ihren Schlupfwinkeln hervorgekrochen , arbeiteten hurtig und sicher hinter den grauen Mauern . Planlos irrte Tschun weiter , bald allein , bald von dieser oder jener Gruppe mitgezogen . Hierhin , dorthin , nur von dem einen Wunsch getrieben , der ihm von klein auf eigen gewesen : den Wunsch , zu sehen . Und er sah . Sah Spuren der Boxer , sah neueres Tun derer , die an ihnen Vergeltung übten . Er blickte in einen verlassenen Palast , der völlig ausgeräumt war , wo nur noch altertümliche Sättel und Geschirre mit silbernen Beschlägen in einem Winkel lagen , weil sie den Beutesuchern zum eiligen Fortschaffen offenbar zu schwer gewesen ; er betrat ein verlassenes Yamen , wo unter seinen Füßen die Scherben unschätzbarer , in blinder Wut zertrümmerter Vasen knirschten ; er schaute in ein Haus , dessen Tür , aus den Angeln gerissen , offen gähnte , und prallte entsetzt zurück vor dem Verwesungsgeruch einer ganzen Reihe modernder Leichen ; er schritt durch Torwege , an deren Mauern Köpfe an langen Zöpfen aufgenagelt waren ; er betrat Höfe , in denen Boxeraltäre umgestürzt lagen und frisches Blut in dunklen Pfützen stand ; er beugte sich über unheimlich schwarze Brunnen , an deren Steinen buntseidene Fetzen hingen , Fetzen von dem Kleide irgendeiner unbekannten Frau aus den hundert Namen , die da , in Herzensangst vor etwas noch Grauenvollerem als dem Tode , in die schauerliche Tiefe hinabgesprungen war . Immer neue Stätten dunkler Tragödien entdeckte er , Orte , wo armselige Leben vernichtet worden waren , nach denen nie gefragt werden würde . Als Tschun schließlich wieder in die Gesandtschaftsstraße einbog , hatte er so viel des Schrecklichen gesehen , daß er glaubte , gegen alles ganz stumpf geworden zu sein , und doch bot sich ihm da noch das überraschendste Bild . Gleichzeitig mit ihm mündete ein seltsamer Zug in die Straße : Esel und mongolische Ponies , schwankende Maultierkarren und einrädrige chinesische Handwagen - alles schwer und hoch bepackt . Chinesische Kulis trieben die Tiere in der chaotischen Straße vorwärts , und Reiter trieben wiederum die Kulis an . Diese Reiter aber waren Fremde . Herren , die Tschun zu erkennen glaubte . Plötzlich rissen die Stricke , die die überschwere Ladung des einen Fuhrwerks halten sollten , eine Kiste flog krachend auf die Straße , und aus ihren geborstenen Seiten rollte der Inhalt hervor : lauter kleine Barren feinsten Syceesilbers ! - Ein ungeheures Lärmen entstand , Fluchen und Schimpfen auf chinesisch und in fremden Sprachen . Manche der Kulis wollten offenbar die Verwirrung benutzen und mit rasch gefüllten Taschen in der zunehmenden Dunkelheit verschwinden . Aber die Fremden hatten diese Absicht sofort erkannt ; mit vorgehaltenen Revolvern drängten sie die Leute zurück und zwangen sie zum Auflesen und Wiederaufladen des Silbers . Ohne zu wissen wie , befand sich auch Tschun plötzlich bei dieser Arbeit , war mit unter die anderen eingereiht . So hörte er sie brummend reden : Dieser Silberschatz stamme aus dem Palast eines geflohenen Boxerprinzen . Die Fremden hätten sie gedungen , um ihn zu heben . Viel mehr noch läge dort in der Schatzkammer , man hätte gar nicht alles fortschaffen können . Der Rest solle morgen geholt werden . » Aber wer soll es denn bekommen ? « fragte Tschun leise . » Dumme Frage - die selbst doch natürlich ! « » Jeder plündert doch für sich . « Als das meiste wieder notdürftig verstaut war , hoben die Herren selbst die letzten Silberbarren von der Straße und warfen sie als Lohn den Leuten zu , die beim Laden geholfen und die sie eben noch kalten Blutes zu erschießen gedroht hatten . Es war eben eine Zeit sehr wechselnder Möglichkeiten . Dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung , mit Reitern als Vortrab und Reitern als Nachhut . - Tschun starrte ihnen nach , wie sie allmählich in der Dunkelheit versanken . Und trotz allem , was er an diesem Tage gesehen , erschien ihm das Schauspiel dieser Fremden , die beutebeladen zwischen den Ruinen des alten Peking dahinzogen , doch das allerseltsamste . Im Vergleich hierzu versank alles übrige in nebensächliche Geringfügigkeit , denn dieser Anblick stieß ja Begriffe um , die Tschun bis dahin nie in seinen Gedanken angetastet hatte . Die unbedingte persönliche Integrität der fremden Herren war doch gerade das , worauf sich alles aufbaute ; was man auch sonst von ihnen sagen mochte , diese Eigenschaft war ihnen nie bestritten worden ! Aber wenn sie sie etwa gar nicht besaßen ... Dann waren sie ja auch nicht besser wie die chinesischen Mandarine ? ... Tschun versuchte sich einzureden , daß er schlecht gesehen , schlecht verstanden habe . Es war vielleicht doch irgendeine offizielle Zahlung , die die Fremden in diesen unruhigen Zeitläuften selbst begleiteten . Was wußten schließlich die dummen Kulis in der Straße ! Was sie gesagt , das wollte Tschun nicht glauben . Die Grundsteine seiner bisherigen Ueberzeugungen müßten ja sonst wanken . Und er wußte doch , daß es Wahrheit gewesen . Wider Erwarten traf Tschuns neuer Herr schon am nächsten Tage ein . Verstaubt , übermüdet durch heiße eilige Märsche , rückten seine Soldaten ein . Alle , die jetzt nach dem Entsatz Pekings noch ankamen - und es waren ihrer viele Tausende verschiedener Nationalitäten - , machten den Eindruck von Leuten , die sich um eine große Gelegenheit betrogen dünken . Sie schienen bitter enttäuscht durch den Anblick der Ruinen Pekings . Was sie erwartet hatten , war schwer zu sagen . Es kostete Mühe , für Tschuns Herrn ein geeignetes Quartier zu finden , denn die besten Gebäude waren von den zuerst Angekommenen gleich besetzt worden . Jene Soldaten , die man Amerikaner nannte und die aus einem anderen Weltteil kamen , hatten ihre Zelte im Tempel der Landwirtschaft aufgeschlagen . Es waren Leute , die auf Tschun den Eindruck machten , als gäbe es für sie keinerlei Zwang auf Erden ,