als den Staubesanhang unseres Bischen Erdenglücks mit ruhigem Auge betrachten und mit gefriedetem Herzen annehmen , und die Vollkommenheit , nach der wir solch Verlangen haben , in uns selbst durch Opferwilligkeit zu erringen trachten , davor darf Ihnen nicht grauen , denn das ist die Bedingung jedes guten reinen Lebens . « » Erzählen Sie mir Ihre venetianische Geschichte , « sagte Judith ; » dabei bekommt man wieder festen Boden unter den Füßen , den man bei Ihren idealistischen Tendenzen Gefahr läuft zu verlieren . « » Lieber Gott ! « seufzte Ernest mitleidig , » wie verkehrt reden doch deine Menschen ! die einfache Wahrheit nennen sie nebulose Träumerei , und die platte Alltäglichkeit nennen sie das Element der Wahrhaftigkeit , in dem sie sich wohl befinden . Nichts für ungut . Fräulein Judith , aber so ist ' s ! - Also in Venedig sah ich bisweilen Sonntags bei meiner Hauswirtin ein liebes , hübsches , munteres , frommes Kind , das mir ungemein gefiel . Es hieß Gianetta , im weichen venetianischen Dialekt ausgesprochen Zanetta . Wenn sie in diesem allerliebsten Dialekt ihre Barcarolen sang und ein wenig auf der Guitarre klimperte , oder die großen Ereignisse ihres Lebens , z.B. eine Gondelfahrt nach dem Lido , mit ausführlichster Wichtigkeit , als handle es sich um eine Nordpol-Expedition , beschrieb : so war sie wirklich wunderlieb und ihr kindliches spielendes Auge überrieselte mit süßem Glanz mein Herz , wie der Tau aus weichem Frühlingsgewölk den Blütenbaum . « » Welch eine Idylle von Dragant und Rosenwasser ! « rief Judith lachend . » Ja , ich war damals ungemein idyllisch und hätte für mein Leben gern an den Ufern der Brenta - denn in Venedig selbst war kein Platz dafür - eine schäferliche Hütte erbaut und die holde Zanetta als Schäferkönigin und Hausfrau darin eingeführt . An dergleichen konnte aber so ein armer Tropf von angehendem Maler nicht denken ; er mußte sich begnügen , seine Wünsche in den Schoß der Zukunft zu legen und sich zu sonnen in den hellen Augenstrahlen der allerliebsten Zanetta - aber nur Sonntags ; am Werktag hatte er weder Zeit noch Gelegenheit dazu . « » Herr Ernest , « sagte Judith höchst belustigt , » Ihre Liebesgeschichte flößt mir unwiderstehliche Lachlust ein . « » Warten Sie nur , es kommt gleich tragisch , oder wenigstens elegisch . Zwei Jahre war ich ein schweigender Anbeter der kleinen Zanetta gewesen . Was hätte ich ihr sagen können ? Die Liebe gibt sich kund , und wenn tausendmal der Mund stumm ist . Hat man das Rosenöl auch noch so fest im Flacon versiegelt , doch durchduftet es das Glas ; und so geht ' s dem Herzen mit der Liebe . Die Zanetta wußte wohl , woran sie mit mir war , und ich glaube , daß sie mich auch recht gern hatte . Aber , Fräulein Judith , es ist Ihrem liebenswürdigen Geschlecht nun einmal eigen , in Permanenz kleine Zwiegespräche mit dem Engel Luzifer zu haben . Erzürnen Sie sich nicht , hören Sie mich weiter . Wir Männer halten leider Gottes auch diese Zwiegespräche , und zuweilen länger und gründlicher , aber nicht so permanent . Allen Töchtern Eva ' s klebt die Neigung ihrer Stammmutter an , die sogar im Paradiese mit der Schlange Konversation machen mußte ! Ein Wörtchen , oder mindestens ein Silbchen muß jede bei jeder Vorkommenheit ihres Lebens mit besagtem Engel wechseln . So auch Zanetta ! Sie wurde ungeduldig , die kleine Donna , über mein unverbrüchliches Schweigen ; sie wurde neugierig , wie es denn wohl klingen möge das bezaubernde Wort von der Liebe ; sie wollte mich heraustreiben aus meiner Verschanzung durch Stillschweigen , indem sie mir Feuer ans Herz legte - das Feuer der Eifersucht . Der Sohn meiner Hauswirtin , der in Padua sein Geschäft trieb , besuchte seine Mutter , und Zanetta , die jeden Sonntag zu seinen Schwestern kam , bewies sich ungemein freundlich gegen ihn , was mir natürlich höchst mißfiel und mich nur noch stummer , vielleicht sogar etwas bärbeißig machte . Wie sich nun einmal das Gespräch auf Deutschland wendete , und wer die Frage an Zanetta stellte : ob sie wohl Deutschland sehen möchte ? das weiß ich nicht mehr , weil ihre Antwort meine ganze Aufmerksamkeit verschlang . Sie sagte nämlich : Ach nein ! das muß ein schreckliches Land sein ; ganz bevölkert mit den schläfrigen deutschen Murmeltieren ! Wie sie das sagt , und zwar mit einer ganz allerliebsten kleinen spöttischen Miene , sehe ich sie höchst gelassen an , und was entdecke ich ! die Spitze ihres Näschens ist etwas links gewendet . Welche Difformität ! welche Beleidigung für das schönheitsdurstige Auge eines Malers ! wie hatte ich das nicht früher bemerkt ! Ich schaue hin , ich schaue her - die Nase ist schief ! ich reibe mir die Augen , halte die Hand schirmend vor , um schärfer zu sehen - die Nase bleibt schief ! Bestürzt ziehe ich mich zurück . In meinem Stübchen suche ich mir Zanettas freundliches Auge , die dunkeln Locken um ihre heitere Stirn , ihr Lächeln , ihr kindliches Gemüt , ihren Frohsinn , ihre Lieder und ihre Guitarre vorzustellen - alles , was mich vor wenig Stunden entzückt hatte ; aber umsonst ! die schiefe Spitze des zierlichen Stumpfnäschens warf einen so dunklen Schatten , daß die ganze Zanetta darin verschwand . Ich gehe schlafen und träume von der schiefen Nase . Ich erwache und denke zuerst an die schiefe Nase . Wie ein Alp legt sie sich auf meine Brust und nimmt so riesenhafte Proportionen an , daß sie mir bald ungeheuer lächerlich , bald ungeheuer garstig , in jedem Falle aber durchaus unerträglich erscheint . Da fasse ich mir ein Herz und spreche zu mir selbst : Bist Du nicht im Stande , eine so geringe äußere Unvollkommenheit an Zanetta zu übersehen , wie wirst