den Rücken frei gehalten und nie eine Blöße gezeigt , die als Handhabe zur Anklage gegen ihn hätte dienen können . War der Zweck , der ihn in seinem Verkehr mit mir leitete , solcher Art , so hatte er denselben doppelt und dreifach erreicht . Unerklärlich war es mir dagegen , daß er , indem er mich unglücklich machte , auch Johanna mit kaltem Blute mit in das Verderben hinabriß ; Johanna , diese unschuldige , reine Seele , diese Heilige , die als halbe Landsmännin von ihm weit eher auf seine warme Theilnahme den gerechtesten Anspruch gehabt hätte . » Johanna ' s Mutter stammte aus Italien , Bernhard ist ein Italiener , « grübelte ich , » sollte da nicht eine Verkettung mit frühern Zeiten und Umständen möglich sein ? « Weiter drang ich mit meinen Muthmaßungen nicht durch ; an diesem Punkte scheiterte mein Scharfsinn , und vergeblich trachtete ich , das hinter demselben in chaotischem Durcheinander Liegende zu enträthseln . Das Mißtrauen , welches in meiner Brust Wurzel geschlagen hatte , war indessen genug , meine Gedanken immer und immer wieder auf diese Frage zurückzulenken . – So schlichen mir die Tage in dumpfem , unheimlichem Brüten dabin . Die Außenwelt gewann für mich in der Erinnerung eine trübere , nebelhaftere Färbung . Sogar die schmalen Streifen des Himmels , auf welche sich früher meine Augen so oft und so sehnsuchtsvoll richteten , verloren allmälig ihren Reiz für mich . Nur wenn sommerliche Gewitter sich über der Stadt entluden , krachendes Gewölk am Tage die Sonne verfinsterte , oder züngelnde Blitze die schwarze Nacht flüchtig erhellten und ihren bleichen Schein sogar bis in meine einsame Zelle hineinsandten , erwachte in mir auf Stunden das Gefühl , daß ich noch lebe , sogar noch mit instinctartiger Liebe am Leben hänge und mich sehne , den grausamen Verrucht , welchen mein Vormund gegen mich hegte , zu verscheuchen und , vor meinem Scheiden aus dieser Welt , nur noch ein einziges Mal in Johanna ' s liebe , blaue Augen zu schauen . Denn daß sie gestorben sein könne , ohne daß ich sie wieder gesehen und den süßen Klang ihrer trauten Stimme vernommen habe , das hielt ich für unmöglich . Nur einmal hatte ich es versucht , in brieflichen Verkehr mit dem Oberstlieutenant zu treten und ihn angefleht , mir Nachricht über Johanna zu geben . Als ich aber meinen Brief unerbrochen zurück erhielt , begriff ich , daß alle meine ferneren Versuche sich als ebenso nutzlos ausweisen würden . Meinen Kummer mit einem Gemisch von Grimm und Ergebung in meine Brust verschließend , lebte ich von da ab , ohne die Zeit zu berechnen oder irgend eine schwache Hoffnung für die Zukunft zu nähren , ich lebte gewissermaßen wie ein vernunftloses Geschöpf in den Tag hinein . Dabei befremdete mich aber doch , daß mein Vormund noch immer zögerte , mir den Rest meines kleinen Kapitals zur freien Verfügung zu stellen , um mich wenigstens , wie er sich früher geäußert , mit einigen Bequemlichkeiten umgeben zu können . Da ich indessen leine Bequemlichkeiten , die mir nicht aus freien Stücken geboten wurden , vermißte und mit der vorgeschriebenen Gefangenkost zufrieden war , so dachte ich nicht weiter über diese scheinbare Vernachlässigung nach . – Wiederum hatte der Herbst den sommerlichen Schmuck an Baum und Strauch gebleicht , und wiederum begann der Wind mit den fallenden Blättern zu spielen . Sechs Monate meiner lebenslänglichen Haft waren bereits verstrichen ; beim Rückblick eine kurze Zeit , nach meinem Gefühl viel kürzer , wie jeder einzelne Tag , den ich noch verleben sollte . Es war in der Dämmerungsstunde ; ich hatte mich auf mein Lager gesetzt und den Kopf schwer auf beide Hände stützend , versuchte ich , wie ich um diese Zeit häufig that , mich in einen Mittelzustand zwischen Wachen und Schlafen hineinzudenken . In meinen Betrachtungen störte mich das Geräusch , mit welchem man zuerst die Riegel von der Thür entfernte und demnächst der Schlüssel in dem Schloß umgedreht wurde . Vermuthend , daß der Störung zu so ungewöhnlicher Zeit irgend ein gleichgültiger Einfall des Schließers zu Grunde liege , beabsichtigte ich , ihn nicht weiter zu beachten und mich schlafend zu stellen . Die Thür öffnete sich , ein heller Lichtstrahl drang zu mir herein und gleichzeitig vernahm ich des Schließers höfliches » dort sitzt er « . Ich war im Begriff , zu dem fremden Besucher empor zu schauen , doch besann ich mich schnell eines Andern , und ohne meine Stellung zu verändern blieb ich ruhig sitzen . Gleich darauf trat ein Mann mit festen Schritten zu mir heran und erfaßte mit prüfendem Griff meiner , rechten Arm oberhalb des Handgelenkes , während seine andere Hand sich in die meinige legte und dieselbe heftig und bezeichnend drückte . Ich wollte emporspringen , doch wurde ich niedergehalten , und als ich meine Bücke auf den seltsamen Ruhestörer richtete , sah ich in das mir vollständig unbekannte Gesicht eines ältlichen Herrn , der wieder mit dem Ausdruck wohlwollender Theilnahme zu mir niederschaute . » Was verschafft mit die Ehre – ? « fragte ich verwirrt . » Nur ruhig , nur ganz ruhig , « unterbrach mich der Fremde in freundlichem Tone , und wiederum fühlte ich den heftigen Händedruck , » Sie dürfen sich unter keiner Bedingung aufregen , jede Aufregung kann Ihrer Krankheit eine tödtliche Wendung geben . « » Aber ich bitte Sie , « entgegnete ich noch verwirrter , denn ich vermuthete eine Verwechselung , » es muß ein Irrthum obwalten – « » Schließer , haben Sie die Güte und leuchten Sie hierher , « wendete er sich zu seinem an der Thür stehenden Begleiter , meine Worte offenbar absichtlich überhörend . Der Schließer kam und leuchtete mir in ' s Gesicht , während der Arzt , denn ein solcher konnte es nur sein , noch immer meinen Puls prüfte und zum dritten Male meine Hand