* * * Kap Horn schweigt noch immer . Er denkt nach . Soll so nun seine letzte Reise aussehen ? Soll das die letzte Fahrt sein ? Soll der Tod , der ihn auf den Weltmeeren nicht fassen konnte , ihn nun hier im Wattenwinkel , im seichten Priel erwischen ? Es kann so sein , und wenn es so sein soll , dann ist es auch gut , denn es bleibt ja immer ein Seemannstod . Die heilige , unerschütterliche Ruhe des Todgeweihten kommt in sein Herz . Der alte Janmaat will und kann sich nicht klein machen . Er kann sterben , - ob Klaus es auch kann ? Er sieht ihn an . » Dree Fohm bloß noch ! « Klaus Mewes guckt in die Kirche von Finkenwärder hinein , er sieht , wie die Köpfe sich tiefer auf die gefalteten Hände senken , er hört , wie Bodemann sagt , daß Fürbitte zu tun sei für drei Brüder , die seit zwei Wochen vermißt würden . Und sein schönes Haus sieht er , die bunte Haustür und die Bank unter den Linden : die Bank aber ist leer , und die blanken Fenster , in denen sich sonst die Elbe von Nienstedten bis Schulau spiegelte , sind dicht verhängt . Und die Tür ist zu : der Hahn und die Hühner stehen unruhig davor und warten vergeblich auf ihr Futter . Das ist ein Augenblick , dann verweht der Sturm es . Schiffsrat ! Aber was ist da zu sagen ? Nichts , denn was mit ihnen los ist , weiß der eine wie der andre : vor ihnen ist der gefährliche Brand der Tegeler Plate , sind die Brecher , die Sturzseen . Dahinein und hindurch müssen sie , sonst bleibt ihnen nichts zu tun , als abzudrehen und zu versuchen , den Ewer so hoch wie möglich auf das Watt zu setzen ! Kommen sie behalten durch die Brandung , so ist Schiff und Mannschaft geborgen , raken sie Grund , ist alles verloren . Flüchten sie wattenauf , so geht der Ewer in Stücke , aber sie können sich wahrscheinlich im Boot retten . Wahrscheinlich , denn eins ist so gefährlich wie das andre . Kap Horn sieht starr nach Lee , wo die Feuer des Ewersandes auf den Watten stehen müssen , als wenn er damit sagen will : stranden und landen ! Klaus Mewes aber will seinen Ewer nicht verlassen . Er fühlt das Zittern und Beben des treuen Fahrzeuges und ist entschlossen , sich durchzuschlagen . » Nu hol di fast , Kap Horn ! « ruft er gell . Und hinein in die Brecher geht es ! Händereibend steht der Tod neben ihm auf dem Achterdeck und jauchzt : » Nu krieg ik di , Klaus Mees , nu krieg ik di ! « Aber der Schiffer hält das Ruder fest und läßt sich nicht erschüttern . Vor ihm tobt der Hexenkessel der Tegeler Plate : er hält darauf zu . Grauenhaft schallt ihm das Donnern und Zischen der Grundseen entgegen , die sich wild überschlagen , - er verzieht keine Miene . Gott im Heben - da stürzt die erste , große See wie ein wildes Tier auf das Deck und rollt über den Ewer weg , zertrümmert das Backbordschwert , reißt das Boot los und wirft es quer gegen die Winsch , wo es in der Klemme sitzen bleibt . Kap Horn stürzt auf die Luken . Das Nachthaus ist weg , sie sind ohne Kompaß . Ein Glück , daß sie Seemann vorher in die Kapp gestopft haben . Klaus Mewes steht noch . Der Knecht springt auf , und der Ewer klüst weiter . » Fastholen ! « Das ist eine menschliche Stimme , so schrill sie auch klingt . Die zweite Riesensee stößt wie ein Felsen gegen den Ewer und ergießt sich über das Deck , sie schlägt in die Segel , daß das Fahrzeug sich auf die Seite legt und umkippen will , und die Fahrensleute bringt sie zum Schwimmen . Aber sie lassen ihren Halt nicht los , und weil nicht gleich eine See hinterher kommt und den Rest gibt , vermag der Ewer sich noch wieder aufzurichten . Abermals fegt es heran , steigt plötzlich steil auf und schlägt furchtbar auf das Deck nieder , daß die Luken verlorengehen und der Ewer sich halb mit Wasser füllt . Da beginnen die Lohnen auf der Diele zu treiben , und Störtebeker und Hein Mück waten aus der Kajüte und klettern oben auf die Treppe , um sofort hinaus zu können , wenn etwas passieren sollte . Fest klammern sie sich an , damit sie nicht hinunterfliegen . » Junge , wat snuft dat langs ! « ruft Störtebeker , » ober bang bün ik dorbi doch keen beten ! « An Pumpen ist nicht zu denken : sie müssen sich festhalten ! Sie müssen durch ! Durch müssen sie ! Sie sind mitten in der Brandung : schlimmer kann es nicht werden ! Wenn nur die Segel nicht bersten , wenn nur das Ruder hält ! Wieder ein Brecher ... * * * Auf der Reede von Blexen , dem oldenburgischen Weserdorf , das dwars von Bremerhaven liegt , ließen sie gegen Morgen den Anker fallen , peilten die Pumpen das Gröbste heraus und krochen dann todmüde in ihre Kojen . Es war an einem Sonntag . Die Glocken von Blexen , von Nordenham , von Geestendorf und von Bremerhaven klangen über die Weser , aber auf dem Fischerewer rührte sich nichts : alles an Bord schlief . Erst am Nachmittag zeigte sich wieder Leben an Deck : die Seefischer erschienen einer nach dem andern und überholten das haverierte Schiff , das schwer gelitten hatte . Sie pumpten es leer und freuten sich , als sie feststellten , daß es kein Wasser machte . Seemann beschnupperte den kahlen Besansmast und suchte das Nachthaus und sein Handschuhlager . Klaus und Kap Horn