irrte um die Freyung , wo sich ihm ein so schnell gefundener Freund so schnell wieder entzogen hatte ... Er irrte in die Nähe der dunkel gelegenen Kirche , wo die Gedächtnißmetten für Angiolinen gehalten wurden ... Er irrte einem Platze zu , wo sich die stolzen Gebäude des Kriegsministeriums erheben , bei dem er sein Abschiedsgesuch zurückzunehmen gedachte ... So kam er zu den sogenannten » Obern Jesuiten « , zum Haus des heiligen Stanislaus ... Eine Weile stand er trauernd in der dunkeln Gasse ... Da hörte er einen getragenen Gesang aus einem hintern Hofe her mit einfacher Klavierbegleitung ... Therese Kuchelmeister machte mit den Professoren Dalschefski und Biancchi das nicht zugelassene , in schneller Begeisterung gemeinschaftlich aus alten Studien zusammengestellte Requiem ... Bei einem sanften Minore , in dem die Worte : Dona eis pacem ! erklangen , ließ Therese mit den Worten : Jesus , der Graf ! die Noten fallen . 12. Einmal , eh ' sie scheiden , Färben sich die Blätter roth , Einmal noch in Freuden Singt der Schwan vor seinem Tod - Und an edeln Bäumen , Wenn der Winter vor dem Thor , Bricht in irrem Träumen Wol ein Frühlingsreis hervor - Stirbt der Lampe Schimmer In des Dochts verkohltem Lauf , Zuckt mit hellem Flimmer Einmal noch die Flamme auf - Einmal wird gelingen , Eh ' mein Stundensand verrollt , Mir von guten Dingen Eines noch , was ich gewollt - Eins wird sich erfüllen , Eine Freude wird , wie Wein , Schäumen - überquillen - ! Mag es dann geschieden sein . So fühlte Bonaventura in einem Winter , wo die Novembertage noch fast sommerliche Sonnenstrahlen entsendeten und die Mandelbäume zum zweiten male zu blühen , die Hecken neue Sprossen zu treiben begannen ... Die Vorlagen waren fertig , die Bonaventura , überdrüssig der wieder aufs neue begonnenen Anfeindungen - - jetzt infolge seiner Predigt - sich in der That erboten hatte , dem Cardinal-Legaten in Wien zu überbringen ... Benno hatte überraschend schon aus Rom geschrieben und welchen Inhalt barg sein der Sicherheit wegen durch reisende Geistliche überbrachter Brief ! ... Wie erschütternd , wie befruchtend für ein ganzes Leben ! ... » Komm ' auch Du herüber « , hieß es nach der Erzählung alles dessen , was Benno in so wenigen Tagen erlebt hatte ; » ich weiß einen Bischofssitz in Italien , der nur allein Dir gebührt und der Dir angetragen wird , sobald Du in Wien angekommen bist und an einem gewissen Altar zu Maria Schnee dreimal celebrirt hast « ... Er hatte den Sitz , um Aufregung wegen Paula zu vermeiden , nicht genannt ... Und vom Onkel Levinus war in der That die feierliche Aufforderung gekommen , seine Ermunterung zu Paula ' s Ehe zu wiederholen , aber nur erst dann , wenn er den Grafen Hugo persönlich gesehen , gesprochen und seine Würdigkeit geprüft hätte ... Im ersten Schmerz nach dem Empfang dieses Briefes sagte Bonaventura : Das ist das erste strafende und herbe Wort , das ich aus Paula ' s Munde vernommen ! ... Eine auferlegte Buße ! Eine Strafe ! ... Sie will , daß ich den Kelch , den ich ihr so kalt reichte , selbst leeren helfe ! ... Jedes Glöcklein in der Mette , jeder Orgelton sprach ihm jetzt : Sustine et tolle ! Halte aus und trage ... So wollte er denn reisen und länger fortbleiben ... Er wollte nach Italien , nach Rom ... Er nahm Urlaub auf ein Jahr ... O du Kreuz , du Holz der Sühne , Wahres Heil der Welt , o grüne , Grüne , blühe , sprosse fort - ! war der Text seiner Abschiedspredigt ... O crux , lignum triumphale , Mundi vera salus , vale , Fronde , flore , germine - Worte des Hugo von Aurelia , die ihm Gelegenheit gaben , auch von der » Schönheit der Leiden « zu sprechen ... Bonaventura stand wieder unter doppelter Anfeindung ... Ebensowol von der Regierungs- wie von der kirchlichen Seite ... Zwar hatte er die Genugthuung erhalten , daß gegen Cajetan Rother eine Untersuchung eingeleitet wurde , die der junge Enckefuß mit Erbitterung führte ... Bonaventura hatte in Betreff der jetzigen Madame Piter Kattendyk richtig geahnt , daß der ungetreue Hirt den religiösen Hang und Treudchens Trauer ebenso gemisbraucht hatte wie ihre geringen Geisteskräfte ... Er hatte sie zur Heiligen - methodisch erziehen wollen ... Der Kampf der Curie , um eine solche Offenbarung bestialischer Verwilderung nur innerhalb der geistlichen Gerichtsbarkeit zu bestrafen , ging aufs äußerste ... Die Kirche ist gegen die Verbrechen ihrer Kleriker strenger , als irgend ein weltliches Gesetz ; nur will sie dann allein strafen und dem Staat den Einblick versagen ... Bonaventura mußte Zeugenaussagen vor Gericht geben - Auch das mehrte sein Unbehagen . Er sehnte sich für immer fort ... Er hatte die Ahnung , nicht wiederzukommen ... Je vollständiger die Rüstung Bonaventura ' s zu seiner Reise sich abschloß , je mehr sie den Charakter annahm , den nur allein Renate nicht bemerkte , daß er vielleicht in ein ganz nur der Gelehrsamkeit gewidmetes Benedictinerkloster an der Donau oder in der Schweiz trat , desto banger wurde ihm die Erinnerung - - an Lucinde ... Wird sie , sie dich so ziehen lassen ? sagte er ... Er erfuhr von Thiebold , daß sie zwar aus dem Kattendyk ' schen Hause zur Frau Oberprocurator Nück gekommen wäre , aber nur auf acht Tage , und daß sie plötzlich dort verschwunden war ... Thiebold erröthete , als er gestand , daß Nück in seiner Verzweiflung auch zu ihm gekommen war und ihn gebeten hatte , beim Domkapitular anzufragen , ob dieser keine Auskunft über sie wisse ... Bonaventura nahm acht Tage vor seiner Reise keine Beichte mehr ab ... Er erschrak theils über die Voraussetzung seiner nähern Bekanntschaft mit Lucindens Verhältnissen , theils in Vorahnung , daß mit dieser Nachricht vielleicht wieder seine Reise in