Und wenn Lutz gewollt hätte . . . . ? O mein Gott , warum wurde das Unrecht , die fürchterliche Schande plötzlich ein gutes Recht , nachdem der Pastor ein paar Worte gesprochen ? Das war ein schauerliches Geheimnis . Agathe hatte nun das Elend gesehen — das tötliche Elend . Und die Polizei hatte auch dabei zu thun gehabt ? Wer mochte wissen , was für abscheuliche Dinge sich da noch verbargen . Und das alles hatte dieses kleine Mädchen , das mit ihr zusammen am gleichen Tage fröhlich ins Leben hinausgetreten war , in den paar Jahren , in denen sie sie aus den Augen verloren , gesehen , erfahren , durchlitten . Und sie und ihre Mutter waren schuldig . Ja — ja — ja — sie waren schuldig . Aber Mama würde das niemals verstanden haben . Agathe ging zu ihr und sagte ihr von Luisens Tode und von dem Leiden , das sie um sie trug — und Mama blieb ganz ruhig und kühl . “ Ja — diese Frauenzimmer — sie taugen alle nichts — sie sind zu unserer Qual erschaffen , ” war ihre Antwort . Wie kam es nur ? Ihre Mutter war doch sonst eine gutmütige Frau ? Warum war sie in dieser einen Beziehung so ganz blind ? Ein hartes Urteil fiel ihr ein , das Martin Greffinger einmal über die Frauen der Bourgeoisie gefällt hatte — über ihre verknöcherte Engherzigkeit . Aber der war doch Sozialdemokrat oder irgend so etwas Ähnliches . Er durfte nicht Recht behalten ! Er durfte nicht ! — — Agathe hatte wahrhaftig keine Ursache , beständig so verstimmt zu sein und ihr Los zu beklagen . Das heißt : äußerlich merkte man ihr ja die Verstimmung noch nicht an — so viel Selbstbeherrschung hatte sie denn , Gott sei Dank , doch noch . Sie hatte es ja auch so gut im Vergleich mit dem armen Geschöpf . Und nun sah sie , wohin es führte , wenn man den Liebes-Gedanken Raum gab und sich nicht dagegen wehrte . Freilich , kein Mann würde es wagen , sie , Agathe Heidling , Tochter des Regierungsrats Heidling , in Versuchung zu führen — ach , lieber Himmel , gegen sie waren die Herren ja alle die vornehmste Anständigkeit — es war schon beinahe langweilig . Ja — aber — zeigte das nicht erschreckende sittliche Verderbtheit , daß sie oft wahrhaftig beinahe wünschte . . . So weit war sie schon gekommen . Wer weiß , wie schnell es da weiter ging — hinab — hinab . . . ohne Halt — ohne Wiederkehr ! Kein gefallenes Mädchen richtet sich wieder auf , sagte Papa einmal , und unerbittlich sah er dabei aus , wie der Engel mit dem feurigen Schwert an der Paradiesespforte . Wahrscheinlich hätte alles nichts genutzt , was für das kleine Hausmädchen geschehen konnte — also nur schnell und ordentlich in den Schlamm hinunter . Und Eugenie ? Und der Commis in der Stube mit den Cigarrenproben ? Es war gräßlich , daß Agathe immer noch daran denken mußte . Alle ihre Träume und Phantasieen waren von dem Gift der Sünde befleckt . Wie schlecht , wie durch und durch verdorben war sie ! Hohe Zeit , daß ein Abschnitt gemacht wurde ! Alles Beten und Jammern zu Gott dem Herrn um Hilfe hatte nichts gefruchtet . Wer konnte wissen , ob es einen Gott gab ? Jedenfalls hatte er sich Agathe nicht geoffenbart und sie im Stich gelassen . Sie mußte sich nur einmal recht klar machen , daß ihre Jugend vorbei und es einfach schmachvoll war , sich nun noch — in reiferen Jahren — so dummen Ideen hinzugeben . Nur ein- für allemal keine Hoffnungen . Das Haar ging ihr auch schon aus , und wenn sie lachte , so hatte sie kein niedliches Grübchen mehr , sondern eine richtige Falte . Wie viele Mädchen heiraten nicht . Das Leben bot ja auch sonst noch so viel Schönes ! Und Pflichten hatte sie genug — die brauchte sie wirklich nicht außer dem Hause zu suchen . Hatte sie denn ihr Gelübde , einzig und allein für ihre Eltern zu leben , so ganz vergessen ? Sie mußte viel liebenswürdiger und heiterer sein ! Wenn Papa nach Berlin versetzt würde . . . . Das wäre doch mal wieder ein neuer Anfang ! Sie wollte sich nur nicht zu sehr freuen , sonst kam es schließlich nicht dazu . Und es kam auch nicht dazu . Irgend ein Minister hatte Differenzen mit einem anderen Minister , oder er vertrat ein Gesetz , das im Reichstag nicht angenommen wurde — kurz , er mußte sein Portefeuille niederlegen , und Papa wurde nicht vortragender Rat in Berlin , sondern bekam seinen Abschied . Wie das zusammenhing , hörte Agathe natürlich nicht . Sie hätte es doch nicht verstanden , und es wäre dem Regierungsrat überhaupt nicht eingefallen , ein junges Mädchen in Berufsangelegenheiten einzuweihen . Man mußte sich nun mit der Pension einrichten . Und Papa zahlte außerdem viel an die Lebensversicherung . Man entließ also das zweite Mädchen und nahm eine kleinere Wohnung , von der man ein Zimmer an Onkel Gustav vermietete . Onkel Gustav hatte nicht viel Glück mit dem Jugendborn gehabt . Außer Agathes Freundinnen , denen er es schenkte , hatte niemand nach dem Toilettenwasser gefragt . Und so war die Menschheit nicht schöner und Onkel Gustav nicht reicher geworden . Er beschäftigte sich zwar immer noch in Gedanken damit , irgend eine reizende junge Erbin zu heiraten , um seine Erfindung mit ihrem Vermögen zu poussieren . Aber inzwischen hatte er sich bei seiner Schwägerin in Pension gegeben , denn sein Magen konnte das Gasthofsessen nicht mehr vertragen . Agathe rechnete nach , daß das bescheidene Kostgeld des guten alten Onkels Bedürfnisse bei weitem nicht deckte . Aber Mama glaubte jedesmal , wenn er am ersten des Monats seine zwei Goldstücke ablieferte , sie habe