: ein heißer Thränenstrom stürzte aus ihren Augen und sie verbarg das Gesicht in den Kissen . In diesem lauten herzzerreißenden Weinen brach endlich der kalte Hochmuth , mit dem sie bisher auf Alles herabgesehen , was ihr an Geist und Lebensstellung nicht ebenbürtig war , brach die starre Härte ihrer Natur , brach selbst die männlichen Willenskräfte , die der Vater in ihr geweckt und genährt hatte , sie weinte jetzt , wie ein Weib weint , in trostloser Angst und Verzweiflung , wenn es Alles um sich zusammenstürzen sieht – Jane Forest war nun einmal nicht zu beugen gewesen , sie mußte erst gebrochen werden . Aber diese Thränen , die ersten seit ihrer Kinderzeit , drangen auch mächtig zu ihres Bruders Herzen und besiegten seine ängstliche Scheu vor ihr . Er sah jetzt auch , daß die Schwester sich seiner nicht mehr schämte , daß er sie tief gekränkt mit seinem Verdachte , und mit der letzten Kraft wendete er sich ihr wieder zu . „ Hannchen ! ” sagte er leise , und der alte liebe Name fiel halb scheu noch und halb zärtlich von seinen Lippen . “ Sei mir nicht böse , liebes Hannchen ! Es ist ja Alles gut , ich habe wenigstens dich gerettet ! ” Er streckte die Arme nach ihr aus , und die Lippen der Geschwister begegneten sich in dem ersten Kusse – es war auch der letzte ! – Als der neue Tag sein erstes mattes Licht über die Erde sandte , war Forests Sohn nicht mehr unter den Lebendem . Langsam ließ Jane die Leiche ihres Bruders aus den Armen und wandte das Antlitz dem Fenster zu , im Zimmer herrschte noch kalte graue Dämmerung , aber draußen flammte es bereits am Himmel auf , eben brach der Morgen blutigroth in die Berge – welches Opfer war dort gefallen ? Eine klare duftige Herbstnacht liegt über dem Gebirge , hell scheint der Mond herab und beleuchtet mit seinen geisterhaften Strahlen die Bergstraße , die dunkeln scharf begrenzten Linien der Berge heben sich so deutlich von dem lichten Nachthimmel ab , daß man jede Kluft , jede Felszacke davon unterscheidet . Höher hinauf verschwimmen die Wälder zu einer einzigen dunklen , formlosen Masse , auf der ein leichter weißer Nebel wie schimmernder Flor ruhte und an der hellbeschienenen Bergwand tritt jeder Baum , jedes Gebüsch klar hervor , wie im Tageslicht . Auf dem niedrigen Felsplateau , am Eingange der Schlucht , dicht am Fuße der riesigen Tannen , die dort wurzelt , steht Henry . Er hat dem Gegner einen Vorsprung abgewonnen , hat den Weg offen gefunden ; nichts von alledem , was sich eine Stunde später dort regten , ist ihm begegnet . Der Pflicht , der Rettung stellen sich so oft unübersteigliche Hindernisse entgegen , das Verbrechen geht meist ungehemmt seinen Pfad , als schützten es dämonische Mächte . Atkins ’ Wort ist zur Wahrheit geworden , die unbändige Natur Henrys kennt keine Grenze mehr , nun sie einmal ihre Schranken gebrochen , aber sie entfesselt sich nicht in wildem Toben , der Kopf des Amerikaners bleibt klar und kühl , es gilt neben der Rache an dem Verhaßten auch die Sorge für die eigene Sicherheit , und er hat sie gewahrt . Das Gebirge ist unsicher , das weiß jeder , und der deutsche Officier , der am Morgen todt gefunden wird , ist von der Kugel eines Franctireurs gefallen ; das kommt oft vor im Kriege , warum wagte sich der Tollkopf auch zur Nachtzeit allein in ’ s Gebirge ! Die Posten halten alle Eingänge besetzt , sie haben Niemand gesehen , und Henry , der auf seinem Wege zurückkehrte , hat den Umkreis des Markes nicht verlassen . Die Entdeckung ist unmöglich und dies Bewußtsein vermehrt noch die kalte entschlossene Ruhe des Amerikaners , die durch keine Schranken und keine Gewissensskrupel gestört wird . Er giebt sich in der That nicht mit “ idealen Zweifeln ” über das Recht oder Unrecht seines Vorhabens , aber er hat dem Gegner den Kampf auf gleich und gleich geboten und war bereit , sein eigenes Leben auf ’ s Spiel zu setzen , jener wollte nicht , wohlan – auf sein Haupt die Folgen ! Der Standpunkt konnte nicht besser gewählt sein , Henry steht tief im Schatten der Felswand , am Fuß der Tanne , völlig gedeckt durch ihre Zweige , dicht unter ihm zieht sich die Bergstraße und der Fußweg hin , er beherrscht beide mit Blick und Waffen , kein menschliches Wesen , das in der Richtung von S. her kommt , kann ihm entgehen , und Henrys Waffe fehlt ihr Ziel niemals , seine Geschicklichkeit im Schießen ist von jeher die Bewunderung seiner Umgebung gewesen . Er wartet , das Auge unverwandt auf die Windung der Straße gerichtet , in der Walther erscheinen muß ; alle seine Seelenkräfte drangen sich zusammen in diesem athemlosen Spähen und Lauschen , es kümmert ihn nicht , was hinter seinem Rücken , was ihm zur Seite geschieht , und er hört nicht das leise , unheimliche Rauschen in den Tannen drüben . Tiefes Schweigen im Gebirge ! Nur bisweilen tönt der Schrei eines Raubvogels durch die Luft , der in schwerem , langsamem Fluge über den Wald hinstreift und in seinem Dunkel verschwindet . Bisweilen fährt ein Windstoß über die Felswand hin und dann schwanken die Wipfel der Bäume auf und nieder , dann wehen und winken die Gesträuche im Mondlicht , dann knarren die Aeste der Tanne leise und unheimlich , als wollten sie weinen oder klagen . – Da endlich ! In der Windung des Weges taucht eine dunkle Gestalt auf und kommt näher , langsam , aber festen Schrittes . Henry erkennt deutlich den Gang und die Haltung Walthers , erkennt jetzt auch seine Züge , hat bereits das Felsplateau erreicht und ist im Begriff , den Weg zu betreten , der hinaufführt , — langsam hebt der Amerikaner den