doch ein wenig im Irrthum sein ; ich bin zweiundzwanzig Jahre alt geworden ohne auf schlechte Wege gerathen zu sein , das kann ich mir selbst sagen und ich danke Gott für dieses Bewußtsein . Was Leute klatschen dagegen kann sich Niemand verwahren und deshalb hoffe ich , daß ich auch in Zukunft im Stande , sein werde , weine Selbstachtung zu erhalten . Nun komme ich zum eigentlichen Zweck meines Schreibens , ich möchte nämlich in Frieden scheiden und deshalb bitte ich Sie diese Zeilen , als genügende Erklärung hinzunehmen und gegen mich keine Feindseligkeit zu hegen wie auch ich gegen Sie nicht . Doch da in Zukunft unsre Wege auseinandergehen bitte ich mir mein Bild zurückzusenden . Nun bitte denken Sie über die Geschichte nach , dann werden Sie mich nicht verdammen . « Trotz der mannigfachen Entstellungen und Uebertreibungen betreffs des springenden Punktes dieser ganzen Romeo- und Julia-Affaire , stak in dem Briefe dennoch eine gewisse Würde und Anständigkeit , die ihn erfreute . Denn es bereitete ihm eine tiefe Genugthuung , daß dies Weib trotz alledem und alledem seiner Liebe nicht unwürdig schien . Auch wurde in der besonnenen Ruhe dieses Schreibens der Größenwahn des Weibes , das seine so viel umworbene Schönheit begreiflicherweise als Angelpunkt der Schöpfung betrachtet , wohlthätig gedämpft . Und doch ! Was galt hier ihre anständige Gesinnung , da sie doch ganz in Händen ihres Mephistopheles lag . Und gegen den mußte man sich schützen , durch sie selbst . Er sann lange nach . Plötzlich kam ihm eine Idee . Sie kam über ihn wie eine Offenbarung . Sein Freund , der Genremaler Knorrer , hatte ihm kürzlich aus Tirol geschrieben , wo er eine Studienreise machte . Dabei hatte er bemerkt , daß er von Anfang Januar ab in Roveredo einige Wochen zubringen werde , um eine dortiges altes Bild zu copiren . Roveredo ! Der Name hatte ihn durchzuckt , er dachte an Kathis eigene Enthüllungen . Ja , er mußte Gewißheit haben , ob die Sache richtig sei . Es konnte als Gegenwaffe dienen . Sie selbst konnte ja alles ableugnen , was sie ihm erzählt . Und wenn er im letzten Nothfall dort nachforschte , so würde , sie schon Mittel finden , Alles todtzuschweigen . Was konnte bis dahin ihm nicht ohnehin für Schaden erwachsen , falls dieser Kohlrausch in seinem eigenen Liebeswahnsinn ... Kurz entschlossen , sich an diesen Strohhalm zu klammen , telegraphirte er an Knorrer nach Roveredo . Ein langes Telegramm , worin er Alles andeutete und diesen bat , ihm Gewißheit zu schaffen , ob in Trient eine Kathi Kreutzner mit einem Hauptmann vom Genie u.s.w. Wo dieser jetzt stehe . - - - Er malte nun ruhig an seinem Bilde fort . Siehe da , am zweiten Abend nach Absendung seines Telegramms nach Roveredo , erhielt er einen saugroben Brief des p.p. Kohlrausch , worin ihm dieser ankündigte , er werde sich jetzt hier mit » Frl . Kreutzner « einrichten und nun wegen der ihm und ihr zugefügten Beleidigungen Schritte thun . Rother antworte nicht . Er wartete auf das Antwort-Telegramm aus Roveredo . Es kam . - Genaues konnte ihm sein Freund nicht mittheilen . Allein , so viel hatte er in Erfahrung gebracht : Der betreffende Hauptmann vom Genie , dessen man sich an Ort und Stelle noch wohl erinnerte , sei später zur Cavallerie übergetreten . Sein Name sei : Graf Xaver Krastinik . - - Ohne Verweilen verschaffte sich Rother von einem befreundeten Offizier eine Rangliste der Oesterreichischen Armee . Richtig ! Bald hatte er den Namen gefunden . Ein ungarisches Husarenregiment , Garnison bei Pest . Ohne Verzug telegraphirte Rother an das Regimentskommando , Rückantwort bezahlt , ob er den Herrn dort treffen und sprechen könne . Seine fieberhafte Nervenaufregung steigerte sich bis zu Appetit- und Schlaflosigkeit . Er hatte sich in die Geschichte so hineingeredet und hineingelebt , daß ihm sein ganzes Leben daran zu hängen schien . Und war es nicht so ? Stand seine Liebe nicht auf dem Spiel ? Doch die war ja verloren . Nein , nun galt es seinen Namen . Die Schande , die Lächerlichkeit ! Sein reizbares Ehrgefühl überwand das nicht ; nein , daraus mußte noch Schlimmeres erfolgen . Man trieb ihn zum Aeußersten , so wehrte er sich . Ob das Mittel ganz anständig sei , diese Frage kam hier nicht in Betracht ; hatte man nicht ehrlos an ihm gefrevelt ? Man wehrt sich am besten , indem man selbst zuschlägt . Die beste Vertheidigung ist der Angriff . - Ob man ihm antworten würde ? Er sollte nicht lange in Zweifel sein . Ueberraschend schnell , mit ungarisch ritterlicher Liebenswürdigkeit , ward ihm Antwort . Graf Krastinik sei auf Urlaub , nach England verreist . Seine Adresse wisse stets , wie er beim Regiment hinterlassen habe : Lord Dorrington , Boltons Terrace , London . Rother besann sich nicht einen Augenblick . Auch dies Hindernis noch - sei ' s ! Hatte er die Sache einmal so verzweifelt ernst genommen , so wollte er sie durchführen . Was hatte er sonst auch noch für Interesse am Leben ! Einer Erholung bedurfte er so wie so ; Geld genug hatte er gerade ; so ging er am besten allen Unannehmlichkeiten zu Haus aus dem Wege . Wenn ihm jener Kerl etwa persönlich eine Droh- und Daumschrauben-Visite macht ! ( Er sah eben Alles in vergrößertem Maßstab und düsterm Lichte . ) Wozu noch zögern ! Schon der andre Morgen sollte ihn auf der Fahrt nach Hamburg sehn . Die nächste Route , die über Belgien und Calais , mochte er nicht wählen , wegen der drohenden Kriegsgerüchte . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Den letzten Abend vorher hatte ihn Annesley besucht , der wie gewöhnlich seine Hülfe in irgend einer