ihnen . Alles sollen sie sehen und wissen . Noch sind sie mein , – mit ihnen will ich die Wege meiner Jugend wieder gehen , mir zur Erinnerung , ihnen zur Lehre ! Es ist keine weite Entfernung von Berlin bis zu dem Fleckchen im Harz , wo ihre Wiege gestanden hat . Morgen früh gleich soll es fortgehen ! Sie stand zeitig auf , weckte die Mädchen und machte sie mit ihrem Plan bekannt . Anne Dore nickte ihr dankbar gleichgültig zu , Lori zog ein Gesicht . » Aber , Mama , den Flügel wollten wir doch noch kaufen ! « 253 » Wir kommen ja , bevor wir in unsere Heimat reisen , wieder nach Berlin zurück , « antwortete die Professorin ein wenig arglistig . » Wenn du dann noch meinst , ein neues Instrument nötig zu haben und dein liebes altes Piano für zu schlecht hältst , dann kannst du das ja noch immer tun . « » So , – na dann immerzu ! « rief die Prinzessin , » ich weiß ja , Mutter , daß es dein Sehnsuchtsziel seit langen Jahren ist , uns dein Waldburg zu zeigen . Also vorwärts mit frischem Mut ! « Ein paar Stunden später fuhren die drei Damen vom Potsdamer Bahnhof ab nach Waldburg . Es war ein Tag Ende April , 254 warm und dunstig , wo die Blüten der Obstbäume , die jungen Blätter der Kastanien sich öffneten in ganzen Mengen . Lori war in strahlender Laune , Anne Dore saß neben der Mutter , deren Hand haltend . Die marineblauen Tuchkostüme der Mädchen standen gut zu ihrem lichten Teint . Lori plapperte von der bevorstehenden Hochzeitsfeierlichkeit und versprach der Mutter und Anne Dore unzählige Ansichtspostkarten – von jedem Ort , den das junge Paar auf seiner Italienreise berühren werde , mindestens zwei Karten . Die Mutter blickte still in die immer bekannter werdende Gegend hinaus und gab sich der leisen Wehmut hin , die ihr die tausend lieben Erinnerungen an Jugendleid und -freude verursachten . Gegen Mittag war man an Ort und Stelle . Zunächst empfing sie ein ganz moderner Bahnhof , und gegen die Berge hin breitete sich ein Gewirr von Villen und Hotels und prächtigen Parkanlagen aus . Die Töchter machten angenehm enttäuschte Gesichter , aber die Mutter erklärte : » Das ist nicht mein Waldburg , dieses neue kenne ich nicht . Aber paßt nur auf , lange soll ' s nicht dauern , dann sind wir mitten drin in meiner Jugend ! « Sie nahm einen Mietwagen , der am Bahnhof stand , und stieg mit den Töchtern ein . » Fahren Sie uns zur › Grünen Tanne ‹ ! « befahl sie dem Kutscher . Der lächelte und blieb mit über dem Scheitel gehaltenem Hute vor dem Schlage stehen . » Wie haben die gnädige Frau gesagt ? « » Sie sollen uns nach dem Gasthof › Zur grünen Tanne ‹ fahren , « wiederholte sie . » Aber entschuldigen Sie , gnä ' Frau , hier oben ' rum sind doch die feinen Hotels für Herrschaften , und die › Grüne Tanne ‹ , – da kehren allerhöchstens Studenten ein , die mit dem Ränzel auf dem Rücken in die Berge gehen oder – « » Alter Freund , « unterbrach ihn gemütlich die hübsche Dame , » es hilft Ihnen alles nichts , ich will nun ' mal partout in die › Grüne Tanne ‹ . Sehen Sie , da hat mein lieber Mann auch gewohnt , als er mit dem Ränzel auf dem Rücken vor langen 255 Jahren in den Harz zog . Ist da übrigens noch ein Weigel der Wirt ? « » Jawohl , Madame , und der alte Weigel lebt auch noch . « » Na , der Alte wird wohl der Junge von damals sein , den ich kannte als Kind . « » Das glaube ich nicht , der Alte ist nun fünfundneunzig , den hat der liebe Gott ja wohl vergessen , gnä ' Frau , « antwortete der Kutscher und lenkte seine Gäule auf die mit Obstbäumen bestandene Landstraße , die hart neben dem Flüßchen dahinführte , das um große Steinblöcke schäumte . Ein stumpfer Kirchturm , um den sich einzelne rotbedachte Häuser scharten , vom Grün der Obstbäume eingefaßt , so lag das Dorf vor den Augen der Reisenden , weitab von dem Villenort gleichen Namens . Am oberen Ende streckte sich ein großes schloßartiges , von weiten Gärten umgebenes Gebäude , das die Mutter als alten Edelsitz der Familie von Zweistetten bezeichnete . Endlich trennte nur noch das Wasser Landstraße und Dorf , und der Kutscher lenkte einer alten Holzbrücke zu , wo nach der Dorfseite hin der Brückenzolleinnehmer in einem winzigen Häuschen wohnte . Als der Wagen dort hielt , kam ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren heraus , ein paar 256 mächtige braune Zöpfe um den Kopf gewunden , und reichte den gedruckten Quittungszettel über zwanzig Pfennig Brückenzoll in den Wagen hinein . » Früher hieß der Einnehmer Gelbhaar , « sagte die Professorin zu dem hübschen Kinde , indem sie zahlte . » Wer hat die Stelle jetzt inne ? « » Mein Großvater , der heißt Gelbhaar , aber weil er Gicht hat , versehen meine Mutter und ich das Amt . « » So ? Da grüße deinen Großvater schön von Lene Wermann , sag nur von Rentmeisters Lenchen , dann weiß er gleich Bescheid . Wir haben uns gut gekannt . « Das Kind sah lächelnd und verwundert die stattliche fremde Dame an . » Und dein Vater , wie heißt der ? « » Der hieß Wendholz . « » Fritze Wendholz ? War der nicht Förster ? « » Ja , beim Herrn Baron . « Die Professorin nickte , und ein freundliches Lächeln spielte einen Augenblick um ihren Mund . Indem der Wagen sich in Bewegung setzte , sagte sie noch einmal . » Vergiß nicht