, und Ellen fragte auch nicht mehr . Sie begann , sich an dies stille , weltferne Dasein zu gewöhnen , das ihr ein tiefes , langes Ausruhen brachte und einen milden Schleier über Leid und Freude legte . Ihr schien jetzt , als läge schon eine unendlich lange Zeit zwischen dem Jetzt und jener Gewitternacht in Bozen - der Aufschrei war verhallt und nur noch ein mattes , sehnendes Weh zurückgeblieben . Noch einmal hatten sie und Reinhard sich wiedergesehen , er war an ihr Krankenlager gekommen , als er durch den Arzt erfuhr , daß sie wohl hoffnungslos daläge . Und als er sie dann so wiederfand , in einem engen , heißen Hotelzimmer , sie ihn aus starren , tiefliegenden Augen ansah und kaum erkannte , da schwieg sein eigner Schmerz und sein Groll . Er brachte sie ins Krankenhaus und blieb bei ihr , bis die erste Gefahr vorüber war , und selbst dann fand er keine harten Worte mehr . Sie hielten sich lange an der Hand zum Abschied - , es war nicht mehr Ellens Schuld , die sie voneinandergerissen hatte - , sie glaubten beide das Schicksal zu fühlen , das dunkel über ihrem Leben war , eine fremde , unerbittliche Macht , der sie Hand in Hand gegenüberstanden . Oft gingen jetzt ihre Gedanken zu ihm hin ; ihr Heim war für immer verloren , das wußte sie wohl , aber es war doch wie ein großes Geschenk , daß er so von ihr geschieden war ohne Haß und Zorn . Und wie ungeheuer mußte seine Liebe gewesen sein , daß er so bis in die letzten Tiefen zu verstehen mochte - und wie einsam lag der Weg jetzt vor ihr ohne ihn und alles , was er ihr gewesen war . Aber es kamen auch Tage , wo sie daran dachte , wie jung sie noch war , und was noch alles vor ihr lag - , wo sich die Zukunft in goldene Fernen weitete - leben und schaffen . - Die Gesunden kamen zu ihr herauf in das stille , weiße Zimmer , die alten Freunde , und sprachen davon , wenn Ellen erst wieder mit ihnen arbeiten würde . Johnny brachte ihr Blumen , alle verwöhnten sie und wunderten sich im stillen , daß Ellen dies lange Krankenlager so ruhig ertrug . Sie wußte wohl selbst nicht , wie es um sie stand . So war allmählich fast ein Vierteljahr dahingegangen , und sie war immer noch kaum imstande , sich aufzurichten ; dann standen eines Vormittags wieder die Ärzte um ihr Bett - , sie gingen zur Beratung hinaus , und einer kam zurück , um mit ihr zu reden . Ellen drang selbst in ihn um volle Wahrheit . Ihr waren schon lange manche bange Ahnungen gekommen - , aber dann traf es sie doch wie ein Donnerschlag : nur , wenn sie sich einem schwierigen und gefährlichen Eingriff unterziehen wollte , so wäre auf Besserung zu hoffen . Gewißheit könne man ihr vorher nicht geben - , sie sollte sich alles wohl überlegen . » Und sonst ? « fragte Ellen . Ja , sonst hätte sie wohl nur ein unabsehbares Siechtum zu erwarten - ein jahrelanges Krankendasein - - vom Bett auf das Sofa und wieder zurück . Der Arzt sagte das alles so schonend wie möglich - er wußte manches von ihrem Leben und daß sie ganz alleinstand . Aber sie ahnte wohl , daß es noch nicht die volle Wahrheit war - in seinem Gesicht glaubte sie ihr Urteil zu lesen und etwas von dem Mitleid , das der Arzt nicht sehen lassen darf - Mitleid mit dem Verurteilten . In dieser Nacht kämpfte sie einen harten Kampf . Daß sie schwerkrank war , hatte sie wohl gewußt , und anfangs war auch manchmal der Gedanke an den Tod gekommen , an ein langsames Verlöschen bei halbem Bewußtsein . Aber mit dieser schreckenden Klarheit war er noch nie vor sie hingetreten - sie hatte sich ja nur mit Geduld in das lange Daliegen gefunden , weil sie immer wieder dachte , es müßte doch endlich der Tag kommen , wo sie wieder hinauskönnte ins Leben . Nein - nicht sterben , nur nicht sterben - sie hatte noch nicht entsagt , hatte noch wieder hinaustreiben wollen auf das ruhelose Meer von Hoffnungen und Möglichkeiten . Sie - Ellen Olestjerne - mit ihren dreiundzwanzig Jahren , die mehr vom Leben verlangte als viele andere , die noch so viel schaffen und gewinnen wollte - , und das sollte nun das Ende sein von allem . - Immer wieder sagte sie es laut vor sich hin : das soll nun das Ende sein . - Und doch war sterben noch nicht das Schlimmste - , wenn sie sich nicht entschließen konnte , den Kampf zu wagen , dann erwartete sie das andere : jahrelanges Siechtum , hatte er gesagt , das bloße Wort war schlimmer wie zehnfacher Tod - sich herumschleppen vom Bett zum Sofa , vielleicht auch einmal bis ans Fenster - mit den ewig bohrenden und zerrenden Schmerzen - nichts mehr tun , nichts mehr wollen können und dabei verfallen , häßlich werden , Falten bekommen , langsam zum Skelett werden , bis auch das zusammenbrach . - Der Gedanke schüttelte sie wie etwas Widersinniges , Wahnsinniges , Unfaßliches . Was hatte sie nicht schon alles hingegeben in dem unbändigen Drang nach ihrem innersten Selbst , das so viel zum Opfer wollte - Heimat , Geschwister , selbst den Bruder , den sie so sehr liebte , denn der war schließlich auch von ihr gegangen zu den anderen - den Mann , dem ihre erste große Leidenschaft gehörte - sein Kind - Reinhard - alles , alles von sich geworfen , ihr war , als ob sie immer nur über Leichen hinweggegangen sei - , um schließlich vor ihrer eigenen anzukommen , und daneben stand das Schicksal und grinste sie eisig an :