebirgswässern , die wie Fäden eines Nervengeflechts dahinschossen , durchschnitten vom Längenmaß der Karte ... Castellungo , Cuneo und Robillante lagen tiefer abwärts , am Fuß der Meeralpen , jenseit Turins ... So in das geheimniß- und verhängnißvoll Leere blickend , erschrak er vor einem plötzlichen Pochen ... Er glaubte sich geirrt zu haben ... Das Pochen war leise und wiederholte sich nicht ... Das große Gebäude war in seinem Haupteingang verschlossen ... Eines Ueberfalls verdächtiger Personen konnte er nicht gewärtig sein ... Das Pochen erfolgte nach einer Weile zum zweiten mal und Bonaventura glaubte nun schon nicht anders , als Lucinde stünde draußen ... Der erste Strom , der sich von seinem erregten Gemüth über alle seine Nerven ergoß , war Todschrecken ... Seine Hand langte nach dem Klingelzug und klingelte ... ... Es währte lange , bis seine trauernde Renate kam und die verweinten Augen barg ... Sehen Sie doch , wer draußen ist ! sagte er bebend ... Ist es - die Ihnen - bekannte - Person , so bin ich nicht zu sprechen ... Mit diesen Worten ging er in das Nebenzimmer und horchte an der Thür , wer sich meldete ... Renate hatte geöffnet ... Die Stimme mußte nur leise sprechen ...