? Unter diesem Himmel und über jenem Bergesgipfel weht ein heftiger Sturm . Wo haben Sie Latmos gesehen ? denn das ist Latmos . Hier – tragen Sie die Zeichnungen wieder fort . « Kaum hatte ich die Bänder meiner Zeichenmappe wieder zusammengebunden , als er auf seine Uhr sah und dann plötzlich sagte : » Es ist neun Uhr . Was fällt Ihnen ein , Miß Eyre , Adele so lange aufsitzen zu lassen ? Bringen Sie sie zu Bett . « Adele ging und gab ihm einen Kuß , bevor sie das Zimmer verließ . Er ließ sich die Liebkosung gefallen , aber er schien kaum mehr Wohlgefallen daran zu finden , als Pilot es gethan haben würde , – oder vielleicht noch weniger . » Ich wünsche Ihnen allen eine gute Nacht , « sagte er und machte eine Handbewegung nach der Thür , zum Zeichen , daß er unserer Gesellschaft müde sei und uns entließe . Mrs. Fairfax legte ihre Strickerei zusammen ; ich nahm meine Zeichenmappe : wir verneigten uns vor ihm , erhielten eine steife und kalte Verbeugung als Gegengruß , und zogen uns dann zurück . » Mrs. Fairfax , Sie sagten , daß Mr. Rochester keine auffallenden Eigentümlichleiten besitze , « bemerkte ich , als ich wieder zu ihr ins Zimmer trat , nachdem ich Adele ins Bett gebracht hatte . » Nun , und besitzt er deren ? « » Ich glaube wohl . Er ist sehr veränderlich und launenhaft . « » Das ist allerdings wahr . Ohne Zweifel muß er einem Fremden so erscheinen , aber ich bin schon so lange an seine Art und Weise gewöhnt , daß ich mir gar keine Gedanken mehr darüber mache . Und überdies sollte man sich nicht darüber wundern , wenn seine Laune nicht immer gleichmäßig ist . « » Weshalb das ? « » Teilweise , weil es in seiner Natur liegt – und keiner von uns kann gegen seine Natur kämpfen ; hauptsächlich aber , weil er wohl oft traurige und qualvolle Gedanken haben mag , die ihn peinigen und seine gute Laune stören . « » Was quält ihn denn ? « » Familienkummer vor allen Dingen . « » Aber er hat ja keine Familie . « » Jetzt nicht mehr – aber er hatte eine ; – Verwandte wenigstens . Er verlor seinen älteren Bruder vor einigen Jahren . « » Seinen älteren Bruder ? « » Ja . Der gegenwärtige Mr. Rochester ist noch nicht sehr lange im Besitz der Güter und des Vermögens ; erst ungefähr seit neun Jahren . « » Neun Jahre sind eine lange Zeit ! Liebte er seinen Bruder so zärtlich , daß er noch jetzt über seinen Verlust untröstlich ist ? « » Nein , nein – das ist vielleicht nicht der Fall . Ich glaube aber , daß einige Mißverständnisse zwischen ihnen bestanden . Mr. Rowland Rochester war Mr. Edward gegenüber nicht ganz gerecht , und vielleicht war er es auch , der den Vater gegen ihn einnahm . Der alte Herr liebte das Geld gar sehr und war stets ängstlich darauf bedacht , das Familienvermögen und die Güter zusammenzuhalten . Der Gedanke , das Besitztum durch Teilung zu verringern , war ihm unangenehm , und doch wünschte er , daß auch Mr. Edward reich sein solle , um den Glanz des Namens aufrecht zu erhalten ; und bald nachdem er großjährig geworden , wurden einige Schritte gethan , die nicht ganz gerecht waren und sehr viel Unheil anrichteten . Der alte Mr. Rochester und Mr. Rowland wirkten zusammen , um Mr. Edward in das zu bringen , was er eine peinliche Situation nannte , nur damit er sein Glück machen solle . Welcher Art diese Lage gewesen , habe ich nicht genau erfahren , aber sein Gemüt konnte niemals überwinden , was er durch dieselbe zu leiden hatte . Er brach mit seiner Familie und hat jetzt seit vielen Jahren ein unstetes Leben geführt . Ich glaube nicht , daß er seit dem Tode seines Bruders , der ohne Testament starb und ihn als Erben der Güter hinterließ , vierzehn Tage hintereinander in Thornfield ausgehalten hat . Und in der That , es ist kein Wunder , wenn er das alte Haus meidet . « » Weshalb sollte er es denn meiden ? « » – Vielleicht erscheint es ihm düster . « Die Antwort klang ausweichend – ich hätte gern etwas bestimmteres gehört ; aber Mrs. Fairfax wollte oder konnte mir keine genauere Auskunft über die Ursache oder die Art von Mr. Rochesters Prüfungen geben . Sie behauptete , daß sie auch für sie ein Geheimnis seien , und daß alles , was sie wisse , nur auf Vermutungen basiere . Es war augenscheinlich , daß sie wünschte , ich möge den Gegenstand fallen lassen . – Und das that ich auch . Vierzehntes Kapitel Während vieler der folgenden Tage sah ich Mr. Rochester wenig . Des Morgens schien er ganz von Geschäften in Anspruch genommen , und am Nachmittag kamen gewöhnlich Herren aus Millcote oder der Nachbarschaft , um ihre Besuche zu machen und zuweilen auch , um am Mittagessen teilzunehmen . Als seine Verrenkung soweit geheilt war , daß sie ihm wiederum gestattete auszureiten , machte er viele und weite Ritte . Wahrscheinlich erwiderte er jene Besuche , denn gewöhnlich kam er erst spät in der Nacht zurück . Während dieser Zeit wurde auch Adele nur selten zu ihm geholt , und meine ganze Bekanntschaft mit ihm beschränkte sich auf eine gelegentliche Begegnung in der Halle , auf der Treppe , oder in der Galerie ; zuweilen ging er hochmütig und kalt an uns vorüber und nahm von meiner Gegenwart nur durch eine steife Verbeugung oder einen kalten Blick Notiz ; ein anderes Mal hingegen lächelte er wieder und begrüßte mich mit der zwanglosen Höflichkeit eines Gentleman . Seine wechselnde Laune beleidigte mich nicht , denn ich sah bald ein , daß meine Person mit