für ein Leben führen wir denn eigentlich Alle ! In Träumereien , höherer oder niederer Art , wird es verschwendet - feineren oder gröberen Genuß begehrt man bis zum Wahnsinn - die Folgen erduldet man - bei alten Klagen oder neuen Wünschen lernt man vergessen - und gethan und gehandelt wird nicht . O Sibylle ! gieb mir etwas zu thun ! laß mich Dich nach Engelau begleiten .... laß mich dort Dein Verwalter , Dein Geschäftsführer sein .... laß uns als Freunde leben « .... - » Unsinn das Alles ! unterbrach ich ihn . Du bist dem Eindruck des Augenblicks unterworfen wie ein schwaches Weib . Drei Wochen in Engelau .... und Du entfliehst ! Uebrigens wiederhole ich Dir : denke an Arabella . « » Aber Du begehrst doch wol nicht , daß ich meine Existenz für Arabella opfern soll ? « rief Astrau sehr ungeduldig . » Und warum nicht .... da sie Dir die ihre opfert ! « » Ah bah ! .... Das wird Arabella nie verlangen . « Ich sah ihn an mit tiefer Empörung und sagte : » O könnte ich sie mit mir nehmen , die Arme ! Bei Dir .... stehen ihr fürchterliche Schicksale bevor . « » Und dennoch bleibt sie bei mir ! « rief er trotzig ; denn es war ihm unangenehm daß ich mich mehr für Arabella als für ihn interessirte . » Genug ! sagte ich abbrechend . Die Ehe ist eine heilige Sache , Otbert ! wer nicht sein Glück in ihr findet dem ist durch sie sein Elend gewiß . Ich bleibe dem Namen nach Deine Frau . Solltest Du aber je Deine Freiheit wünschen .... so bin ich auch dazu bereit . « Ich gab ihm meine Hand ; er küßte sie kalt und ersuchte mich alle Dienstboten zu verabschieden und den Palast Gradenigo aufzugeben . Das geschah . Heulend stürzte Gino zu mir . Ob dies der Lohn für seine Treue sei ? dem Grafen habe er einen so großen , hochwichtigen Dienst geleistet , mir desgleichen , - und nun würde er von uns Beiden fortgeschickt . » Niemand kann zweien Herren dienen , Gino , « entgegnete ich und beschwichtigte seinen Jammer durch ein Geldgeschenk . Nach einem ernsten kurzen Abschied von Otbert reiste ich grade am zweiten Jahrestag meiner Ankunft in Venedig wieder ab . Es war ein wunderschöner Abend als ich über die stille Lagune zum festen Lande fuhr . Myriaden Sterne breiteten ihren Glanz über den dunkeln Himmel , Myriaden leuchtender Gebilde versilberten die dunkle Tiefe : dort oben wie hier unten schwebte der Silberschleier über einem schwarzen Grund . Weshalb an diesen schauerlichen , endlosen Grund denken , wenn es sich doch so lieblich zwischen seinen stralenden und schimmernden Außenseiten dahin gleiten läßt ? fragte ich mich selbst . Weshalb ? .... unnütze Frage ! die Antwort würde auf meine Organisation deuten , welche wiederum gleichsam die sinnliche Form ist , welche den Grundgedanken , das Princip meiner Individualität zusammenhält und ausspricht . Der Eine bewegt sich auf der Oberfläche , der Andere sinkt in die Tiefe - nicht aus Wahl , sondern weil er dem Princip seines Wesens auf die Dauer nicht widerstehen kann . Der Eine ist darum nicht besser nicht glücklicher , nicht bevorzugter als der Andre ! Jeder muß nur seinen Platz und seine Bestimmung erkennen und dann - ruhig sein . Zweiter Band Aber ich war nicht ruhig - nur stumpf . Ich mied Würzburg und eilte nach Engelau ohne irgendwo auf der ganzen Reise zu verweilen . Ich wollte es nie wieder verlassen und ward durch den herzlichen Empfang meiner Untergebenen in diesem Vorhaben bestärkt . Was hatte ich in diesen zwei Jahren der Abwesenheit gewonnen ? Schmerz und bittre Erfahrung ; weiter nichts ! Nur Benvenutas Gesundheit hatte sich sehr gebessert ; sie war blühend und kräftig und gewährte mir die Beruhigung , daß die Reise für sie nicht umsonst gewesen sei . Tödtliche Pein mit einiger Verlegenheit gemischt verursachte es mir , daß ich als Gräfin Astrau aber - ohne Gemal heimkehrte . Meinem Arzt , meinem ehemaligen Vormund und allen Personen , welche direct oder indirect nach ihm fragten , sagte ich : er könne unser Klima nicht gut ertragen und sei außerdem mit Arbeiten beschäftigt , welche ihn an Italien fesselten . Man begriff das einigermaßen , man beklagte es für mich .... und bald war nicht mehr davon die Rede . Was mich am meisten an ihn erinnerte war ein Schmerz am Herzen , der mich in jener Nacht vor Arabellas Fenster ergriffen hatte , und der seitdem nie ganz mehr wich . Er war aber durchaus körperlich ; seelisch - war ich mehr erstarrt und durchkältet als durchschmerzt . Ein Stückchen vom Faden der Ariadne war mir in die Hand gefallen - und fiel ebenso hinweg .... das war Alles . Sollte ich mich grämen ? - Warum ? - Ich wußte ja daß der Gram etwas ebenso Vergängliches sei . Wie nun das Leben hinbringen ? Der Sommer verging ganz gut . Der ländliche Aufenthalt war mir neu . Die grünen Wiesen , die schönen Bäume , die üppigen Kornfelder , die Viehheerden , die demüthige und doch nicht armselige dörfliche Umgebung contrastirte so auffallend mit Venedigs Wasser- und Marmorwelt , mit seiner zerfallenden Herrlichkeit und seiner grandiosen Armuth , daß der Genuß des Contrastes mir interessant war . Ueberdas gab es eine Menge Geschäfte , die ich einmal wieder in der Nähe übersehen oder von deren gutem Fortgang ich mich überzeugen mußte . Es gab zu loben und zu tadeln , zu berichtigen und anzufeuern , zu helfen und zu rathen . Es war eine Wiederholung der Heimkehr aus England - nur unter günstigen Umständen , und daher ohne jenen Sporn den ein bestimmtes Ziel der Thätigkeit gewährt . Schwierige Verhältnisse keiner Art lagen mir zu überwinden oder zu entwirren vor . Die Geschäfte gingen ihren höchst geregelten Gang . Meine