als das französische Heer auf seinem durch den Märzvertrag erzwungenen Rückmarsche aus dem Veltlin sich auf der staubigen Landstraße von Reichenau her den Toren der Stadt Chur näherte . Das dem Herzog Rohan abgerungene und von Priolo nach Paris gebrachte Obereinkommen war dort genehmigt worden , wenn auch in gewundenen Ausdrücken , aus welchen das widerwillige Sträuben des Kardinals deutlich hervorblickte . Der Schrecken und Ärger am französischen Hofe über den in einem fernen Bergwinkel mit beispielloser List geplanten Gewaltstreich war groß gewesen . Niemand hatte bis jetzt den Namen des unbekannten Abenteurers , der ihn ausgeführt , der Beachtung wert gehalten . Dennoch ging man auf das Obereinkommen ein , mußte darauf eingehen . Der dem Kardinal an kluger Berechnung gleichstehende Bündner hatte die Maschen des Netzes zu fest geknüpft und zu sicher zusammengezogen , als daß selbst die Schlauheit Richelieus eine Lücke zum Durchschlüpfen gefunden hätte . Vielleicht dachte dieser noch an die Möglichkeit , es mit Gewalt zu zerreißen , aber dafür war der sein gegebenes Wort hoch und heilig haltende Rohan nicht zu verwenden . Dieser war seinem anrückenden Heere nicht entgegengeritten und befand sich nicht in dessen Mitte . Nach dem grausamen Auftritte im Sprecherschen Hause hatte ihn ein Rückfall seines Übels aufs Krankenlager geworfen , und jetzt war er kaum so weit genesen , um in eigner Person sein Heer über die wenige Meilen von Chur entfernte bündnerische Grenze führen zu können . In der frischen Morgenstunde des nächsten Tages wollte er sich zum letzten Male als Feldherr an die Spitze seiner Truppen stellen , um mit ihnen das Land zu verlassen , für das er so viel getan und das ihm seine Liebe so schlecht gelohnt hatte . Als die das Heer verkündende große Staubwolke sich näherte , strömte viel Volk aus der Stadt , jung und alt , den anrückenden Franzosen entgegen , welchen die Bürger von Chur niemals wie die wilden Leute der Gebirgstäler abhold gewesen , und die sie jetzt um so lieber sahen , als es das letzte Mal war und die langjährigen Gäste am nächsten Morgen das Land für immer räumten . Da sprengte ein Reitertrupp aus dem Tor und trieb die auf der heißen Straße ziehenden Massen auseinander . Es waren Bündneroffiziere , voran auf einem schwarzen Hengst ein Reiter in Scharlach , von dessen Stülphute blaue Federn wehten , der jedem Kinde bekannte Jürg Jenatsch . Das Volk sah dem mit seinem Reiterbegleite in den aufgejagten Staubwolken schon wieder Verschwindenden mit Bewunderung und leisem Grauen nach , denn es ging die Sage , der arme Pfarrerssohn , welcher der mächtigste und reichste Herr im Lande geworden , habe seinen Christenglauben abgeschworen und seine Seele dem leidigen Satan verschrieben , darum habe er in den unmöglichsten Anschlägen Glück und Gelingen . Lauter und näher ertönte die Feldmusik . Das Volk verteilte sich auf die grünen Wiesen und Halden zu beiden Seiten des Weges und bildete eine lebendige Hecke . Die französische Vorhut zog vorüber , aber die gebräunten Krieger schritten in raschem Tempo , ohne den grüßenden Zuruf der neugierigen Churer zu erwidern , und dieser wurde schüchterner und verstummte nach und nach . Dort an der Spitze der jetzt heranrückenden Kerntruppen wurde neben Jürg Jenatsch der französische Befehlshaber Baron Lecques sichtbar . Aber der Franzose schien jenem für sein Geleit wenig Dank zu wissen . Stolz und verschlossen ritten die beiden nebeneinander . Der alte Degen konnte die Gegenwart des Bündners kaum ertragen . Das jugendliche Feuer seiner Augen sprühte Funken des Hasses und strafte die Silberfarbe seines kurz geschorenen Haares Lügen . Er hatte heute den schneeweißen Schnurrbart noch steifer und herausfordernder als sonst aufwärts gedreht und das gesund davon abstechende rotbraune Gesicht glühte von verhaltenem Zorn , während seine Faust kampflustig die tapfere Klinge blitzen ließ . Die Regimenter zogen nicht durch das Tor ein , sondern vollführten eine Schwenkung links um die Mauern der Stadt . Sie sollten während der kurzen warmen Mainacht längs der vom Nordtore nach der nahen Grenze führenden Heerstraße im Freien ein Feldlager aufschlagen . Als dies geschehen war und die Sonne unterging , beeilten sich die Offiziere , über hundert an der Zahl , die Stadt zu besuchen , um sich ihrem Feldherrn , dem Herzog Rohan , vorzustellen , die Mängel ihrer persönlichen Ausstattung in den Kaufläden von Chur zu ersetzen und sich , jeder nach seinem Geschmacke , einen möglichst vergnügten Abend zu machen . Auch Lecques ritt , nachdem er seine letzten Befehle für den Aufbruch in der Frühe gegeben , durch die Reihen der überall brennenden Feuer , an welchen die Soldaten eben ihre Abendkost bereiteten , und wandte sich , nachdem er das ganze Lager mit scharfen Blicken gemustert , langsam nach der Stadt . Hier trat er zuerst in das Gastbaus zum Steinbock , wo er seine Offiziere nach Abrede versammelt wußte , und dann begab er sich sogleich zu Herzog Rohan , den er in dieser späten Abendstunde allein zu finden hoffte . Er traf den Herzog zur Abreise bereit . Seine Angelegenheiten waren geordnet und der Abschied von seinen Gastfreunden war genommen . Die französischen Offiziere hatte der Feldherr zwar empfangen , aber nach wenigen liebenswürdigen Worten schnell wieder entlassen . Seine letzten Stunden in Chur wünschte er in stiller Sammlung und einiger Ruhe zu verbringen . Gerne hätte er auch für den nächsten Morgen jedes Geleit und jede Abschiedsfeierlichkeit abgelehnt , allein Herr Fortunatus Sprecher hatte mit Tränen in ihn gedrungen , doch der Stadt Chur , welche ihm , wie das ganze Land , so unendlich viel zu danken habe und deren Ergebenheit gegen seine verehrte Person trotz allen bösen Scheines immer dieselbe geblieben sei , doch ja diese unaustilgliche Schmach nicht anzutun , und der Herzog fügte sich diesem aus einer wunderlichen Gefühlsverwirrung hervorgehenden Wunsche , den er im stillen ironisch belächelte . Als Lecques von dem Kammerdiener eingeführt wurde , trat ihm Heinrich Rohan mit vornehmer Ruhe entgegen und sprach ihm seine Anerkennung aus für die