andern Ende des Zimmers , plötzlich brennt die Kerze , ohne daß jemand daran gerührt . Nun ist aber das Seltsame , sowie einer die vorgeschriebene Kreislinie überschreitet , ist das Licht für ihn verschwunden . Das enthält für mich ein Stück Lösung des ganzen Lebensrätsels . « » Ich muß gehn , « sagte Bojesen , » es ist spät . « » Wieviel Uhr ist es ? « » Zwölf . « » Schon ! Darf ich Sie begleiten ? « Sie gingen . Kalt und klar war die Nacht , bis an die fernsten Grenzen lichtlos und still . Nieberding murmelte : » Mühsam ist der Pfad und lang , kein geschmückter Priester schreit ein versöhnliches Gebenedeit , wenn dein Fuß im Finstern vorwärts drang . « » Von wem ist das ? « fragte Bojesen . » Von Gudstikker . Er hat ein Buch sehr schöner Verse veröffentlicht . Ich muß ihn aufsuchen , muß mit ihm sprechen . Ein großes Talent . « » Kein Charakter , doch ein Genie , « sagte Bojesen bitter » Was meinen Sie damit ? « » Nun , dieses große Talent , - ich kenne es genau und schon lange . Eine Intrigantenseele , ein verwickelter Lügenkomplex . Was soll man dazu sagen . Die Kunst eines solchen Menschen ist vergänglich , selbst wenn sie für den Augenblick noch so sehr blendet . « Sie gingen vorbei an Bojesens Wohnung und wanderten weiter in die Stadt hinein . Ihr Schweigen war nicht das von vertrauten Menschen , sondern ein beunruhigtes und mißtrauisches . Selten waren noch Fenster erleuchtet . Der Turm einer Kirche erhob sich plötzlich auf einem Platz und dies gab der ganzen Umgebung einen solchen Ausdruck stummer Majestät , daß Bojesen glaubte , mit verschärften Ohren könne man die Orgel klingen hören . Auf der Königsstraße blieben sie vor einem kleinen Wirtshaus stehen . Durch die grünverhängten Fenster drang die Fistelstimme einer Soubrette , die ein laszives Lied mit entschiedener Betonung zum besten gab . Die Stimme war so , daß man die Haltung des Körpers darnach beurteilen konnte ; ja , man glaubte , die falsch lächelnden Lippen und die gezierten Gesten zu sehen . Wütendes Händeklatschen belohnte die Leistung , und der Klavierspieler gab einen Tusch . Da sah Bojesen , wie sich Nieberding an den Kopf schlug , auflachte und wieder auflachte und dann davonstürzte . Bojesen sah ihm kopfschüttelnd nach und setzte seinen Weg allein fort . Auf einmal sah er eine Schar von zehn bis zwölf Knaben auf der Straße stehen , sich lautlos um einen Mittelpunkt scharen , sich lautlos ordnen und dann ebenso geheimnisvoll die Straße hinausmarschieren . Sie trugen die schwarze Mütze der Waisenhauszöglinge bis auf zwei , die an der Spitze gingen . In dem einen erkannte Bojesen sofort Agathon Geyer . Bojesen , zu erstaunt , um nach Gründen zu raten , beschloß , dem Zug zu folgen . Er empfand eine unerklärliche Scheu , die ihn hinderte , Agathon kurzweg anzureden . Die Wanderung ging über die schlechten und winkeligen Gassen des Altstadtviertels und über den Schießanger und Bojesen wurde so begierig , zu erfahren , was all dies bedeute , daß er seine Vorsicht vergaß und sich den Knaben zu sehr näherte . Einige standen still und wandten sich ihm zu . Agathon kam , stutzte , erkannte ihn , ließ den Kopf sinken und schwieg . Der Himmel schien von einem weit entfernten Licht innerlich erleuchtet und Bojesen konnte jeden Zug in Agathons Gesicht erkennen . » Tun Sie es nicht ! Folgen Sie uns nicht ! « sagte Agathon endlich stehend . » Was geschieht hier , Agathon ? « fragte Bojesen , und er war seltsam bewegt , aus einem Grund , der ihm später zu denken gab . Er war matt und feig geworden diesem jungen Menschen gegenüber . » Nichts Unrechtes , Herr Bojesen , « entgegnete Agathon , heftete den Blick fest in den des Lehrers und lächelte so , daß Bojesen ihm die Hand hinstreckte . Er machte sich auf den Rückweg , ohne sich ein einziges Mal umzudrehen . » Wie romantisch , « murmelte er und suchte sich im Innern über Agathon zu stellen ; aber sein Herz war beklommen . Am andern Tag , als er über die Wiesen spazieren ging , sah er Agathon von ferne . Er hatte nicht das Verlangen , ihn anzureden ; er empfand ein Vertrauen zu ihm , das ihm Neugierde als etwas Verächtliches erscheinen ließ . Agathon ging langsam , mit in sich gekehrtem Blick ; seine Kleider waren etwas beschmutzt . Noch nie hatte Bojesen den Ausdruck einer solch gespannten Erwartung , eines fast atemlosen Lauschens in einem Gesicht erblickt . Am Eingang des Nadelwäldchens entschwand er seinen Blicken . Gegen drei Uhr kam Agathon ins Dorf zurück . Er begegnete Frau Olifat , die aus ihrem Haus kam . Sie bemerkte seinen Gruß nicht . Auf ihrem Gesicht lag etwas so finster Drohendes neben einer bangen Ratlosigkeit , ja Verzweiflung , daß Agathon ihr erschreckt nachsah , dann eilends ins Haus ging und am Wohnzimmer pochte . Das kleine Mädchen öffnete , legte den Zeigefinger auf die Lippen und deutete dann wortlos auf das Sofa , wo Monika lag . Agathon schlich auf den Fußspitzen hin . Sie schien zu schlafen . Ihre Wangen glühten . Durch die geschlossenen Lider und die langen Wimpern schimmerte es wie von aufbewahrten Tränen . Der Körper lag in einer gequälten Lage , der Kopf und die Beine nach rückwärts gebogen . Die Finger waren in den Stoff des Polsters eingekrampft , die Lippen waren in leiser Bewegung . Agathon ging es wie ein Stich von der Stirn bis zum Knie . Nicht nur Angst und Schrecken waren es , sondern er hatte plötzlich die unwiderstehliche Begierde , diese unhörbar flüsternden Lippen zu küssen . Die wogende Brust des Mädchens , die leidenschaftliche Glut , in der sie lag