, fuhr sie fort . » Mit solchen Sachen darf man in deinen Jahren nicht spaßen ! ... Aber wenn dir wirklich nichts Ernstliches fehlt , so hat es vielleicht auch sein Gutes , daß du gerade jetzt ein bißchen hustest und blässer aussiehst ... « » Warum ? « fragte er erstaunt . » Weil ja - « begann sie lebhaft , stockte dann aber . » Wir sprechen später einmal darüber ! Geh jetzt , der Meister wartet ! « » Was mag das sein ? « dachte Sender erstaunt , aber um ernstlich darüber nachzusinnen , fühlte er sich zu müde , nur mit Aufgebot aller Kraft konnte er die Werkstätte erreichen und sank da matt auf seinen Schemel . Und mit der Arbeit ging ' s heute noch schlechter als sonst . Jossele Alpenroth tat , als ob er es nicht bemerkte ; aber Sender selbst fühlte , daß es so nicht gehe . Er mußte die Nächte nicht bloß zum Lesen und Schreiben , sondern auch zum Schlaf benutzen . Das tat er denn auch , aber es fiel ihm schwer . Nicht etwa , als ob das Buch , das er nun zunächst durchnahm , gar so fesselnd gewesen wäre . Aus Gehorsam und in der abergläubischen Furcht , dadurch vom rechten Wege abzukommen , ließ er alles andere unberührt liegen und widmete sich der » Deutschen Sprachlehre « . So oft er heimkam und die Bücherlade aufschloß , seufzte er tief auf . Da lag die » Weltgeschichte « , das » Lesebuch « , vor allem aber der Schlüssel zu seinem Paradies - der » Katechismus der Schauspielkunst « , der sogar mit Bildern geschmückt war , die lachende , weinende , zornige und furchtsame Gesichter sowie » Spieler « und » Spielerinnen « in den verschiedensten Haltungen und Kostümen darstellten - und er mußte lernen , was ein » Hauptwort « sei , und dann , wie viele » Zeiten « es im Deutschen gebe ! Es war hart , und nachdem er so stundenlang konjugiert : » Ich liebe - ich liebte - ich habe geliebt - « hätte ihm das Wachen eigentlich schwerer fallen sollen als das Schlafen . Dennoch kämpfte er allnächtlich den gleichen Strauß mit sich selbst : » Nur noch ein halb Stündele , das schadet nicht « , und dann : » Noch zehn Minuten ; das halt ' ich leicht aus « - bis er sein Lager aufsuchte . Denn je rascher er mit dem langweiligen Buche fertig war , desto eher winkten ihm die Freuden des Lesebuchs und endlich auch die Wonnen des » Katechismus « . Er war in jenen Tagen wohl einer der glücklichsten Menschen in Barnow . Denn er war ja auf dem Weg zu seinem Ziel und felsenfest seine Zuversicht , es zu erreichen ! Nur das ewige Verhehlen gegen seine Mutter war ihm zuweilen peinlich ; er trug nun den Schlüssel zu seiner Kammer immer bei sich , obwohl Frau Rosel sie ohnehin nie betrat , und verhängte des Abends das Fenster , daß kein Lichtstrahl hinausdringen konnte . Aber er mußte sie ja hintergehen , und wenn ihr auch die Verwirklichung seiner Pläne gewiß zunächst nur Schmerz brachte , wie reichlich wollte er ihr einst , wenn er ein großer » Spieler « geworden , vergelten , was sie um ihn gelitten ! Sie verdiente es ehrlich , so tief er sie gekränkt , nun wurde sie aus Besorgnis um seine Gesundheit von Tag zu Tag freundlicher gegen ihn . Die Wandlung mehrte das Glücksgefühl , das ihn in diesen Zeiten überkommen , fast hätte er den lästigen Husten gesegnet , der dies herbeigeführt . Aber seltsam ! - als sollte nun alles verschwinden , was ihm unangenehm gewesen , so wurde nun auch , je weiter der März vorschritt , je milder die Lüfte wehten , sein Meister gegen ihn immer freundlicher . Er lachte ihn ordentlich an , wenn er morgens den Laden betrat , und als Sender einmal beim Zusammensetzen eines Uhrwerks gedankenvoll deklinierte : » Das Rädchen , des Rädchens , dem Rädchen , das Rädchen « und dabei mit der Kneifzange die Feder sprengte , war der Meister nur einen Augenblick ungehalten , dann sagte er freundlich : » Mach ' dir nichts daraus , ich leg ' s zum übrigen ! « Sender blickte ihn verblüfft an , aber der kleine Mann ärgerte sich wirklich nicht , lachte sogar über das ganze Gesicht . Hatte er endlich die Geduld verloren und wollte den ungeschickten Lehrling fortschicken ? Das sah Jossele Alpenroth nicht ähnlich ; er war nur eben so ein Uhrmacher , aber ein ehrlicher Mann . Hatte er Böses vor , so schnitt er keine freundliche Miene . » Mir kann ' s recht sein « , dachte Sender vergnügt . » Ich tu ' s gewiß nicht absichtlich , aber ich fürcht ' , die Freud ' mach ' ich ihm noch oft ! « Er wäre minder ruhig gewesen , wenn er den Grund dieser rätselhaften Fröhlichkeit gekannt hätte . Es war derselbe , der seine Mutter mit so zärtlichem Bangen erfüllte . Über Sender zog sich , ohne daß er es ahnte , ein Gewitter zusammen . Gegen Ende April fand , wie alljährlich , die Rekrutierung in Barnow statt , und Sender , der im vorigen Mai sein zwanzigstes Jahr vollendet , hatte sich zu stellen . Das wußte er nicht , konnte es nicht wissen . Er gehörte ja - glaubte er - zu jenen wenigen Glücklichen , die gesetzlich vom Militärdienst befreit waren ; er war der einzige Sohn einer Witwe . Allerdings genügte dies allein nach dem Gesetze nicht , der Sohn mußte der Ernährer der Mutter sein , und Frau Rosel ernährte ja ihn . Aber damit nahm man es in Barnow nicht so genau ; für eine solche Bescheinigung sorgte schon Luiser Wonnenblum , der Schreiber der jüdischen Gemeinde , und