aber , daß ich noch zu sehr mit dem Schauspiele beschäftigt sei und nichts essen könne . Sie wurde besorgt , und sprach von Arznei . Ich erwiderte ihr , daß ich sehr wohl sei , und daß mir gar nichts als Ruhe not tue . » Nun , wenn dir Ruhe not tut , so ruhe , « sagte sie , » ich will dich nicht zwingen , ich habe es gut gemeint . « » Gut gemeint wie immer , teure Mutter , « antwortete ich , » darum danke ich auch . « Ich ergriff ihre Hand und küßte sie . Wir wünschten uns gegenseitig eine gute Nacht , nahmen Lichter und begaben uns auf unsere Zimmer . Ich entkleidete mich , legte mich auf mein Bett , löschte die Lichter aus , und ließ mein heftiges Herz nach und nach in Ruhe kommen . Es war schon beinahe gegen Morgen , als ich einschlief . Das erste , was ich am andern Tage tat , war , daß ich der Vater um die Werke Shakespeares aus seiner Büchersammlung bat , und sie , da ich sie hatte , in meinem Zimmer zur Lesung für diesen Winter zurecht legte . Ich übte mich wieder im Englischen , damit ich sie nicht in einer Übersetzung lesen müsse . Als ich im vergangenen Sommer von meinem alten Gast freunde Abschied genommen hatte und an dem Saum , seines Waldes auf der Landstraße dahin ging , waren mir zwei in einem Wagen fahrende Frauen begegnet . Damals hatte ich gedacht , daß das menschliche Angesicht de beste Gegenstand für das Zeichnen sein dürfte . Diese Gedanke fiel mir wieder ein , und ich suchte mir Kennt nisse über das menschliche Antlitz zu verschaffen . Ich ging in die kaiserliche Bildersammlung und betrachtet dort alle schönen Mädchenköpfe , welche ich abgemalt fand . Ich ging öfter hin und betrachtete die Köpfe . Abe auch von lebenden Mädchen , mit denen ich zusammen traf , sah ich die Angesichter an , ja ich ging an trockene Wintertagen auf öffentliche Spaziergänge und sah die Angesichter der Mädchen an , die ich traf . Aber unter alle Köpfen , sowohl den gemalten als auch den wirklicher war kein einziger , der ein Angesicht gehabt hätte , welches sich an Schönheit nur entfernt mit dem hätte vergleichen können , welches ich an dem Mädchen in der Loge gesehen hatte . Dieses eine wußte ich , obwohl ich mir das Angesicht eigentlich gar nicht mehr vorstellen konnte , und obwohl ich es , wenn ich es wieder gesehen hätte , nicht erkannt hätte . Ich hatte es in einer Ausnahmsstellung gesehen , und im ruhigen Leben mußte e gewiß ganz anders sein . Mein Vater hatte ein Bild , auf welchem ein lesendes Kind gemalt war . Es hatte eine so einfache Miene , nichts war in derselben als die Aufmerksamkeit des Lesens , man sah auch nur die eine Seite des Angesichtes , und doch war alles so hold . Ich versuchte das Angesicht zu zeichnen ; allein ich vermochte durchaus nicht die einfachen Züge , von denen noch dazu das Auge nicht zu sehen war , sondern durch das Lid beschattet wurde , auch nur entfernt mit Linien wieder zu geben . Ich durfte mir das Bild herabnehmen , ich durfte ihm eine Stellung geben , wie ich wollte , um die Nachahmung zu versuchen ; sie gelang nicht , wenn ich auch alle meine Fertigkeit , die ich im Zeichnen anderer Gegenstände bereits hatte , darauf anwendete . Der Vater sagte mir endlich , daß die Wirkung dieses Bildes vorzüglich in der Zartheit der Farbe liege , und daß es daher nicht möglich sei , dieselbe in schwarzen Linien nachzuahmen . Er machte mich überhaupt , da er meine Bestrebungen sah , mehr mit den Eigenschaften der Farben bekannt , und ich suchte mich auch in diesen Dingen zu unterrichten und zu üben . Sonderbar war es , daß ich nie auf den Gedanken kam , meine Schwester zu betrachten , ob ihre Züge zum Nachzeichnen geeignet wären , oder den Wunsch hegte , ihr Angesicht zu zeichnen , obgleich es in meinen Augen nach dem des Mädchens in der Loge das schönste auf der Welt war . Ich hatte nie den Mut dazu . Oft kam mir auch jetzt noch der Gedanke , so schön und rein wie Klotilde könne doch nichts mehr auf der Erde sein ; aber da fielen mir die Züge des weinenden Mädchens ein , das die Ihrigen zu beruhigen gestrebt hatten , und von dem ich mir einbildete , daß es mich im Vorsaale des Theaters freundlich angeblickt habe , und ich mußte sie vorziehen . Ich konnte sie mir zwar nicht vorstellen ; aber es schwebte mir ein unbestimmtes , dunkles Bild von Schönheit vor der Seele . Die Freundinnen meiner Schwester oder andere Mädchen , mit denen ich gelegentlich zusammen kam , hatten manche liebe , angenehme Eigenschaften in ihrem Angesichte , ich betrachtete sie , und dachte mir , wie dieses oder jenes zu zeichnen wäre , aber ich mochte sie ebenfalls nie ersuchen , und so kam ich nicht dazu , ein lebendes vor mir befindliches Angesicht zu zeichnen . Ich wiederholte also die Züge in der Erinnerung oder zeichnete nach Gemälden . Man machte mich endlich auch darauf aufmerksam , daß ich immer Mädchenköpfe entwerfe . Ich war beschämt , und begann später Männer , Greise , Frauen , ja auch andere Teile des Körpers zu zeichnen , so weit ich sie in Vorlagen oder Gipsabgüssen bekommen konnte . Trotz dieser Bestrebungen , welchen nach dem Grundsatze unsers Hauses kein Hindernis in den Weg gelegt wurde , vernachlässigte ich meine Hauptbeschäftigung doch nicht . Es tat mir sehr wohl , zu Hause unter meinen Sammlungen herum zu gehen , ich dachte oft an die Worte des alten Mannes in dem Rosenhause , und im Gegensatze zu den Festen , zu denen ich