nicht als ein kostbares Geheimniß zu betrachten . Wenn er die pikante Neuigkeit jetzt den Gesellschaftskreisen preisgab , so ließ sich eben nichts weiter damit anfangen , in seinem Alleinbesitz dagegen konnte sie zu Vielem nützen . Sicherte sie ihm für den Augenblick doch schon einen Einfluß auf Beatrice und indirect sogar auf Rinaldo , dem dieses Bekanntwerden seiner Familienbeziehungen zum Mindesten nicht angenehm sein konnte . In der vortrefflichsten Stimmung durchschritt der Maestro den Salon und trat in das Vorzimmer , wo sich augenblicklich nur der Matrose Jonas befand . Der Capitain hatte ihn seinem Bruder mit einem Auftrage nachgesendet ; er wähnte diesen bei Signora Biancona ; Reinhold befand sich aber noch bei dem Intendanten , wurde jedoch jeden Augenblick erwartet . Das erfuhr Jonas von einem Bedienten , der aus dem Dienste des Impressario , welcher einst die italienische Operngesellschaft nach Deutschland führte , in den Beatrice ’ s übergangen war und als Errungenschaft seiner nordischen Reise etwas Deutsch radebrechte . Da der Matrose den Auftrag hatte , das Billet seines Herrn dessen Bruder selbst zu übergeben , so blieb ihm nichts übrig , als zu warten ; er faßte daher im Vorgemach Posto , das Reinhold jedenfalls passiren mußte . Er hatte allerdings bemerkt , daß die Thür eines der Hinterzimmer offen stand und daß sich dort Jemand befand , anscheinend ein Kammermädchen der Signora , welches sich mit einer Robe ihrer Gebieterin beschäftigte . Da dieser Jemand aber ein Frauenzimmer war , so existirte er begreiflicherweise nicht für Jonas , der sich , mürrisch und schweigsam wie gewöhnlich , in eine der Fensterecken zurückzog und dort schon über eine Viertelstunde harrte , ohne die mindeste Notiz von jener Nachbarschaft zu nehmen . Signor Gianelli schien in Bezug auf die Frauen gerade den entgegengesetzten Ansichten zu huldigen ; denn er hatte kaum die offenstehende Thür und das junge Mädchen entdeckt , [ WS 2 ] als er auch sofort seinen Cours änderte und nach jener Richtung steuerte . Jonas verstand natürlich nichts von dem italienisch geführten Gespräche , das sich jetzt zwischen den Beiden entspann , aber so viel wurde ihm doch klar , daß der Maestro sich bemühte , den Liebenswürdigen zu spielen , freilich , wie es schien , ohne besonderen Erfolg ; denn er erhielt nur kurze und ziemlich trotzig klingende Antworten , und dabei wurden die schweren Seidenwogen der Robe so geschickt drapirt , daß er nicht näher kommen konnte , ohne den hellen Atlas zu zerknittern . Das dauerte einige Minuten , dann schien Signor Gianelli dennoch eine ernstliche Attaque zu versuchen ; denn man hörte einen entrüsteten Ausruf , dem das zornige Aufstampfen eines kleinen Fußes folgte . Die Robe flog zur Seite , und das junge Mädchen flüchtete in das Vorgemach , wo es mit trotzig verschränkten Armen und zornsprühenden Augen stehen blieb . Der Maestro aber war ihm gefolgt , und ohne im Mindesten durch den Widerstand eingeschüchtert zu werden , machte er Miene , den ihm vorhin augenscheinlich versagten Kuß hier zu erzwingen , als er auf ein höchst unerwartetes Hinderniß stieß . Eine kräftige Faust packte ihn urplötzlich am Kragen und eine fremde Stimme sagte mit nachdrücklicher Betonung : „ Das läßt man bleiben . “ Im ersten Augenblick schien der Italiener sehr betroffen durch diese Dazwischenkunft eines Fremden , den er noch gar nicht bemerkt hatte , als er diesen aber genauer ansah und entdeckte , daß er es nur mit einem gewöhnlichen Matrosen zu thun hatte , richtete er sich mit großem Selbstbewußtsein und großer Entrüstung auf . Er kehrte die Sache sofort um und spielte den Beleidigten . Wie man es wagen könne , einen Mann in seiner Stellung anzugreifen , noch dazu in den Zimmern Signora Biancona ’ s ; er werde sich bei der Signora darüber beklagen ; was das denn eigentlich für eine Persönlichkeit sei , die sich dergleichen herausnehme , und damit strömte eine ganze Fluth von nicht gerade schmeichelhaften Ehrentiteln auf den armen Jonas herab . Dieser ertrug mit unverwüstlicher Gelassenheit die auf ihn gehäuften Beleidigungen , da er nicht eine einzige davon verstand , als sich aber der Italiener , durch diese Ruhe getäuscht , beikommen ließ , mit seinem Spazierstocke einige drohende Bewegungen zu machen , da war es aus mit der Gelassenheit des Matrosen ; denn diese Pantomime begriff er sehr gut . Mit einem einzigen Ruck hatte er dem Maestro den Stock entrissen , in der nächsten Secunde ihn selber umfaßt und säuberlich zur Thür hinausgeschoben , dann warf er ihm seinen Stock nach , schloß die Thür , alles ohne ein einziges Wort zu sprechen , und kehrte ruhig , als sei nicht das Mindeste vorgefallen , wieder in seine Fensterecke zurück . Hier aber trat ihm bereits das junge Mädchen entgegen , das in aufwallender Dankbarkeit und mit südlicher Lebhaftigkeit ihm beide Hände entgegenstreckte . „ Ist nicht nöthig ! Ist gern geschehen , “ sagte Jonas trocken , aber in dem Augenblick , wo er abwehrend den Arm ausstreckte , legte sich eine kleine Hand auf denselben , und eine helle Stimme sprach in den weichsten Tönen etwas , das ganz unzweifelhaft einen Dank ausdrücken sollte . Jonas sah höchst indignirt erst seinen Arm , dann die Hand an , die noch immer auf demselben lag , und nachdem er beide eine Weile angeschaut , ließ er sich endlich herab , auch auf die zu der Hand gehörige Person einen Blick zu werfen . Vor ihm stand ein junges Mädchen von höchstens sechszehn Jahren , eine kleine , so unendlich leichte und zierliche Gestalt , daß sie den denkbar größten Gegensatz zu der breiten Figur des Seemannes bildete . Eine Fülle prächtiger blauschwarzer Flechten umgab das Gesichtchen , das mit seinem dunklen , braunen Teint und brennend schwarzen Augen jedenfalls dem Süden Italiens entstammte . Die Kleine war ohne Zweifel hübsch , sehr hübsch , das ließ sich nicht leugnen , und die Lebendigkeit , mit der sie sich bemühte ,