; allein wie er sich auch abquälte , jetzt brachte er noch keinen Zusammenhang zwischen jenen Abend im Posthorn zu Windheim und die heutige Unterredung im Fichtengehölz . Alle Einzelheiten jenes Abends rief er sich zurück ; jedes Wort , welches damals gesprochen wurde , war ihm wichtig , weil er dadurch das Rätsel des heutigen Tages glaubte lösen zu können . Er löste es jedoch nicht ; nur die Gestalten des alten Soldaten und des jungen Mädchens , die allmählich so ziemlich in seiner Erinnerung erloschen waren , waren wieder klar geworden , und vorzüglich das Bild Franziskas stand in lebenskräftigen Farben vor seiner Seele . Er kam heim und wurde auf die gewohnte Art halb gleichgültig , halb abweisend empfangen ; unwillkürlich fühlte er nach dem Papierstück , welches ihm der Leutnant gegeben hatte ; er würde es schwer empfunden haben , wenn er es unterwegs verloren hätte . In seinem unbehaglichen Zimmer war das Feuer erloschen , als er nach dem Abendessen hinaufstieg . Er fühlte die Kälte nicht , er saß am Tisch nieder , legte das Blatt mit der Adresse vor sich hin und begann sein Grübeln von neuem . Als die Fabrikglocke zwei Uhr schlug , hatte er das Schreiben an den Geheimen Rat Götz fertig und kroch im halben Fieber ins Bett ; als er aber am andern Morgen aus einem tiefen Schlaf erwachte , fühlte er sich erleichtert wie seit langer Zeit nicht . Während des Ankleidens fielen ihm freilich noch einige gute Sätze ein , die er dem Briefe hätte anfügen können ; allein da das Siegel einmal aufgedrückt war , so behielt er sie für sich , und der Bote des Prinzipals nahm das inhaltsvolle Schreiben um zehn Uhr mit zur nächsten Poststation . Hans Unwirrsch sah dem Kerl und der ledernen Tasche nach bis zum Hoftor ; dann seufzte er tief auf wie ein Mann , der eine schwere Last niedergesetzt hat ; darauf nahm er sich vor , nun gar nicht mehr zu denken an den Kerl , an die Tasche , an den Brief und an den Leutnant Rudolf Götz , sondern sich ganz seinen Zöglingen zu widmen . Die armen Jungen hatten gegründete Ursache , sich über ihren Lehrer zu verwundern , er trichterte mit einer Krampfhaftigkeit , daß ihnen der Kopf brummte ; und der Prinzipal der , wie wir wissen , scharf Achtung gab , sagte zu seiner Gemahlin : » Der arme Teufel , er fängt doch an , mir leid zu tun . Alle Mühe gibt er sich , das muß man ihm lassen ; aber behalten kann ich ihn nicht . Was hilft mir alle Gelehrsamkeit , wenn sie solche frivolen Grundsätze zutage fördert ! Das Volk zieht die Kappen nicht tiefer vor mir als vor ihm , je eher der Mensch also geht , desto besser ist ' s für uns beide . « Vierzehn Tage vergingen , vierzehn Tage voll wechselnden Februarwetters , und Hans Unwirrsch dachte seinem Vorsatz zuwider sehr , sehr häufig an seinen Brief und den Leutnant Götz . Zwischen der Fabrik und der Poststation wanderte der Briefsack hin und her , aber kein Schreiben fiel für den Präzeptor heraus . Jeden Abend legte sich Hans bedrückter zu Bett , und jeden Morgen erwachte er hoffnungsleerer . Wenn die Witterung es irgend erlaubte , wanderte er zu den Fichten , mit dem Gefühl , als werde ihn dort das treffen , was er neben dem hohen Schornstein mit so nervösem Bangen so vergeblich erwartete . Aber niemand saß , wenn er aus dem Gebüsch trat , auf dem Stein , weder die alte Frau , die sich in die allerschönste und gütigste Fee verwandeln konnte , noch der Herr Geheime Rat Götz , der einen Hauslehrer suchte . Und wenn nun Hans selber niedersaß und wartete , so sah er wohl dann und wann irgendein Menschenwesen vorbeiziehen ; aber der Leutnant Götz trabte nicht um die Waldecke . Immer bedrückter und hoffnungsloser kehrte Hans von den Fichten heim . An den Prinzipal kam in der ledernen Brieftasche ein Brief von dem neuen Präzeptor , der seine demnächstige Ankunft meldete . - Der achtundzwanzigste Februar fiel auf einen Sonntag , und es regnete an diesem Sonntage fast ununterbrochen . Die nächste Kirche war eine Stunde von Kohlenau entfernt , und der Weg dahin war bei solchem Wetter mit so großen Beschwerden verbunden , daß der Pastor an solchen Tagen seine Predigt so ziemlich für sich und seinen Küster allein hielt . Auch Hans Unwirrsch hatte sich von derartigem Wetter öfters abhalten lassen , die schönen Reden anzuhören ; aber in seiner jetzigen Stimmung zog er den schlimmsten Weg dem ruhelosen Stillsitzen im Hause vor . Unter seinem Regenschirm watete er kläglich durch die aufgeweichten Felder , und die durchnäßten Meisen und Spatzen in den tröpfelnden Hecken zogen die Köpfe unter den Flügeln hervor und blinzelten ihm mit spöttischem , aber leisem Gezirp nach . So grau der Himmel war , so grau war die Predigt ; kläglich erklang der Gesang der sechs andächtigen Christenleute , welche die andächtige Versammlung bildeten , und doch verließ der Hauslehrer von Kohlenau nur ungern die Kirche , als der Gottesdienst zu Ende war , und der Heimweg war fast noch schlimmer als der Herweg . Eine Stelle gab ' s auf diesem Pfade , die vorzüglich Lust hatte , unvorsichtige Wanderer mit Haut und Haar zu verschlingen ; und als Hans hügelab auf sie zutrabte , vernahm er in der Tiefe ein großes Geplatsch und Gefluche und erblickte richtig ein unglückliches Menschenkind im Kampf mit den unsaubern Geistern des Abgrundes . Ein Postbote im blauen Rock mit rotem Kragen war ' s , und ein Glück war ' s , daß Hans ihn vom Versinken rettete , denn einen rekommandierten Brief , gerichtet an den Kandidaten Unwirrsch , trug er in der Tasche , und dieser Brief war von dem Geheimen Rat Götz . Seine Sterne und den Zufall , der