aber er sah ihn nicht , die Musik rauschte in wohligen Akkorden um sein Ohr , aber er hörte sie nicht , alle seine Sinne waren untergegangen in wildem , blutigem Gelüste . Wie er so in das Gewühl hineinstarrte , vernahm er dicht hinter sich ein Gespräch von zwei behäbigen Männerstimmen : » Willst du auch morgen zum Begräbnis hinaus ? « » Ja , es soll eine große Feier werden . Dabei darf man nicht fehlen . « » Ist sie lange krank gewesen ? « » O sehr lange . Unser alter Doktor hatte sie schon vor Jahren aufgegeben . Dann war sie mit ihrer Tochter im Süden und hat sich nach ihrer Rückkehr - ich weiß nicht , wie lange noch - gehalten . « Er horchte . - Ein dumpfe Ahnung dämmerte in ihm auf . Die Tannenzweige ! Die Tannenzweige ! Und die eine Stimme fuhr fort : » Sag mal : die Tochter muß doch in sehr heiratsfähigem Alter sein - hat sie sich noch immer nicht verlobt ? « » Sie ist ja bekannt wegen der Körbe , die sie austeilt , « erwiderte die andre Stimme , » die einen sagen , sie tat ' s , um die kranke Mutter nicht zu verlassen , die andern , weil sie eine geheime Liebschaft mit ihrem Vetter hat , dem Leo Heller , du kennst ihn ja . « » O der Windhund , « sagte die erste Stimme wieder , » vorige Woche hat er im Tempeln achthundert Mark verloren , bei den Wucherern sitzt er bis an die Kehle drin , und ein Liebchen hält er sich auch aus . Aber ein forscher , lustiger Kerl ist ' s , ganz dazu angetan , sich Goldfische zu kapern . « Und die beiden Stimmen entfernten sich lachend . Paul hatte ein dumpfes Gefühl , als müßte er sich zu Boden werfen und das Antlitz in den Staub pressen , - aus seiner Kehle schwoll es empor , - rote Schleier wogten vor seinen Augen auf und nieder ... Also sie hatte ausgelitten , die bleiche , freundliche Frau , die wie ein guter Engel über dem Heidehof gewartet hatte , an der sein eigen Herz gehangen , solange er lebte ! Nun , da sie tot , war ja die Bahn frei für Niedergang und Verbrechen . Und Elsbeth ? Wie hatte sie gezittert vor dieser fürchterlichen Stunde , wie hatte er geschworen , ihr alsdann nahe zu sein ! Und statt dessen lauerte er hier wie ein reißendes Tier , blutige Gedanken in der Seele , er , der einzige , dem ihre reine Seele sich einst anvertraut hatte ... Ein Frösteln überlief ihn . » Aber was tut ' s ? Tröster hat sie ja genug - da ist der lustige Leo , mit dem sie ja eine geheime Liebschaft haben soll - mag der nun seine Künste entfalten . « Er lachte laut und höhnisch auf , und nachdem er sich klargemacht , daß die Erdmanns ihm nicht entgehen konnten , wenn er am Wege auf sie wartete , verließ er den Saal . Als er in das Schweigen der mondhellen Winternacht hinausfuhr , wurde es auch in seiner Seele stiller und stiller , und als über der silbernen Heide das » weiße Haus « wie ein marmornes Grabdenkmal langsam emporstieg , da fing er bitterlich zu weinen an . » Plärre nur , plärre , altes Weib , du , « murmelte er und peitschte das Pferd an , daß die Glocken heller klangen . Die tönten ihm ins Ohr wie das Grabgeläute alles Guten . In dem Walde , hinter dem der Seitenweg nach Lotkeim sich abzweigte , machte er halt , band das Pferd an einen fern abgelegenen Baumstamm und schnallte die Glocken ab , damit ihr Klingen ihn nicht vor der Zeit verriet . Dann holte er den Revolver aus dem Gesäßkasten und prüfte die Patronen . - Sechs Schuß - für jeden zwei - doppelt reißt nicht . Es war bitterkalt und seine Füße erklammten . Er kauerte sich auf dem Boden des Schlittens nieder , so daß die Pelzdecke ihn ganz umhüllte . Darunter war es warm und wohlig , und allgemach fühlte er eine große Ermattung seiner Herr werden , als ob er einschlafen könnte . Aber dann raffte er sich wieder empor . » Es ist dir ja gar nicht ernst , « murmelte er , » daß du sie töten willst . Sonst müßte dir anders zumute sein ... « Da sprang er empor und rief in die Nacht hinein : » Ich will , ich schwör ' s dir , Mutter ... ich will . « - Und zur Bekräftigung schoß er eine Kugel in die Lüfte , so daß das Echo schauerlich durch die Stille hinrollte und die Raben krächzend von ihren Sitzen emporfuhren ... Je mehr die Stunde sich näherte , in der die Brüder heimkehren mußten , desto mehr wuchs seine Angst ; aber diese Angst galt nicht der blutigen Tat . - Er bebte davor , daß im letzten Moment seine Hand erschlaffen , sein Mut verfliegen würde , denn man hatte ihn ja stets einen » Feigling « genannt . Es mochte gegen vier Uhr morgens sein , und der Mond war schon im Untergehen , da ließ ein Glockengeläut in der Ferne sich hören , leise und immer lauter und lauter . Er sprang in den Hohlweg , den der wehende Schnee aufgeschüttet hatte , und warf sich platt auf den Boden . Der Schlitten nahte dem Waldesrand , zwei in Pelze gehüllte Personen saßen darauf - sie waren ' s. - Aber wie lange das dauerte ! Der Schlitten fuhr langsamer von Schritt zu Schritt . Die Glocken klirrten träge , und die Zügel hingen schlaff über den Bug des Pferdes herab . Die Brüder schnarchten ... wehrlos waren sie ihm preisgegeben . Rasch sprang er vor , fiel dem