, aber ich fühlte sonderbarerweise nicht die geringste Spur von Müdigkeit . Darum ging ich jetzt wieder hinab , um zunächst nach meinem Halef zu sehen , von dem ich heut noch nichts vernommen hatte . Hanneh war bei ihm . Er hatte soeben die Augen aufgeschlagen und richtete sie auf mich , als ich mich bei ihm niederließ . Ein liebes , liebes Lächeln ging über sein eingefallenes Gesicht . » Sihdi , gib mir deine Hand ! « flüsterte er . » Ich muß sie küssen ! « Ich kannte ihn und wußte , daß ich ihm diese Liebe nicht verweigern durfte . Er führte meine Hand an seine Lippen und hielt sie dort so fest , wie es ihm möglich war . Dabei hielt er die Augen wieder geschlossen . » Sihdi , wo - - - wo bist du gewesen ? « fragte er leise . » Aus deiner Hand strömt - - - Leben - - - Kraft - - - und Genesung ! Warst du vielleicht - - - im Schlafe dort , wo - - wo - - wo - - - « Er sprach nicht weiter , sondern er schlief ein . Dann ging ich wieder durch den Garten und nach der Pferdeweide hinter . Es war etwas in mir , was mich drängte , die dort so nahen Ruinen einmal in größerer Deutlichkeit als bisher vor mir liegen zu haben . Ich ahnte , daß in ihnen der Anfang des Endes liege , dessen Fäden jetzt in meine leider noch so schwache Hand gegeben waren . Das Gehen fiel mir heut schon wieder leichter als noch gestern . Meine kräftige Natur begann , sich geltend zu machen . Die Pferde seitwärts lassend , wendete ich mich der Stelle des alten Mauerwerkes zu , wo die letzten Büsche des Weidelandes standen . Dort war einer der cyklopischen Steine zu irgend einem Zwecke aus den Fugen gehoben und auf die hohe Kante gerichtet worden . Er warf nach Nord den Schatten . Da wollte ich mich niedersetzen und das Gemäuer in Augenschein nehmen . Aber es saß schon jemand da - - Schakara . Meine Schritte waren im Grase unhörbar gewesen . Sie wurde auf mein Kommen erst aufmerksam , als sie meinen Schatten neben dem des Steines erscheinen sah . Da wendete sie den Kopf , wer es wohl sein möge . Als sie mich erblickte , wollte sie aufstehen , aber ich bat sie ruhig sitzen zu bleiben , und nahm in ihrer Nähe Platz . Sie zeigte nicht die geringste Spur von Verlegenheit , während ein europäisches Mädchen , in derselben Beschäftigung überrascht , gewiß aufgesprungen und davongelaufen wäre . Sie hatte nämlich ihre langen , schweren , dunkeln Flechten geöffnet und war soeben dabei , dieses fast überreiche Haar durch den Kamm zu glätten . » Laß dich nicht stören , Schakara ! « sagte ich . » Hier bin ich Kurde und nicht Europäer . « » Europäer - - - ? « Sie sah mich fragend an . Dann kam es wie Verständnis über sie : » Ist es bei euch eine Schande für die Frauen , ihr Haar vor euren Augen zu berühren ? « » Zwar keine Schande , aber auch keine Ehre . Unsere Frauen zeigen ihr Haar nur in künstlich geordnetem Zustande . « » Künstlich geordnet ? « lächelte sie . » Also ist bei euch diese Ordnung nicht Natur , sondern Kunst ? Vielleicht ist das richtig ; ich verstehe es nicht . « Wie einfach und unbefangen das klang ! Wie hell und sorglos sie mich dabei anschaute ! Und wie unbedenklich sie dann in ihrer Beschäftigung fortfuhr ! Ich richtete mein Auge auf die Ruinen , zunächst ohne weiter zu sprechen . Kein Lufthauch war zu spüren . Es herrschte tiefe Stille , und nur - - - - was war denn das ? Während Schakara ihr Haar bewegte , war jenes laut knisternde , ganz eigenartige Geräusch zu hören , welches entsteht , wenn elektrische Fünkchen überspringen . Sie bemerkte meine schnelle Kopfbewegung und fragte : » Wolltest du mir etwas sagen , Effendi ? « » Eigentlich nicht ; aber , knistert dein Haar stets so , wenn du es ordnest ? « » Ja . Oft noch viel lauter . « » Seit wann ? « » So lange ich mich besinnen kann . « » Kennst du noch andere Personen , bei denen dasselbe Geräusch entsteht ? « » Nur eine einzige , nämlich Marah Durimeh . So oft ich ihr die langen , weißen Zöpfe flocht , erklang ihr Haar in diesen lieben Tönen , und in den Händen war es mir , als sprängen tausend Funken auf mich über . Sie sagt , das müsse sein , wenn sich nichts Fremdes zwischen Leib und Seele stelle . Hast du es noch nicht gekannt , Effendi ? « » Doch ! « » Bei vielen ? « » Nein ; nur bei einem , bei mir . Darum konnte ich nicht vergleichen und nach den Ursachen suchen . « » Die Ursache ist das Leben , ist die Seele . Ist diese ungeschwächt , so hat sie auch die Kraft , zu zeigen , daß sie Ueberschuß an Lebensvermögen besitze . « » Wie du so sprichst , Schakara ! « » Wie soll ich anders reden ? Ich hörte es von Marah Durimeh , die meine Lehrerin gewesen ist , so lange ich lebe . Sie liebt dies Knistern sehr ; sie pflegt es sogar ; sie wird besorgt , wenn es sich einmal mindert . Sie spricht von ihm , wenn sie aus alter Zeit erzählt , als noch kein Mensch von Krankheit etwas wußte . Hat sie dir nicht gesagt von jenem fremden Dichter , der seine Poesie , die er verloren hatte , an diesem Knistern , als sie dann wiederkam , sofort erkannte ? Das war das Roß der