und betraten nun wieder den Saal . Hier setzte Fanny sich auf einen Diwan zwischen zwei Thüren , um , wenn auch nicht ungesehen , so doch ungehört ihr Gespräch mit Joachim fortzuführen . Joachim blieb vor ihr stehen . » Also , wohin ? « » Lanzenau hat mir die Administration der Itzelburgischen Güter verschaffen wollen . Er gab mir heute einen bezüglichen Antrag der Vormundschaft . Zum Schein ging ich auf die Offerte ein , da vierzehntägige Frist zum Entscheid vorbehalten ist . Ich könnte hinreisen , an Ort und Stelle alles einzusehen . Es wäre unter anderen Umständen ja wie der Gewinn des großen Loses gewesen , eine glänzende Existenzsicherung auf zehn Jahre . « » Lanzenau war ja sehr besorgt , Dich von mir zu entfernen , « sagte Fanny traurig . » Reise - das wird ihm zunächst als Dank für seine Bemühungen wohlthun . Und dann kehre nach Mittelbach zurück , wenn auch wir dort eintreffen , also in fünf oder sechs Tagen . Aber ich werde zu jedermann davon sprechen ; Du bist ja im Besitz dieser Stellung eine großartige Partie für die jungen Damen . « Sie lachte . Aber er hatte das Gefühl , daß es ihr unbewußt doch lieb sei , ihn dergestalt als einen Mann hinstellen zu können , der auch ohne ihren Reichtum einer Frau wie Fanny eine würdige und auskömmliche Lebensstellung zu schaffen vermöge . Ein feines Rot stieg langsam in sein Gesicht . » Wie Du meinst ! « sprach er leise . » Morgen früh kannst Du reisen . Heute bist Du noch mein , « flüsterte sie und sah ihn mit tief verheißendem Blick an . » Fanny ! « Hier erscholl die Musik zu einem neuen Tanz , und von allen Seiten kehrten die Herren und Damen in den fast leer gewesenen Saal zurück . Mit ihrem Alleinsein inmitten der Menge war es aus . Noch bevor man auseinander ging , wurde Lanzenau von mehreren Seiten darauf angeredet , daß dem jungen Herebrecht die vielumworbene Administratorenstellung angeboten sei . Er hörte auch Fanny darüber sprechen , ruhig und voll freundlicher Anteilnahme an den Aussichten des jungen Mannes . So hatte seine Mahnung doch genützt ? Hatte Joachim doch gesprochen ? Und Fanny war so ruhig ? War denn alles , was Lanzenau beobachtet zu haben glaubte , eine Täuschung gewesen ? Jedenfalls konnte er wieder Hoffnung fassen und sah sich durch nichts gezwungen , sein Wort gegen Joachim zu brechen . Joachim reiste ab , um die Gesellschaft erst in Mittelbach wieder zu treffen ; Fanny war auch in seiner Abwesenheit ungemein heiter , doch konnte Lanzenau nicht verkennen , daß sie jedem längeren Gespräch mit ihm auswich . Auch beobachtete er , daß sie mit besonderer Ungeduld den täglichen Postboten erwartete , und sich aus der Halle mit einer leisen Enttäuschung , die sie jedoch zu verhehlen bestrebt war , aus dem Kreise der anderen Briefempfänger zurückzog ; für sie war kein Brief gekommen . Joachim schrieb nicht . Aber das war natürlich : Fanny getröstete sich dessen , indem sie sich sagte , daß sie keine Korrespondenz verabredet hatten . Endlich - am letzten Tag ! Ihre zitternden Finger erbrachen den Brief . Lanzenau beobachtete sie , es war ihr alles einerlei . Sie lehnte an einer der Karyatiden , welche den Sims des riesigen Kamins in der Halle trugen . Was war das - schrieb so Joachim ? In ihren Ohren brauste es . Kein Wort von Liebe , von Sehnsucht ? Fremd alles , wie der erste Brief , den sie empfing , ehe sie ihn kannte ? » Was schreibt Herebrecht ? « fragte Lanzenau etwas heiser neben ihr . Sie reichte ihm den Brief . Lanzenau las zu seiner tiefinnersten Befriedigung : » Hochzuverehrende , gnädige Frau ! Das Reisen , allein , durch eine tauschmutzige norddeutsche Gegend , ist nicht inspirirend genug , um einen zur Berichterstattung anzufeuern . Meine Stimmung war melancholisch genug , als ich so , zwischen wildfremde , nach Pelz und Feuchtigkeit riechende Menschen eingepfercht , im Eisenbahnwagen saß . Die Lendemain-Stimmung nach dem unvergeßlichen Ball , werden Sie sagen . Mag sein , der Kontrast war gar groß . Ueber das , was ich in Itzelburg vorgefunden , berichte ich Ihnen und dem Herrn Baron von Lanzenau besser mündlich . Alles stellt sich sehr verlockend dar . Ich wollte nur heute pflichtschuldigst melden , daß ich am bestimmten Tag zurückkehre und es höchst wahrscheinlich so einrichten werde , Sie und die ganze Gesellschaft , die mit Ihnen fährt , unterwegs zu treffen . Auf Wiedersehen ! Ihr treuergebener J. von Herebrecht . « Während Lanzenau las , fand Fanny ihr Lächeln und ihre Glücksstimmung wieder . » Er hat die Nachfrage Lanzenaus vorausgesehen , « dachte sie , » und deshalb so fremd geschrieben . Das war sehr klug . « Ihre gläubige Seele ahnte nicht , daß Joachim hundertmal versucht hatte , » geliebte Fanny « zu schreiben , daß aber die Buchstaben ihn wie Gespenster , wie Lügen , wie etwas , das nicht von ihm kam , anstarrten und daß er endlich , trotzdem vom rasenden Wunsch erfüllt , zu ihr zu sprechen , in der kühlen Form der Verehrung einige banale Redensarten aufs Papier geworfen . Und weiter irrte ihr Herz sich , wenn es freudig über seine Verheißung schlug , sie unterwegs zu treffen . » Er will zugleich mit mir wieder in mein Haus einziehen , « dachte sie . Joachim aber bebte davor zurück , Severina allein wiederzusehen . Deshalb wollte er mit allen anderen ankommen . Dreizehntes Kapitel Die beiden Frauen auf Mittelbach verlebten unterdes keine freudigen Tage . Beide verschlossen , beide wenig gesprächsbedürftig , wie sie waren , befanden sie sich in einer gewissen Verlegenheit einander gegenüber . Ihr Verkehr war bisher der freundlichste und friedfertigste gewesen , aber ihm hatte die Gelegenheit so zur Vertraulichkeit wie zur Reibung gefehlt .