. Dann hatte Graf Erasmus , obwohl immer mild , zuvorkommend und billigen Wünschen geneigt , seine rosenfarbigste Laune . Er hörte dann häufig blos mit seinem menschenfreundlichen Herzen und schob die kalte verständige Ueberlegung sanft bei Seite . Um diese Zeit hatte er dem jungen Mädchen , das er zärtlich liebte , noch nie etwas abgeschlagen , und deshalb sparte sie die Mittheilung ihrer Neuigkeit bis zu dieser glückverheißenden Stunde auf . Ein herrschsüchtiges , intriguantes und politisch kluges Mädchen würde an Herta ' s Stelle diese Macht schlau benutzt haben , um den alternden Grafen sich unterthänig zu machen . Herta dachte nicht daran . Sie war zu ehrlich , um von den guten Schwächen Anderer Vortheil zu ziehen , und außerdem auch zu sehr von Dankbarkeit gegen das gräfliche Haus durchdrungen , als daß sie irgend etwas gegen dasselbe hätte unternehmen mögen , das sie vor ihrem Gewissen nicht unbedingt gut heißen konnte . Sie wußte , daß sie zur Familie des Grafen gehöre , allein ihre Armuth und der edle Schutz , den ihr Erasmus anfangs in einer Pension , später in seinem eigenen Schlosse gewährt hatte , machten sie bescheiden . Sie war eine Waise gewesen von Jugend auf , hatte weder Vater noch Mutter gekannt und wußte nur , daß die Letztere eine Schwester von Erasmus gewesen sei . Mehr hatte sie von ihren Aeltern nicht erfahren , und den Grafen , ihren gütigen Oheim , wagte sie nicht zu fragen , weil er ihr mit mildem Ernst bestimmt erklärt hatte , daß ihr mehr zu wissen jetzt nicht fromme , daß sie aber vollkommenere Kunde über ihre verstorbenen Aeltern erhalten solle , sobald sie verheirathet sein werde . In einsamen Stunden , wenn sie dieser Rede gedachte , ertappte sich die liebe Unschuld wohl zuweilen auf dem Wunsche , daß diese Zeit nicht mehr fern sein möge , und dann erröthete ihr feines Gesicht und das Herz klopfte ihr vor Neugier und verschämter Sehnsucht . Manchmal aber konnte sie auch recht schwere Seufzer nicht unterdrücken , denn es bangte ihr , daß sie von denen , die sie in anbetender Liebe still verehrte , gewiß recht viel Trauriges , wo nicht gar Entsetzliches erfahren werde . Graf Erasmus litt am Podagra . Zu seiner Bequemlichkeit ward daher der Thee in seinem Zimmer servirt . Dies war ein hohes , dunkles , alterthümliches Gemach , feudalistisch grau , wie das ganze Schloß , und mit gemalten Tapeten ausgeschlagen , die idyllische Schäferscenen darstellten . Es hatte , wie Herta ' s Wohnzimmer , nur zwei mehr hohe als breite Bogenfenster . Möbeln von hohem Alter und neuerer Erfindung standen in bunter Mischung umher . Neben dem großen Kamin , dessen Flamme nicht , wie heut zu Tage , mit Steinkohlen , sondern mit Holzkloben genährt wurde , erhob sich noch ein hoher und breiter Ofen von sehr veralteter Fassung . Sein Inneres konnte bequem eine Viertelklafter Holz fassen . Er bestand aus dunkelgrünen Kacheln in Wolkenform , aus denen geflügelte Engelsköpfchen sahen . Um stets eine gleichmäßige Temperatur im Zimmer zu erhalten , ließ Graf Erasmus Kamin und Ofen zugleich heizen , schob dann zwischen heide seinen bequemen Lehnstuhl , legte die schmerzenden Füße auf weiche Polster und brachte so , namentlich die Abendstunden , in ruhiger Behaglichkeit unter Gesprächen mit den Seinigen zu . Erasmus war ein Mann von einigen sechzig Jahren , mit edlen , vornehmen Zügen . Die Zeit , der er angehörte , und die Gewohnheiten , mit denen er von Jugend auf vertraut geworden , hatten ihn zu einem entschiedenen Aristokraten im bessern Sinne des Wortes erzogen . Er hielt den Adel für eine Menschenrace , die himmelweit verschieden sei von dem gemeinen Volk . Daß beide , Kinder des Adels wie des Volkes , gleiche Anlagen , gleiche geistige Befähigung und deshalb gleiche Rechte hätten , das bestritt er aufs Heftigste , und wer ihn sich gewinnen wollte , durfte diesen Punct nicht berühren . Es ging sogar die Sage , daß er in seiner Jugend mehr als einmal in Folge dieser Ansicht unbillige Handlungen verübt habe . Dabei aber ließ er dem Volke , worunter er immer Unterthanen verstand , insofern Gerechtigkeit wiederfahren , als er zugab , daß es zu sehr vielen Dingen nützlich sei , daß man es pflegen , schonen und mit Liebe behandeln müsse , weil sonst kein Staat bestehen könne und alle Herrschaft aufhöre . Nach diesen Grundsätzen behandelte Erasmus seine eigenen Unterthanen , die ihn deshalb liebten und ehrten . Die Bildung des Grafen war eine durchaus französische . Er hatte mehrere Jahre in Paris gelebt und dort die Gesinnungen der vornehmen Welt sich zu eigen gemacht , wie sie unter der lockern , entsittlichenden Regierung Ludwigs XV. sich ausbildeten . Dies könnte unserm Schützling in den Augen der Leser nicht eben sehr zur Empfehlung dienen , hätten wir nicht hinzuzufügen , daß Graf Erasmus nur die geschmeidige Feinheit im Umgangstone , das sarkastisch-witzige Element bei geistiger Unterhaltung , die frivole , aber aufrüttelnde französische Philosophie damaliger Zeit , mit einem Worte das feine Arom der französischen Bildung mit all seinen Mängeln sich zugeeignet , das Frech-Unsittliche aber , das gleißnerisch anlockend mit diesem geistigen Rausche sich verschwisterte , als strenger Deutscher von jeher verachtet hatte . So kam er als vollendeter Weltmann aus Paris zurück , der eleganten Formen mächtig , aber im Innern voll fester und ehrenwerther Grundsätze . Der Anblick der kokettirenden Lasterhaftigkeit , womit der französische Adel prunkte , hatte ihn zurückgeschreckt und zu der Ueberzeugung hingetrieben , daß bei solchem Leben in kurzer Frist das ganze Reich bedroht und in seinen Grundfesten erschüttert werden müsse . Weil Erasmus im Spiegel des Schlechten das Gute erkannt hatte , gab er sich Mühe , auf seiner Herrschaft danach zu streben . Er verbesserte , so weit es sich mit seinen Ansichten vertrug , die Lage seiner Unterthanen . Er sah darauf , daß seine Vögte Menschen von gutem