und Flitterschuhe beiseitegelegt , dann zeichnete sie kleine Kinderköpfe oder schnitzelte sie als Silhouetten aus schwarzem Papier , legte sie zwischen die Blätter ihres Gesangbuches und küßte sie als Gleichnisse ihres schönen Knaben . Sie fertigte ihm Röckchen und Wämschen , drehte Blumen aus den hellen Locken , die ich ihm jedes Jahr für sie abschneiden mußte , verflocht sie mit einem Goldfädchen ihres eigenen Haares , auch wohl mit einem anderen , das sie einem teuren Erinnerungszeichen entwand , und nannte sie ihre Sonnenblumen . Sie herzte jedes fremde Kind , sie jubelte vor Lust und weinte vor Weh , wenn sie des eigenen gedachte - aber wiedergesehen hat sie den Pflegling Muhme Justines nicht . Auch als ihr Vater schlafen gegangen , als der meine heimgekehrt war , als sie , ledig jeder Pflicht , auf eigenen Füßen stand ; daß sie , und nicht eine Fremde , zur Hüterin ihres Kindes berufen sei , daran dachte sie nicht . Ich aber rüttelte nicht mit Gewalt diese Pflicht in ihrem Gemüte wach . Denn der Wuchs eines Menschen , wie der eines Baumes - ich hatte es allmählich begriffen - , er läßt sich in die Breite und allenfalls in die Höhe treiben ; aber tiefer graben , bis zum nährenden Quell , lassen sich seine Wurzeln nicht . Wie die Natur uns gepflanzt hat , so müssen wir einander hegen - oder meiden . Im übrigen sagte ich mir auch , daß der vaterlose Knabe sich unter der rauhen Hand der Fremden natürlicher entwickeln werde als unter der tändelnden der Mutter . Und endlich hielt ich die eigenen Augen nicht auf ihn gerichtet ? Wie ich als Kind nicht mit Puppen gespielt hatte , so war ich auch späterhin nicht das , was man kinderlieb nennt . Dieser Knabe aber wuchs mir nahe ans Herz . Wenn ich auf dem Wege durchs Dorf die blöde , plumpe flachssträhnige Bauernbrut zwischen Hühnern und Ferkeln auf ihren Düngerhaufen hatte hocken sehen und nun vom Walde her die biegsame , kleine Gestalt in ihrem zierlichen Röckchen mir entgegensprang , da lachte ich wohl vor Lust , aber ich fragte mich auch mit Wehmut , ob nicht der Vater , an welchen mein Prinzchen so lebhaft erinnerte , sich in die natürlichen Schranken des Lebens gefügt haben würde , hätte er dieses Liebeskind zur Führung an seiner Hand gefühlt ? Wie früh und sicher er die Füßchen bewegen lernte , wie ausgelassen er sich im Walde tummelte , mit den Hasen Wettlauf hielt , hellen Klangs die Vogelstimmen nachahmte , lange ehe er unsere menschliche Sprache zu reden verstand . Wie trotzig lachend er sich das Eichhörnchen zum Muster nahm , bis zum Wipfel der knorrigen Steineiche hinankletterte , während die alte Muhme mit ohnmächtiger Angst am Fuße drohend die Fäuste ballte ! - So wurde dem Kinde der Natur die Natur eine frühe Bildnerin ; frühe aber auch drängte das Bedürfnis sich auf , es einer strengeren Regel und dem Gesetze eines männlichen Willens zu unterstellen . Als der Knabe im fünften Jahre stand , erklärte die Muhme , den Wildling nicht über den nächsten Winter hinaus bändigen zu können , noch zu wollen . Denn nichts Kurioseres und für mich nichts Ärgerlicheres , als der Zwiespalt der alten Seele gegenüber ihrem Ziehekind ! Sie hatte ein Wohlgefallen an dem neckischen kleinen Patron , ja ein Herz für ihn ; sobald sie ihn aber in meiner Nähe sah , überfiel sie eine so unwirsche Laune , daß , hätten noch Bären und Wölfe in unserem Walde gehaust , sie ihn unter die Bären und Wölfe in den Wald gejagt haben würde . » Es kommt Ihnen nichts Gutes durch den Wildling , « wurde sie nicht müde , mir vorzuhalten . Das landläufige Sprichwort von dem besudelnden Pech stimmte mit dem Geist , welcher geheimnisvoll aus einem Kartenspiel warnt , in dieser Mahnung zusammen , und , alte treue Justine , könntest du doch spüren , daß vierzig Jahre später die Erörterung der Frage , ob deinem Fräulein Gutes von dem Wildling gekommen ist ? die Schlußbetrachtung ihres Lebens bilden wird . Da half kein Zureden , der Junge mußte fort , fort aus Reckenburg ; und eine Erwägung anderer Art gab diesem Entschlusse Nachdruck auch für mich . Unser treuer Freund , der Prediger , hatte uns kürzlich verlassen , um als Vorsteher des Laurentiusklosters eine freiere , seinem väterlichen Sinne angemessenere Stellung einzunehmen . Der Dienst in der Gemeinde wurde während der Vakanz wechselnd von Nachbarpredigern versehen , die sich um örtliche Verhältnisse wenig bekümmerten . Wenn aber kommenden Sommer der neugewählte Seelsorger sich bekannt machte , konnte ihm das Auffällige unseres Schützlings schwerlich entgehen . War auch die Beglaubigung des Kirchenbuches zugrunde gegangen , dem Geistlichen durfte auf Befragen die Wahrheit nicht verhehlt werden ; ein Mensch mehr wußte um Dorothees so ängstlich gewahrtes Geheimnis ; neugierige Spürversuche , Fraubasereien , irgendein unberechenbarer Zufall leiteten auf die richtige Fährte , und der immerhin interessante Zusammenhang drang über unseren stillen Waldwinkel hinaus in der Leute Mund . - Alles dies führte ich Dorothee zu Gemüte , sobald ich für etliche Herbstwochen im Elternhause eingekehrt war . Ich fand sie in nachdenklicher Stimmung , vorbereitet durch den Prediger , wie Seine Hochwürden , der nunmehrige Propst und Direktor , hier zum letztenmal genannt werden soll . Niemals hatte Dorothee seit ihrem Unglück sich in jugendliche Kreise gemischt , niemals mit einem Blick oder Wort die Huldigungen der Bürgersöhne , wenn sie ihr zufällig begegneten , ermuntert und so die Bewerbungen , an denen es ihr nicht gefehlt haben würde , von vornherein abgeschnitten . Niemals aber auch hatte sie gegen mich den Namen des Einziggeliebten genannt . Dennoch , sooft ich sie in der Einsamkeit überraschte , spürte ich an ihrem Wesen , an den in sich gekehrten oder sehnsüchtig schweifenden Blicken , daß der kurze Sommerrausch des Glücks nicht erloschen sei und jedes nüchterne Nachspiel dämpfe . Und