eilig aus dem Staube machte . Zu spät bedachte der Graf , daß er sich vergessen habe ; aber wie empfindlich mußte der Schlag sein , der ihn getroffen , wenn dadurch die eherne Ruhe und Zurückhaltung eines so vom Zweck Umpanzerten erschüttert werden konnte ! Mit fliegender Hand schrieb er einige Zeilen , schloß und siegelte den Brief , ließ den Jäger kommen , gebot ihm , ein Pferd zu satteln , und trug ihm auf , die Botschaft vor Ablauf von achtundvierzig Stunden an Ort und Stelle zu bringen , kost es , was es wolle . Der Mann entfernte sich schweigend . Er kannte seinen Herrn . Er wußte , daß sein Herr sich nicht mit Späßen beschäftigte , Liebeshändeln und kleinen Intrigen . Er kannte dieses Gesicht an Seiner Lordschaft , diese Spannung eines gräßlichen Entweder-Oder , diese Miene eines angestrengten Wettläufers , diese krankhafte Fassung des Hasardspielers . Man hatte dergleichen Ritte schon oft unternommen bei Tag wie bei Nacht ; man mußte eine verschwiegene Zunge haben , um die unbehaglichen Zutaten solcher Obliegenheiten vor einer wißbegierigen Welt bergen zu können , denn es hatte nicht selten den Anschein , als ob man der Mittler lichtscheuer Geschäfte sei . Eile war stets geboten ; man kam auch stets zurecht , doch jenes » Kost es , was es wolle « war ein bißchen aufschneiderisch , man erhielt nicht immer seinen Lohn , man mußte oft wochenlang warten und heimlich nach den Brocken haschen , die von der gräflichen Tafel abgetragen wurden ; Seine Herrlichkeit war eben nicht bei Kassa , man erwartete Gelder aus England oder aus Frankreich oder man wurde sogar um Geld zu irgendeinem vornehmen Herrn geschickt , und es war auffallend , daß dem gräflichen Verlangen häufig nicht eben diensteifrig begegnet wurde , der vornehme Herr ließ in seiner Sprache eher etwas von Geringschätzung als von Ehrfurcht gegen die Person des Lords merken . Woran hing das alles ? Wohin liefen die Fäden , die dieses über den Pöbel erhobene Schicksal an die gemeine Notdurft knüpften ? Der edle Abkömmling eines edeln Geschlechts , seine Tage in einer erbärmlichen Spelunke fristend , einer der stolzesten Namen eines stolzen Reiches , abhängig von der schmierigen Freundlichkeit eines Gastwirts , verdammt , seines Lebens Mark und Kern mit eignen Füßen in den Schlamm zu treten , das strenge Gedächtnis unantastbarer Ahnen preiszugeben , wofür ? Woran hing das alles ? Jede gegenwärtige Stunde war eine Ruine der Vergangenheit , jeder Tag die Trümmerstätte eines goldenen Ehemals ; ehemals , da der Name Stanhope in den Hauptstädten Europas noch jene Rolle gespielt , die seinem Träger selbst nur noch wie eine Sage erschien , als der jugendliche Lord das Entzücken der Salons von Paris und Wien gewesen war , als er reich gewesen und den Reichtum benutzt hatte , um seine maßlose Jugend damit zu sättigen und der Welt seiner Standesgenossen das Schauspiel einer Verschwendung ohnegleichen zu geben . Seine Feste und Gastmähler waren berühmt gewesen . Er war von Land zu Land gereist mit einem Hofstaat von Köchen , Sekretären , Kammerdienern , Handwerkern und Spaßmachern . Er hatte bei einer Pergola in Madrid für fünfundzwanzigtausend Livres Blumen an die Frauen verteilen lassen . Er hatte während des Wiener Kongresses die Könige und Fürsten bewirtet , Wettrennen veranstaltet , die allein ein Vermögen verschlangen , und Oratorien und Opern für eigne Rechnung aufführen , lassen . Seine luxuriösen Launen hielten die Gesellschaft in Atem ; er beschenkte seine Freunde mit Villen und Landgütern und seine Freundinnen mit Perlenketten . Er war jahrelang der Timon des Kontinents gewesen , um den sich eine Armee von geilen Schmarotzern drängte , die alle ihr Profitchen an ihm machten und ihre ausschweifenden Gelüste bei ihm befriedigten . Seine Gutherzigkeit und Freigebigkeit war sprichwörtlich geworden , seine Art , mit immer gefüllten Händen Gold um sich her zu streuen , achtlos , ob es in die Gosse oder auf die Teppiche fiel , glich dem Wahnsinn oder einer tollen Probe auf die menschliche Habgier . Dann das Ende : Fallissement und Selbstmord eines Bankiers beschleunigten den unaufhaltsamen Zusammenbruch . Es war an einem Abend im Palais Bourbon , man hatte hoch gespielt , Stanhope verlor viele Tausende , um so bezaubernder wirkte sein unbefangenes Geplauder , das Feuer und die Anmut seines Geistes . Der Gesandte , Lord Castlereagh , trat zu ihm und machte ihm eine hastige Mitteilung . Man sah ihn erblassen , ein Lächeln von eigner Schwermut gefror auf den feinen Zügen , andern Tags reiste er . Er glaubte in der Heimat das zurückgezogene Leben eines Landedelmannes führen zu können , dies mißlang . Die Güter waren überschuldet , von allen Seiten drängten Gläubiger , außerdem graute ihm vor der Einsamkeit , haßte er die menschenlose Natur . Er floh . Der Glanz vergangener Zeiten mußte Fetzen borgen für ein Dasein , das allmählich von innen ausgehöhlt wurde durch die Angst um das nackte Brot . Es war still um ihn geworden ; seine Wanderzüge waren eine Jagd nach den früheren Freunden und Genossen , aber auf einmal gab es keinen mehr , der nicht alles vorher gewußt hätte und aus sicherer Schanze heraus Verdammnis predigte . In einem römischen Hotel nahm er , verzweifelt , erschöpft , aller Hoffnung bar , Strychnin . Eine junge Sizilianerin pflegte und rettete ihn . Das Gift , das seinen Körper verlassen hatte , schien von seiner Seele Besitz zu ergreifen . Er rang mit dem Dämon , der ihn niedergestoßen ; er wurde wild und kalt ; seine ans Erhabene streifende Menschenverachtung erleichterte ihm , die Schwächen seiner Umgebung zu benutzen . Er begab sich in den Dienst hoher Herren und studierte die schmutzigen Mysterien ihrer Vorzimmer und ihrer Hintertreppen . Er wurde Emissär des Papstes und bezahlter Agent Metternichs . Bald war sein Name ausgestrichen aus der Liste der Untadeligen und jenen Abenteurern zugezählt , die an den Grenzbezirken der Gesellschaft eine gefürchtete Korsarenrolle spielen .