dem Liebsten , daß mir das Herz beinah stillstand vor Schmerz und Wehmuth ; die Mutter erfuhr erst durch die wilden Fieberreden von ihres Kindes Lust und Schmerz – ich mußt ’ ihr Alles erzählen . Sie warf einen langen kummervollen Blick auf das liebliche Geschöpf , das so jäh aus seinem Himmel geschleudert war , der Vater aber tobte und fluchte über den Treulosen ; nur Lisett ’ s Bruder sagte : [ 822 ] ‚ Da steckt eine bübische Teufelei dahinter ; ich kenne den Fritz ; es ist kein falsches Haar an ihm . ‘ Ach , Kind , was ist damals hier gebetet und geweint worden in der kleinen Stube ! Die Hände haben wir uns wund gerungen um das junge Leben , aber der liebe Gott läßt sich seine Uhr durch keinen Menschen stellen , und am neunten Tage , als gerad ’ das Abendroth so recht golden verglühte , da fiel sein Schein auf ein bleiches Gesicht und die blauen Augen waren geschlossen für immer . – So friedlich lag sie da , so still , so fern von allem Herzeleid . Ich aber hab ’ mich da drüben niedergeworfen und hab ’ geschrieen vor übergroßem Schmerz und Weh – “ Die alte Frau hielt inne und wischte sich die Augen . Lieschen hatte den Kopf in den Schooß der Muhme geborgen , und es schien , daß auch sie leise vor sich hin schluchzte . „ Denselben Abend , “ fuhr jene endlich fort , wie die Lisett gestorben war , da lief ich in den Garten , gerad ’ als man unten im Dorf die Todtenglocke für sie läutete ; denn ich hatte nicht Ruh noch Rast auf einer Stelle , und wie ich da so steh ’ , da blitzt auf einmal drüben im Thurm ein Licht aus . Ich war erschrocken , und dann brachen meine Thränen von Neuem hervor , denn sie , die nun so still da lag , sie konnt ’ s ja nicht mehr sehen – und so lehnte ich mich denn an die Wand des Hauses und weinte so recht aus Herzensgrund . Von drinnen aus der Wohnstube da hört ’ ich den Schritt des Müllers – der ging ruhelos auf und ab – und dann wieder der Mutter banges Schluchzen und des Sohnes tröstende Stimme ; sonst war es still ringsum , todtenstill . Das Geläut war nun auch verstummt ; die Räder der Mühle standen schon den ganzen Tag , und die Knechte und Mägde da drüben im Hause , die schlichen so leise umher und flüsterten nur mit einander , als wollten sie die Ruhe unserer Lisett nicht stören . Und da auf einmal hör ’ ich von drüben Jemand kommen , so einen rechte festen raschen Tritt . Jesus ! mein Christian ! dacht ’ ich , aber in demelben Augenblick tritt ’ s auch schon auf den Mühlensteg , und eine kecke Stimme fängt an , so recht laut und vergnügt ein Lied zu trällern – mir ging ’ s durch Mark und Bein – Herr des Himmels , das war des Baron Fritz ’ Stimme ! Und ehe ich es versehe – denn ich war wie gelähmt vor Schreck – ist er im Hause drin , und wie ich dann nachkomme , hatte er schon die Stubenthür geöffnet und stand dem Müller gegenüber ; sein glückliches Gesicht und die blitzenden Augen suchten in allen Winkeln herum nach der Lisett . Die Frau sank mit einem Schrei in den Sessel zurück , als sie ihn erblickte , der Müller aber stürzte auf ihn zu , und mit dem Ausruf : ‚ Verfluchter Bube , willst Du mich auch in meinem Schmerz noch äffen ? ‘ riß er ihn in ’ s Zimmer hinein . Der Müller war ein jähzorniger Mann , aber Lisett ’ s Bruder sprang zwischen die beiden Ringenden und rief : ‚ Erst frage ihn , ob er schuldig ist , Vater ! ‘ Der alte Mann jedoch stellte sich vor ihn hin und schrie : ‚ Die Lisett ! Sie suchen wohl die Lisett , Herr Baron ? Da droben liegt sie ; gehen Sie hinauf und sehen Sie sie an ! ‘ Dann schlug er sich die Hände vor ’ s Gesicht in heißem , wildem Schmerz . ‚ Komm , Fritz ! ‘ sagte unser junger Herr und zog den Erschrockenen in das Nebenzimmer , ‚ komm her ! Ich will Dir Alles sagen , was Trauriges über uns hereingebrochen ist . ‘ Und dann schloß sich die Thür hinter ihnen , und ich blieb allein mit den weinenden Eltern . Nebenan hörte man kein Wort , nur einmal ein schmerzliches Aufstöhnen – das war Alles ; wie in endloser Pein vergingen die Minuten . Ich saß am Fenster und schaute in die Nacht hinaus , plötzlich aber schrak ich zusammen , den draußen an die Scheibe hatte sich ein Gesicht gepreßt und blickte mit ein paar großen dunklen Augen , aus denen Angst und Entsetzen leuchtete , in ’ s Zimmer hinein , und dann winkte mir eine Hand , und das Gesicht war verschwunden . Ich hatte es erkannt – es war die tolle Fränzel . ‚ Gott behüt ’ uns ! ‘ dacht ’ ich , ‚ was will Die wieder ? ‘ Aber ich ging leise hinaus , und da stand sie und klammerte sich mit beiden Händen an die Pfosten der Hausthür , und der schwache Lichtschein aus dem Fenster der Stubenthür zeigte ein vor Angst fast verzerrtes Gesicht , über das die schwarzen Haarsträhnen aufgelöst hingen , das Schreckliche ihrer Erscheinung noch vermehrend . Sie zitterte so , daß sie sich kaum aufrecht zu erhalten vermochte , und als ich sie fragend und verwundert ansah , da bewegte sie ihre blassen Lippen , ohne daß ein Wort herüber kam . ‚ Die Lisett – ‘ fragte sie dann mit völlig klangloser Stimme , ‚ ist ’ s wahr