Jahren hatte Eberhard jeden Überblick verloren . Das Geld , das er bekam , verbrauchte er in gewohnter Weise , fragte nicht um die Bedingungen , wußte nicht , wohin all dies führen , wie es enden sollte und wand sich vor Abscheu bei den täppischen Annäherungen , den boshaften Stichelreden und den von Zeit zu Zeit geäußerten Drohungen des Herrn Carovius . Wie abgeschmackt sein Lächeln war , wie leer einmal und wie tiefsinnig dann wieder sein Gespräch ! Er maßte sich die unverschämte Freiheit an , bei Eberhard ein- und auszugehen , so oft es ihm paßte . Er langweilte ihn mit der Besprechung philosophischer Systeme oder mit erbärmlichem Klatsch über seine Mitbürger . Er bewachte ihn Tag und Nacht . Er folgte ihm auf der Straße , schrie : » Herr Baron ! Herr Baron ! « und schwenkte den Hut . Seine Besorgnis für Eberhards Wohlbefinden glich der eines Kerkermeisters . An einem Winterabend lag Eberhard fiebernd zu Bett . Herr Carovius lief zum Arzt und verbrachte dann die ganze Nacht im Zimmer des Kranken , ohne sich um dessen ausdrücklichen Wunsch , daß er ihn allein lassen möge , zu kümmern . » Soll ich nicht an Ihre Frau Mutter schreiben ? « fragte er zärtlich , als am Morgen das Fieber noch nicht gefallen war . Mit einem Wutschrei sprang Eberhard aus dem Bett und Herr Carovius ergriff die Flucht . Herr Carovius liebte es , zu wehklagen . Er rannte um den Tisch herum und jammerte , er sei ruiniert . Er schleppte das Kontobuch herbei , addierte die Ziffern und rief : » Noch zwei Jahre so gewirtschaftet , lieber Baron , und mir blüht das Armenhaus . « Dann verlangte er Deckung , neue Sicherheiten , neue Versprechungen und legte zur Unterschrift einen Schein über die Gesamtsumme vor , der aber von dem Wirrsal der Zinsenberechnungen , Provisionen , Vergütungen und Wuchergelder nichts ahnen ließ . Herr Carovius selbst konnte sich nicht mehr zurechtfinden , denn es hatte sich auf sein Betreiben ein Konsortium stiller Hintermänner gebildet , denen er seinerseits verschuldet war , und die seinen Eifer im Dienst des jungen Freiherrn nach Kräften ausbeuteten . » Was ist ' s denn mit den Weiberlein ? « fragte Herr Carovius zu anderer Stunde wieder , » was wär ' s denn mit einem kleinen Abenteuer ? « Und er merkte , daß es im Leben des jungen Freiherrn ein Geheimnis gab ; er merkte es und war wütend , daß er das Geheimnis nicht ergründen konnte . Eines Tages kam er dazu , als Eberhard seinen Koffer packte . » Wohin , Verehrtester ? « krähte er erschrocken . Eberhard antwortete , er wolle in die Schweiz reisen . » In die Schweiz ? Was wollen Sie denn dort machen ? Ich lasse Sie nicht fort , « sagte Herr Carovius . Eberhard musterte ihn kalt . Herr Carovius verlegte sich aufs Bitten ; umsonst , Eberhard reiste . Er suchte Einsamkeit , die Einsamkeit quälte ihn , er kehrte zurück , um abermals wegzureisen , er kehrte wieder zurück und hatte das Gespräch mit Lenore , das ihm die letzte Hoffnung raubte , da ging er nach München und wurde in das Treiben einer Spiritistengemeinde gezogen . Seelische Müdigkeit beraubte ihn des Widerstandes ; es war etwas zerbrochen in ihm . Eine angeborene Zweifelsucht hinderte ihn nicht , sich einem Einfluß hinzugeben , der seiner Natur ursprünglich noch fremder gewesen war als die pöbelhafte Geschäftigkeit der Alltagswelt . Mit eingeschläfertem Urteil schürfte er in einem Bezirk , wo das Trugbild und die oberflächliche Bezauberung herrscht , nach Quellen des Lebens . Herr Carovius aber besoldete einen Spion , der den Freiherrn nicht aus den Augen lassen durfte und über alle seine Schritte Bericht erstatten mußte . Brauchte Eberhard Geld , dann war er gezwungen , zu Herrn Carovius zu kommen . Dann stand Herr Carovius schon eine Stunde vor Ankunft den Zuges auf dem Bahnhof und benahm sich so auffallend , daß die Amtspersonen und die Reisenden über ihn lachten . War der Erwartete endlich eingetroffen , so schwätzte Herr Carovius vor Freude lauter Unsinn und trippelte erregt rings um ihn herum . Es könnte demnach scheinen , als hätte Herr Carovius eine redliche Liebe für den jungen Freiherrn empfunden . Und er liebte ihn in der Tat . Er liebte Eberhard wie ein Spieler die Karten liebt , oder auch wie das Feuer die Kohle liebt . Er idealisierte ihn ; er träumte von ihm ; er atmete gern die Luft , die jener atmete ; er sah in ihm einen Auserwählten , er dichtete ihm heldenhafte Züge an und war entzückt von der adeligen Unnahbarkeit seines Schützlings . Er liebte ihn mit Haß , mit der Freude an der Vernichtung , und diese Haßliebe war zum Mittelpunkt seiner Gedanken und Gefühle geworden , in ihr drückte sich alles aus , was ihn von den Menschen schied und was ihn an den Menschen lockte . Sie beherrschte ihn unbedingt bis zu dem Zeitpunkt , wo eine zweite , ebenso furchtbare , ebenso lächerliche Leidenschaft sich ihr zugesellte . 4 Daniel hatte lange gezögert , den Empfehlungsbrief der Frau von Erfft zu benutzen . Da bat ihn Gertrud , zur Baronin Auffenberg zu gehen . » Geh ich dir zuliebe , so rächt sich ' s an dir , « sagte er . » Wenn ich dein Weigern verstünde , wollt ich nicht bitten , « antwortete sie erschrocken . » Dort in Erfft hab ich so viel gewonnen , « sagte er , » so viel Menschenwärme , die mir neu war , daß ich keinen Zweck dahinter setzen mag . Verstehst du jetzt ? « Sie nickte . » Aber Muß ist stärker als Mag , « schloß er und ging . Die Freifrau nahm sich mit Entschiedenheit seiner Sache an . Am Stadttheater war die Stelle eines zweiten Kapellmeisters frei geworden , und sie bewarb sich