! das ist aber etwas ! « rief die Alte , tat aufs äußerste verwundert und beantwortete seine Frage nach Maria mit den hastig gesprochenen Worten : » Bei den Pinien ... im Garten ... ich muß nur bitten ... ich will sie vorbereiten ... « Er hörte sie nicht an . Während im Schloß und im Beamtenhaus alles durcheinanderrannte und die feindlichsten Elemente sympathisch zusammentrafen in dem Verdruß über seine Ankunft , schritt er eilig der großen Baumgruppe am südlichen Ende des Gartens zu . - Wie war alles verwildert ! Die Wege grasüberwuchert , die Wiesen von Unkraut zerfressen , die Gebüsche unbeschnitten ; ihre kahlen , schwachen Stämmchen in die Höhe gewachsen , lauter Lichtungen statt der ehemaligen schattigen Gänge . Von weitem schon erblickte er seine Tochter . Sie saß auf einer Moosbank unter den mächtigen Stämmen - durchsichtig blaß , schmal in ihrem schwarzen , eng anliegenden Kleide - und sah dem Kinde zu , das sich eifrig mit dem Bau einer kleinen Grotte beschäftigte . Ihr Vater war schon nahe bei ihr , als sie seine Schritte knistern hörte auf dem mit dichten Schichten abgefallener Nadeln bedeckten Grunde und den Kopf erhob . » Maria ! « rief er aus , und Tränen traten ihm in die Augen . Sie stand auf , wollte sprechen , auf ihn zueilen , sank aber stumm zurück mit einem unendlich dankbaren Lächeln . Er neigte sich zu ihr herab und drückte einen langen Kuß auf ihre Stirn . Sie flüsterte etwas Unverständliches , ihre Nasenflügel bebten , ihre Lippen waren halb geöffnet , sie zogen die Luft hörbar atmend ein . Wolfsberg setzte sich zu ihr . » Hätte ich doch gewußt ... « sagte er , » warum nicht ein Wort schreiben ... Wie unrecht . « Von Rührung übermannt , zog er ihre Hände an seinen Mund und küßte sie und sprach leise : » Niemand liebt dich , wie ich dich liebe , und niemand hat dir so weh getan . « Alles war ihm Vorwurf , ihr abgehärmtes Aussehen , ihr verwahrloster Wohnort , das Fremdtun Erichs , der sein Spiel unterbrochen hatte und ihn ernst und fragend ansah , ohne ihn zu begrüßen . Auf einmal blitzte es freudig auf in den Augen des Knäbleins . Er trat an seine Mutter heran . » Schau dorthin « , sagte er , legte sein Händchen flach an ihre Wange und zwang sie , den Kopf zu wenden . Die Sonne ging unter ; ihre letzten waagerechten Strahlen schimmerten durch die Stämme der Bäume , das Angesicht des Kindes flammte in ihrem Widerschein ; goldene Lichter spielten auf seinen dunkeln , leicht gelockten Haaren . Wolfsberg betrachtete ihn mit schmerzlicher Bewunderung . » Nun , was ist mit dir ? « begann er . » Du siehst mich ja gar nicht an . Kennst du mich nicht mehr ? « » O ja - o ja ! « gab Erich zur Antwort , senkte den Kopf und wandte seine ganze Aufmerksamkeit einem Käfer zu , der an einem Grashalm emporzuklimmen suchte . Auch Maria wagte nicht aufzublicken . Die Erinnerung an den Abscheu , mit dem Gräfin Agathe das Kind von sich gestoßen hatte , durchzitterte sie , und sie murmelte : » Verzeih ihm , er ist so scheu geworden in der Einsamkeit . « » Wir wollen ihn schon zutraulich machen « , sagte ihr Vater und streckte dem Knäblein die Rechte entgegen . » Schlag ein , kleiner Wolfsberg , schlag ein , mein Enkel . Auf gute Freundschaft ! « Der Graf blieb einige Zeit daheim , und alle , die in seinem Dienste standen , erfuhren , wie begründet ihr Schrecken über seine Ankunft gewesen war . Er ging streng ins Gericht ; seinen unverschämtesten Ausbeutern , seinen aufgeblasensten Würdenträgern brach der Angstschweiß aus , als er , ohne die Stimme zu erheben , mit geschlossenen Zähnen zu ihnen sprach : » Weh euch , wenn ich bei meiner Wiederkehr nicht jedes Versäumnis eingebracht finde , hundertfach . « Seine Abreise verschob er von Tag zu Tag . Er hatte Erich liebgewonnen ; er beschäftigte sich mehr mit ihm , als er mit Maria getan , da sie noch in so zartem Alter stand . Halbheit war seine Sache nicht . Er wollte den Enkel , den er anerkannt , von aller Welt anerkannt sehen und ihn für eine glänzende Zukunft erziehen . Als er jedoch seine ehrgeizigen Pläne vor Maria entwickelte , traf er auf Widerstand . Sie strebte für Erich das Gegenteil von allem an , was ihrem Vater wünschenswert erschien ; ja , sie forderte von ihm das feierliche Versprechen , daß ihr die entscheidende Verfügung über ihr Kind bewahrt bleibe im Leben und im Tode . Zweifelnd und erschrocken sah er sie an , aber eine andere Antwort als » ja « hatte er auf einen von ihr geäußerten Wunsch nicht mehr . Ihre unerschütterliche Gelassenheit bewegte ihn in allen Seelentiefen . Es schien ihm die Gelassenheit einer halb Abgeschiedenen , die nicht mehr wünscht noch hofft . Ihre Mutter , in ihrem letzten Lebensjahre , hatte in ruhigen Stunden denselben Ausdruck stiller Trostlosigkeit gehabt . Maria war jetzt das vollkommene Ebenbild der unglücklichen Frau , und Wolfsberg schauerte manchmal zusammen , wenn sie ihm unerwartet entgegentrat . Am Abend vor seiner Abreise waren sie aus dem Salon , in dem der Tee genommen worden , in den anstoßenden Erker getreten . Aus seinen hohen schmalen Fenstern sah man über die Bäume des Gartens , über das Dorf hinweg auf eine von Trümmern , die aus dem Steinbruch herabgerollt , teilweise bedeckte Hutweide . Die Dämmerung war eingebrochen , und in ihrem täuschenden Scheine meinte man einen ungeheuren Friedhof vor sich zu sehen . Wolfsberg blickte lange gedankenvoll hinaus . Ein letztesmal suchte er Maria zu überreden , ihren düstern Aufenthalt mit dem auf einem seiner Güter in Tirol oder in Österreich zu vertauschen :