jemand , den sie leiden mochte , bei ihr vorkehrte und mit ihr plauderte . Als sie meine Malerkünste entdeckt hatte , trug sie mir sogleich auf , ihr ein Blumensträußchen zu malen , welches sie mit Zufriedenheit in ihr Gesangbuch legte . Sie besaß ein kleines Stammbüchelchen von der Stadt her , das nur zwei oder drei Inschriften und eine Menge leerer Blätter mit Goldschnitt enthielt ; von diesen gab sie mir bei jedem Besuche einige , daß ich eine Blume oder ein Kränzchen darauf male ( Farben und Pinsel hatte ich schon bei ihr zurückgelassen , und sie verwahrte dieselben sorgfältig ) ; dann wurde ein Vers oder witziger Spruch darunter geschrieben und ihr Kirchenbuch mit solchen Bildchen , die ich in wenigen Minuten anfertigte , gefüllt . Die Verse wurden einer großen Sammlung bedruckter Papierstreifchen entnommen , welche sie als Überbleibsel früher genossenen Zuckerzeuges aufbewahrte . Durch diesen Verkehr war ich heimisch und vertraut bei ihr geworden , und indem ich immer an die junge Anna dachte , hielt ich mich gern bei der schönen Judith auf , weil ich in jener unbewußten Zeit ein Weib für das andere nahm und nicht im mindesten eine Untreue zu begehen glaubte , wenn ich im Anblicke der entfalteten vollen Frauengestalt behaglicher an die abwesende zarte Knospe dachte als anderswo , ja als in Gegenwart dieser selbst . Manchmal traf ich sie am Morgen , wie sie ihr üppiges Haar kämmte , welches geöffnet bis auf ihre Hüften fiel . Mit dieser wallenden Seidenflut fing ich neckend an zu spielen , und Judith pflegte bald , ihre Hände in den Schoß legend , den meinigen ihr schönes Haupt zu überlassen und lächelnd die Liebkosungen zu erdulden , in welche das Spiel allmählich überging . Das stille Glück , welches ich dabei empfand , nicht fragend , wie es entstanden und wohin es führen könne , wurde mir Gewohnheit und Bedürfnis , daß ich bald täglich in das Haus huschte , um eine halbe Stunde dort zuzubringen , eine Schale Milch zu trinken und der lachenden Frau die Haare aufzulösen , selbst wenn sie schon geflochten waren . Dies tat ich aber nur , wenn sie ganz allein und keine Störung zu befürchten war , so wie sie auch nur dann es sich gefallen ließ , und diese stillschweigende Übereinkunft der Heimlichkeit lieh dem ganzen Verkehre einen süßen Reiz . So war ich eines Abends , vom Berge kommend , bei ihr eingekehrt ; sie saß hinter dem Hause am Brunnen und hatte soeben einen Korb grünen Salat gereinigt ; ich hielt ihre Hände unter den klaren Wasserstrahl , wusch und rieb dieselben wie einem Kinde , ließ ihr kalte Wassertropfen in den Nacken träufeln und spritzte ihr solche endlich mit unbeholfenem Scherze ins Gesicht , bis sie mich beim Kopfe nahm und ihn auf ihren Schoß preßte , wo sie ihn ziemlich derb zerarbeitete und walkte , daß mir die Ohren sausten . Obgleich ich diese Strafe halb und halb bezweckt hatte , wurde sie mir doch zu arg ; ich riß mich los und faßte meine Feindin , nach Rache dürstend , nun meinerseits beim Kopfe . Doch leistete sie , indem sie immer sitzen blieb , so kräftigen Widerstand , daß wir beide zuletzt heftig atmend und erhitzt den Kampf aufgaben und ich , beide Arme um ihren weißen Hals geschlungen , ausruhend an ihr hangen blieb ; ihre Brust wogte auf und nieder , indessen sie , die Hände erschöpft auf ihre Knie gelegt , vor sich hinsah . Meine Augen gingen den ihrigen nach in den roten Abend hinaus , dessen Stille uns umfächelte ; Judith saß in tiefen Gedanken versunken und verschloß , die Wallung ihres aufgejagten Blutes bändigend , in ihrer Brust innere Wünsche und Regungen fest vor meiner Jugend , während ich , unbewußt des brennenden Abgrundes , an dem ich ruhte , mich arglos der stillen Seligkeit hingab und in der durchsichtigen Rosenglut des Himmels das feine , schlanke Bild Annas auftauchen sah . Denn nur an sie dachte ich in diesem Augenblicke ; ich ahnte das Leben und Weben der Liebe , und es war mir , als müßte ich nun das gute Mädchen alsogleich sehen . Plötzlich riß ich mich los und eilte nach Hause , von wo mir der schrille Ton einer Dorfgeige entgegenklang . Sämtliche Jugend war in dem geräumigen Saale versammelt und benutzte den kühlen , müßigen Abend , nach den Weisen des herbeigerufenen Geigers sich gegenseitig im Tanze zu unterrichten und zu üben ; denn die älteren Glieder der Sippschaft befanden für gut , auf die Feste des nahenden Herbstes den jüngern Nachwuchs vorzubereiten und dadurch sich selbst ein vorläufiges Tanzvergnügen zu verschaffen . Als ich in den Saal trat , wurde ich aufgefordert , sogleich teilzunehmen , und indem ich mich fügte und unter die lachenden Reihen mischte , ersah ich plötzlich die errötende Anna , welche sich hinter denselben versteckt hatte . Da war ich sehr zufrieden und innerlich hoch vergnügt ; aber obgleich schon Wochen vergangen , seit ich sie zum ersten Male gesehen , ließ ich meine Zufriedenheit nicht merken und entfernte mich , nachdem ich sie kurz begrüßt , wieder von ihr , und als meine Basen mich aufforderten , mit ihr , die gleichfalls anfing , einen Tanz zu tun , suchte ich ungefällig und unter tausend Ausflüchten auszuweichen . Dieses half nichts ; widerstrebend fügten wir uns endlich und tanzten , einander nicht ansehend und uns kaum berührend , etwas ungeschickt und beschämt einmal durch den Saal . Ungeachtet es mir schien , als ob ich einen jungen Engel an der Hand führte und im Paradiese herumwalzte , trennten wir uns doch nach der Tour so schleunig wie Feuer und Wasser und waren in selbem Augenblicke an den entgegengesetzten Enden des Saales zu sehen . Ich , der ich kurz vorher unbefangen und mutwillig die Wangen der großen und schönen Judith zwischen meine Hände gepreßt , hatte jetzt gezittert