Lorberkränze . Ich bin ein einfacher Pionier des neuen Lebens . Nur der Zungenschnalzer versteht mich , weil er den Willen der Zeit versteht . Und denkt ihr denn , ich habe den alten Hut voll Geld gekriegt , um eine Bouillonkultur Seelenkrebs anzulegen ? Ich habe das Amt erhalten , die Berliner in ein künstlerisches Leben hinüber zu amüsieren , nicht aber , sie mit Literatur zu mopsen . Der Zweck des Momus ist direkt , eurer ganzen Literatur den Rest von Interesse zu nehmen , den sie etwa noch hat . Wir wollen die Berliner ästhetisch machen . Es giebt hier immer noch Menschen , die Bücher lesen . Das muß aufhören . In den Spitzenunterhöschen meiner kleinen Mädchen steckt mehr Lyrik , als in euren sämtlichen Werken , und wenn die Zeit erst so weit ist , daß ich ohne Unterhöschen tanzen lassen kann , dann werdet sogar ihr begreifen , daß es überflüssig ist , andere Verse zu machen , als solche , die bei mir gesungen werden . Umgotteswillen , begreift doch die Situation ! Schöne Kleider , schöne Frisuren , schöne Arme , Brüste , Beine , Bewegungen - darauf kommst an . Erfindet mir Tänze , dichtet Pantomimen , löst mir das Problem der Emancipation vom Tricot , - das sind Sachen , die ich brauchen kann . Und wenn ihr schon durchaus Verse machen müßt , so vergeßt doch nicht , daß sie von schönen Mädchen gesungen werden , die nicht mit leeren Corsetts auftreten . Und seht euch mal die bunten , feinen Stoffe da an ! Was müssen das für Verse sein , die mit solchen Farben , solchen Mustern konkurrieren wollen ! Zieht doch eure Verse endlich mal aus ! Ich lasse Rops tanzen , - habt ihr doch die Kurasche , Rops zu dichten ! Unser Theater heißt doch Momus und nicht Stöcker . Seid ihr denn Predigtamtskandidaten ? Mein Gott , was thät ich , wenn ich auf euch angewiesen wäre ! So polterte er sich aus und genügte seinem Bedürfnisse ab und an verwegene Worte zu ballen . Aus diesem Grunde waren ihm die renitenten Dichter , obwohl er sich herzhaft über sie ärgerte , doch unentbehrlich . Er konnte » an sie hin reden « und sich bei dieser Gelegenheit klar machen , worauf hinaus er eigentlich wollte . Diese Art , sich in Feuer zu reiben , that ihm gute Dienste . Er fand sich mit seinem literarischen Gewissen ab , indem er sich mit den ungebärdigen Poeten abraufte . Wären sie nicht immer wieder aufgetaucht , so hätte er die Literatur überhaupt vergessen und wäre ganz in Mußlin und Seide aufgegangen . Viertes Kapitel Das leipziger Cénacle , das durch die » fatale Stilpe-Sache « damals gesprengt worden war , hatte sich schließlich doch wieder zusammengefunden . Freilich ohne Stilpe . Dieser war um die Zeit der neuen Vereinigung gerade in den Vollgenuß seiner kritischen Berühmtheit getreten und hatte auf die Einladung , der ersten Sitzung in Leipzig beizuwohnen , eine schnöde Absage erteilt . Es war darin von Kinderschuhen die Rede , die er den Herren gerne zur Verfügung stellen würde , wenn er nicht befürchten müßte , daß auch sie ihnen noch zu groß seien ; im übrigen sei er bereit , die poetischen Werke der erlauchten Cénacliers mit derselben Objektivität zu tranchieren , mit der er die übrigen Erzeugnisse des dichterischen Germaniens der öffentlichen Meinung vorsetzte . Diese Bemerkung war das Boshafteste in dem Briefe , denn die Herren Barmann , Stössel , Wippert und Girlinger hatten ihren künstlerischen und dichterischen Jugendplänen längst den Abschied gegeben . Barmann war Gymnasiallehrer geworden , Stössel hatte reich geheiratet und gab vor , musikgeschichtliche Studien zu treiben , Wippert war auf dem Umwege über orientalische Philologie langsam zur Medizin gelangt und hatte eine Klinik für Frauenkrankheiten , Girlinger steuerte auf die Laufbahn eines königlichen Staatsanwalts zu . Wenn sie sich trotzdem zu einem neuen Aufguß des Cénacles vereinigten , so geschah es in einer gewissen melancholischen Stimmung und in der Hoffnung , unter sich wenigstens eine Art Abglanz jenes einbildungsvollen Übermutes zu erzeugen , an den sie sich nicht ohne ein leises Hochgefühl erinnerten . Es war ihnen im Grunde doch leid , daß jene überschwänglichen Einbildungen einer künstlerischen Zukunft nicht zur Wahrheit geworden waren . Sie gestanden sich das zwar nicht ein , konstruierten sich vielmehr ein Gefühl von ernster Zufriedenheit darüber , daß sie sich in bürgerlich gefestete Zustände und in einen praktischen Wirkungskreis hinübergerettet hätten , aber es gewährte ihnen doch Genugthuung , daß sie auf so etwas wie eine geistige Sturm- und Drangperiode zurückschauen konnten . Auch hegten sie die stille Hoffnung , daß sie vielleicht viribus unitis doch noch die Fähigkeit besitzen möchten , wenigstens unter sich ein bischen über die Stränge zu schlagen . Da war nun die Absage Stilpes , vor dessen literarischer Stellung sie doch etwelchen Respekt hatten und in dem sie den durchgedrungenen Cénaclier verehrten , sehr fatal gewesen . Ohne ihn entwickelte sich das Cénacle stark ins hausbacken Solide , und eigentlich gabs eine Wiedergeburt jenes Debattierklubs auf dem Gymnasium , nur daß mit der Unreise auch der Enthusiasmus fehlte . Es wurde aus dem Cénacle eines der kritischen Konventikel , wie sie sich jetzt gerne um die Literatur und Kunst herumgruppieren , wo man sich über das Neue unterhält , die Entwickelung mit bald wärmerer , bald kühlerer Anteilnahme verfolgt , und wo der heimliche Lessing dieser kritisch noch immer nicht unter einen Hut gebrachten Zeit in vielen Exemplaren wäscht , blüht und gedeiht . Ein Hauptsport dieses zeitgemäß gewordenen Cénacles war die Psychologie , diese Lieblingsneigung aller unproduktiven Köpfe , die zu klug und zu stolz sind , um zu dilettänteln . An Stoff gebricht es diesem Sporte niemals , aber hier war er besonders üppig und interessant , weil die Cénacliers in ihrem ehemaligen Freunde , dem Ex-Schaunard Stilpe , ein besonders ergiebiges Objekt hatten . Die Debatte drehte sich