hinzugesetzt oder erlogen : im Gegentheil , der aus Wien datirte Brief enthielt , was sie gesagt , noch begleitet von den rohen Ausdrücken und schmutzigen Späßen , welche damals , besonders unter der Männerwelt üblich waren . Das war der Brief eines lebenslustigen Mannes , der an jeden Genuß sich hingiebt , welchen der Augenblick bietet , unbekümmert , ob derselbe mit den Grundsätzen der Sittlichkeit sich vereinen lasse , unbekümmert , ob daheim eine treue sehnsüchtige Geliebte seinen Schwüren vertraut und kummervoll die Stunden zählt , bis sie einen Gruß von ihm empfängt . Elisabeth wollte Ursula gern die bitterste Kränkung ersparen , und sagte ihr nicht , daß sie selbst diesen Brief gelesen , aber doch daß ihr Gemahl das von Eleonore Gesagte bestätigt . Indeß fügte sie hinzu , es könne ja sein , daß Stephan seinem Bruder nur darum in einem solchen Ton geschrieben , um ihn und seinen Vater glauben zu machen , daß er Ursula aufgegeben und vergessen habe , da sie sich ja immer diesem Verhältniß widersetzt . Wie gern auch Ursula diesem Trostgrund Eingang in ihr banges Herz vergönnte : es blieb doch immer die Frage , warum er ihr nicht geschrieben , da doch sonst seine Briefe sie immer erreicht und sich noch stets gefällige Liebesboten gefunden hatten . Nur einmal war ein Brief von ihm verloren gegangen , aber das immer erwartend , hatte er wiedergeschrieben ; so war dies auch ein Trost wohl für einige Wochen , auch Monate - aber nicht für ein halbes Jahr , wo er nicht mehr im Kampfe , sondern näher war und andere Briefe von ihm nach Nürnberg gelangten . Und Elisabeth war auch eine Trösterin , welche selbst nicht glaubte , obwohl sie den Grundsatz hatte , jeden schönen Traum in anderen Herzen so lange als möglich fortzunähren , da die Enttäuschung und das Leid immer zu früh genug komme ; sie wußte , daß für ein liebendes weibliches Gemüth der peinlichste Zustand des Schwankens zwischen Furcht und Hoffen immer noch besser sei , als die entscheidende Gewißheit von der Unwürdigkeit und Untreue des geliebten Gegenstandes - sie konnte so aus Erfahrung empfinden ! aber ihr eigenes Herz war ja selbst zu sehr verletzt worden in seinen heiligsten Empfindungen durch den Verrath eines Mannes , als daß sie nicht auch für andere Mädchen und von andern Männern die gleichen Erfahrungen erwarten sollte . Einem schönen , eitlen und heißblütigen Manne wie Stephan traute sie nur so lange Ausdauer in seiner Neigung zu , als das Weib , das seine Leidenschaft erregte , ihm nahe war und nicht andere verführerischere Frauen ihn lockten . Aber nimmer hätte sie Ursula ' s Herz in ähnlichen Besorgnissen bestärken mögen , sie trachtete darnach ihr so lange als möglich das Schreckliche zu ersparen , woran gerade stille und tiefe , reine Frauengemüther zu Grunde gehen . Bei solchen Betrachtungen mußte sich Elisabeth selbst gestehen , daß sie trotz ihrer geistigen Kraft und ihrer erheuchelten stolzen Ruhe auch zu den Zugrundegegangenen gehörte , weil sie nicht mehr an das Ideal zu glauben vermochte , weil sie in zweifelhaften Fällen eher das Schlechte und Schlimme voraussetzte , als das Gute und Angenehme . Kam nun wirklich König Max zu einem Reichstag in nächster Zeit nach Nürnberg , so war weit eher zu erwarten , daß bei dieser Gelegenheit Ursula ' s Geschick entschieden werde , als das von Krieg oder Frieden im deutschen Reich , oder was immer der Kaiser von den zähen Reichsfürsten und dem schleppenden Gang der Verhandlungen fordern mochte . War Stephan treu , so würde er nicht verfehlen , im Gefolge des Königs sich wieder in sein Vaterland zu begeben , sei es auch nur für die Dauer des Reichstages . Blieb er aber ohne genügenden Grund aus , den man wohl von irgend einem seiner Gefährten erfahren konnte , so bestätigte dies seine Treulosigkeit ; denn für so schlecht hielt ihn keine der Frauen , daß er kommen werde , um noch durch seine Gegenwart sein unschuldiges Opfer zu verhöhnen . Wie natürlich , daß diese erste Nachricht von der baldigen Anherkunft des Königs einen ganzen Sturm von Empfindungen in Ursula erregte . Hatte sie doch auf die Huld dieses gütigen und ritterlichen Königs ihre ganze Hoffnung von da an gesetzt gehabt , wo er im Tanze sie ausgezeichnet und ihr sein Wort gegeben , nicht anders denn zu ihrer Hochzeit mit Stephan Tucher wieder zu kommen , infern sie einander nur Treue bewahrten , und wenn sie sich auch immer sagte , daß ein so viel bewegter Monarch mehr zu denken und zu thun habe , als um das Geschick eines Liebespaares sich zu bekümmern , so hoffte sie doch sonst , daß , wenn Stephan in des Königs Geleit zurück nach Nürnberg käme und dieser , wie er versprochen , in Scheurl ' s Hause wohne , so werde Elisabeth wohl Gelegenheit finden , ihre Schützlinge seiner Gnade zu empfehlen . Wie würde sich Stephan beeilen ihr seine Rückkehr , seine Hoffnungen zu melden ! - hatte Ursula vorher gedacht - und jetzt schwieg er , wie er seit einem halben Jahre geschwiegen ! - Außer den Regungen theilnehmender Freundschaft waren es noch Gefühle ganz anderer Art , welche bei dieser Nachricht Elisabeth ergriffen . Wenn König Max wiederkam - würde er auch derselbe sein wie vor ziemlich zwei Jahren ? Damals kam er eben aus den Niederlanden , ein sieggekrönter Fürst , der einen ehrenvollen Frieden geschlossen . Er kam nur nach Nürnberg , die alte freie Reichsstadt zum ersten Male zu begrüßen , er lebte unter ihren Bürgern harmlose festliche Tage , gefeiert und geehrt von Allen , und sie wieder ehrend durch sein leutseliges Wesen und die frohe Art , wie er sich unter sie mischte , mit ihnen gemeinschaftlich freute . Wie anders jetzt , wenn er Reichstag hielt ! Da würden alle Fürsten und Herren , alle Großen des Reichs ihn umgeben und von den