mit ihren scharfen , aufgebrachten Worten über Wetterschaden , über Henny Ottens Tod , und Aussichten der Obsternte und derart tausenderlei Sachen . 5 Jahre gehen hin und kommen nicht wieder . Einhart war reich genug , sie nicht zurückzubegehren . Auch die , die jetzt kamen und nicht sichtbare Merkzeichen einritzten , die scheinbar ungehört verhallten . Es waren Jahre innerlicher Raffung zu sich selber . Denn der Mensch ist lange ein Kind , und dann ein Schüler , und auch wenn ihn die Menschen entlassen aus ihrer Meisterschaft , liegt er noch immer mit der Welt im Streite , ehe sie ihn gewähren läßt , aus sich zu sehen , zu sammeln , zu sichten , zu reden und zu malen . Und es kommt in jedes Menschen Leben eine Zeit , wo er mit leidenschaftlicher Sehnsucht nach Stimmen und Gestalten greift , die aus selbsteigener Gnade hineingerufen und hineingebildet in die Zeit . Einmal mit denen Zwiesprach zu halten , die in ihrer Zeiten Drange nach dem persönlichen Gute rangen , und nach der Kraft die eigenen Laute und Gesichte in die Lüfte über der Menge Häupter hinzuschreiben zu dauernder Verlockung . Einhart versank in ernste Studien . Er las jetzt mit wirklicher Begier Philosophie . Da war er nur gerade schlecht beraten zuerst . Er griff da einen langen Zopf , der dem Chinesen im Westen hinten hängt . Man nennt es Geschichte der Philosophie . Ein uraltes Bild , was man so die Philosophie der Alten nennt . Tausend Stümper haben es übermalt . Es versuchte so mancher zu bessern und zu streichen , was originale Menschen aus innerstem , eigenem Lebens- und Schauensbedrängnis zur Klarheit gestaltet . Es ist ziemlich unkenntlich , alles daran . Und von dem Ursprung nicht mehr viel Spur . Das merkte Einhart . Er kam mit wahrem Verlangen . Er hatte gar nichts gelernt . Oder besser , er kam mit dem natürlichen Drange , eine Welt , die sich ihm reich und heiß darbot , zu ergreifen mit Sinn und Seele allenthalben . » Das nennt ihr also Philosophie ? « sagte er zuerst ganz erstaunt , als er die Berge des gelehrten Wissens ansah . » Gibt es nicht Männer , in denen sich wirklich die Welt in ihren wahren Mächten spiegelte ? Gibt es nur solche zerstückelte Weisheit ? Hirngespinste von tausend Begriffen , in denen sich nicht einmal Fliegen fangen ? Gibt es nicht Männer , die die Welt klar anschauen , also daß man in sie einsehen kann wie in einen kristallenen Wassergrund , auf enger Scheibe das ganze , weite Eine ? So suchte er immer wieder nach Menschen . Und es kam auch , wie er durch den Vorhof , die geilen Reminiszenzensammlungen und Retouchieranstalten , durch allerlei Kommentare von Kreti und Pleti , durch die Stätten der unpersönlichen Fruchtbarkeit flüchtig hindurchgegangen , daß ein paar Heilige selber ihm endlich wirklich begegneten . Einhart stand plötzlich vor Spinoza . Der dunkle , bleiche , wortkarge , jüdische Mann entzückte ihn . Er hatte Mühe , sich in seine Strenge einzufinden . Er sah ihn beständig versunken über seine mühsame Arbeit gebeugt . Mitten in das Lesen der Worte dieses Vertieften hörte er manchmal plötzlich das Surren des Schleifrädchens , das er mit seinem Blicke verfolgte . Denn der irdische , äußere Mensch dieses Juden saß angebunden an die irdische Leistung , indes sein Geist selbstvergessen den Zwängen der Menschenseelen tief nachsann . So persönlich das Werk , so ganz selbstvergessen der Mensch zugleich . Zum ersten Male begriff Einhart mit dem in sich gewissen Blick dieses Erkenners die Zwänge von Launen , Lieben und Leidenschaften der Menschen , die , wie Wolken- und Weiterspiele den hinausgeworfenen Erdball , so die einsame , hinausgestoßene Menschenseele umdrängen . Die entsagende Weisheit solchen Betrachters , der ohne eigenen Anspruch , ohne auch nur leises Erzittern des eigenen Spiegels , Leiden und Leidenschaften des Menschen , ohne Hauch eigener Leidenschaften , bemaß , erregte ihn förmlich . Die erhabene Ruhe und durchdringende Macht , mit der dieser kranke , jüdische Glasschleifer den unentrinnbaren Verkettungen in den Seelen nachtrachtete , ohne je Wunsch und Plan eines engen , eigenen Lebenskreises anmaßlich und trübend seiner eisklaren Schau zuzumischen , dünkte Einhart das unverlierbare Gleichnis der reinsten Hingabe des Menschen an seine Quellen . Dann las Einhart in sonderbarem Zufallsspiel Schopenhauer . Das griff ihm sehr ans Herz . Aber weil er sich auch immer wieder die Welt mit Sinnen besah , konnte er das grausige Urgespenst des Willens vor tausend schönen Ordnungen der Dinge und den liebenden Sehnsuchten nach deren reicher Gestaltung nicht immer entdecken . Und seltsam vor allem , daß er nach dem stillen Frieden in Spinozas Schleiferzelle nie ganz vergaß , daß er nun einen unwirschen Griesgram vor sich hatte , dem er zwar mit schuldiger Devotion vor dem hohen Flug und dem weiten Umblick manchmal fein zulächelte , weil auch er Hohn und Verachtung gut kannte , aber auch oft mit sicherem , klaren Worte entgegentrat . Einhart begriff nicht , daß es ein Weltleid gäbe , weil er meinte , daß nur der Einzelne immer wirklich leide . Das wirkliche Leiden schien ihm begrenzt in dem engen Becher der Vereinzeltheit . Und das Maß dieses persönlichen Leidens däuchte ihm nicht um ein Jota vermehrbar , wenn er die einzelnen Personen zusammenreihte . Leid und Freude dünkten Einhart gleich nur eine schwankende , leise Begleitung in der weiten Ordnung dieser Welt und dem weiten Meer der Seele darin . » Gewiß , « sagte Einhart , » die Welt der Hanswurste und Affen . Aber auch der Weisheit mit vielen Gesichtern . « » Wie ich sie nehme , ist meine eigene Sache . « » Ich werde nicht weinen , weil ich malen will . Die Augen müssen weit und des Lichtes viel sein . Aber es gibt auch Licht genug . « » Ich liebe meine Welt , « sagte er dann