den Finger auf den Mund . » No hablan ( Nichts ausplaudern ) ! « sagte er . Robert schüttelte den Kopf . Die Kenntnis von dem Aufenthalt Gallegos unter der Bande hätte ihm ja bestimmt das Leben kosten müssen , daher konnte der schlaue Gomez vollkommen überzeugt sein , daß er schweigen würde . Also dieser wüste Trinker , der Mann , den er schon in Hamburg mit scharfem Messer auf seinen Nebenmenschen hatte losgehen sehen , war es gewesen , der ihn durch das gespenstische , mitternächtliche Erscheinen auf der Insel so sehr erschreckt hatte , der von seiner verzweifelten Lage genau wußte und dennoch nichts tat , um ihn zu befreien oder ihm wenigstens beizustehen , als er krank dalag . Seine Strafe war schrecklich gewesen . Robert vergab dem Gerichteten , was er ihm getan hatte , und wünschte seiner Seele aufrichtig Frieden . Er bat den Koch , an einem freien Tag mit ihm hinüberzufahren zu der Insel , die er aus mehr als einem Grunde vor seinem Abschied von dieser Gegend noch einmal wiedersehen wollte . Anfangs weigerte sich Gomez aus Furcht vor der Rache der andern , die immer noch gegen Robert ein heimliches Mißtrauen hegten , dann aber gab er nach , und als eines Tages die ganze Bande fort war , segelte er mit seinem jungen Schützling hinüber . Welch ein eigentümliches Gefühl war es für Robert , den Platz wiederzusehen , an dem er so bittere , hoffnungslose Stunden durchlebt hatte . Mit Gomez ließ sich zu wenig sprechen , um solche Erinnerungen in Worten wiederzugeben . Desto besser aber konnte er das , als die kleine Niederlassung erreicht war . Der Koch streichelte voll Mitleid die eingefallenen Wangen des Jungen , und aus dem , was er in seiner lebhaften Sprechweise hervorsprudelte , entnahm Robert deutlich genug , daß er gegen die beiden plumpen Messingtöpfe aus der Kombüse der Antje Marie und gegen die leere Tonne , in der das Pökelfleisch gewesen war , die größte Nichtachtung ausdrücken wollte . Bei solcher Kost konnte ja keine Gesundheit bestehen . Robert sah noch einmal in die Höhle hinein , in der er fast einen Monat lang gewohnt hatte , und dann suchte sein Blick den einzigen Gegenstand , den er zur Erinnerung an diese Insel mit sich nehmen wollte : die Nähnadel aus der Fischgräte . Er hatte längst aus dem reichlichen Vorrat der Flibustier einen neuen , anständigen Matrosenanzug erhalten , aber er wollte doch die Gräte , mit der er sich in höchster Not geholfen hatte , für immer aufbewahren , - ja , er hoffte in diesem Augenblick nichts sehnlicher , als dies kleine , selbstgefertigte Werkzeug einmal seinem Vater zu zeigen und ihm beweisen zu können , daß sich das Krollsche Blut in der Stunde der Gefahr glänzend bewährt hatte , daß es den Schneider offenbart hatte , ohne Tisch , ohne Schere , ohne Bügeleisen , - nur mit einer Fischgräte . Und richtig , da steckte sie . Zwischen zwei Brettern war ein kleiner freier Raum , wohin er sie damals gelegt hatte . Voll Freude verbarg er seinen Schatz in der Tasche , um dann nach einem letzten Abschiedsblick auf die Umgebung mit Gomez den Baum zu suchen , an dem Gallego so trostlos umgekommen war . Da die beiden auf gut Glück das Gebüsch durchstreiften , dauerte es ziemlich lange , bis die Stelle gefunden war . Ein schauerlicher Anblick bot sich ihnen . An einer Palme , von Seilen umschnürt , stand aufrecht das Gerippe des Verurteilten . Bis auf die Knochen abgenagt von Geiern und Füchsen , weiß gebleicht von den sengenden Strahlen der Sonne , - so sahen sie die letzten Überreste des Unglücklichen , der durch Trunksucht sein eigener Henker geworden war . Sämtliche sechs Flaschen Rum , die Rafaele in die Nähe des Baumes gelegt hatte , waren bis auf den letzten Tropfen leer , wahrscheinlich also hatte sich Gallego durch den maßlosen Genuß des Alkohols einen ganz plötzlichen Tod zugezogen . Stumm sahen sich die beiden an , und dann machte Robert eine halb unwillkürliche Bewegung , die der Spanier sofort mit lebhaften Gebärden beantwortete . Er lief zurück zu seiner Höhle , um den Spaten zu holen und ein Grab zu graben . Die Flibustier hatten ja alles Gerät , das sich vorfand , unbeachtet liegen lassen . Als er zurückkam , ergriff Gomez sofort das plumpe Werkzeug und sagte wieder mit seinen ausdrucksvollen Gebärden ganz verständlich : » Gib her , armer Junge , du hast ja keine Kräfte ! « Robert war sehr damit einverstanden . Er wünschte ohnehin für den letzten Besuch an Mohrs Grab keinen Zeugen und entfernte sich daher , während Gomez grub , auf dem bekannten Wege , um zum Strand zu kommen . Als er hier das letztemal ging , war es im halben Fieber , in stumpfer Ergebung dem Unvermeidlichen gegenüber gewesen , - jetzt dagegen mit neuer Hoffnung , neuem Mut für die Zukunft . Ließen ihn die Räuber nicht gutwillig fort , so würde sich ja die Gelegenheit zur Flucht früher oder später finden . Er fühlte sich jeden Tag kräftiger werden und gab nichts verloren . Die Rettung von dieser Insel im Augenblick der höchsten Gefahr war ja fast ein Wunder zu nennen . Er fühlte die ganze volle Dankbarkeit gegen das Schicksal erst hier , wo er am verzweifeltsten gewesen war , als das Schiff , das er in der Gewitternacht so nahe am Strand gesehen hatte , vor seinen Augen in der Ferne verschwand . Ein Gesangbuchvers , den er vom Chor der kleinen heimatlichen Dorfkirche herab so oft mit seiner klaren Stimme gesungen hatte , ein alter , vergessener Vers fiel ihm hier am Ufer der entlegenen Insel plötzlich wieder ein , er summte ihn halblaut vor sich hin und empfand dabei so ganz seine tiefe Wahrheit : Der Wolken , Luft und Winden Gibt Wege , Lauf und Bahn ,