Streit am Morgen fiel ihr ein und sie selbst fing wider ihren Willen sich der Meinung Eva ' s zuzuneigen an . Das regte sehr verschiedene Gefühle in ihrer Seele auf . Sie wünschte nichts lebhafter , als Julian recht glücklich zu sehen , aber konnte er das in der Ehe mit einer Frau werden , die dreißig Jahre jünger war als er ? Agnes war ein Kind - Soweit war Therese in ihren Gedanken gekommen , als Agnes eintrat und beide Frauen sich überrascht ansahen , denn es war eine ganz merkliche Veränderung mit ihr vorgegangen . Es schien , als habe sie den Schritt aus der Kindheit in das jugendliche Alter plötzlich gemacht ; als habe das gestrige Fest , die Bewunderung , die sie gefunden , ihr plötzlich gezeigt , daß sie ein Recht habe , sich den Frauen zuzugesellen , die der Beachtung werth wären . Sie trug sich grader , trat freier auf , hatte ihre Kleidung sorgfältiger geordnet und begrüßte Frau von Barnfeld traulich mit dem Namen Eva , während sie sie bis jetzt » gnädige Frau « zu nennen pflegte . Ist Theophil nicht hier gewesen , liebe Therese ? fragte sie , er wollte , da das Wetter so schön ist , uns auffordern einen Spaziergang zu machen . Wenigstens sagte er mir so , als ich von der französischen Stunde kam . Die Worte klangen so natürlich als möglich und doch war für Therese etwas Ungewohntes darin . Wie Agnes Frau von Barnfeld nicht bei dem Taufnamen genannt , so hatte sie es auch mit Theophil niemals gethan , niemals sich mit Therese in gleiche Reihe gestellt . Wie kommen Sie mir denn vor , Agnes ! rief Eva , die keinen Eindruck zu verbergen wußte , ich glaube , Sie sind gewachsen seit gestern ! Sie haben sich vollständig gemausert . Sind Sie größer als Therese ? Nein , sehen Sie nur , sagte Agnes freundlich , indem sie vor Therese hinkniete und ihr die Hand küßte . Ich bin noch immer Dein Kind , nicht wahr , Therese ? und Du bist nicht böse , daß ich Dir nichts von dem Balle gesagt habe . Ich wußte es ja nicht bestimmt und ich dachte , wenn Dein Bruder es mir vorschlage , könne es kein Unrecht sein . Er ist so gut , Dein Bruder . Therese küßte Agnes , drückte sie an ihr Herz und beruhigte sie durch die Versicherung , ihr nicht zu zürnen ; dann gab sie ihr einige Aufträge für den Haushalt , das junge Mädchen entfernte sich dienstfertig und Therese bat Frau von Barnfeld , gegen Niemanden , am wenigsten gegen Agnes etwas davon zu erwähnen , daß sie an eine Neigung des Präsidenten für sie glaube . Eva versprach es und sagte : Nur das Eine verlange ich zu wissen : glaubst Du , daß ich mich geirrt habe , daß mein Verdacht ungegründet ist ? Ich weiß es nicht , antwortete Therese , aber warum nennst Du es einen Verdacht ? Wäre es ein Unrecht , wenn Julian ein gutes , schönes Mädchen zur Frau nähme ? Entsetzlich , o , entsetzlich wäre es ! rief Eva in Thränen ausbrechend und eilte mit verhülltem Gesichte hinaus , ohne auf Theresen ' s dringende Bitte zu achten , daß sie bei ihr bleiben und sich beruhigen solle . Therese war in großer Gemüthsbewegung . Agnes , die sie von ihrem Bruder trennen konnte , erschien ihr fremd und doch zog der Gedanke , Julian könne das Mädchen lieben und glücklich durch dasselbe werden , sie wieder zu ihm hin . Eine Neigung Eva ' s für ihren Bruder hatte sie lange vermuthet ; nun hatte die Gewißheit derselben sie erschreckt . Wohin sie blickte , Trübsal und Verwirrung . Sie dachte des Tages , an dem sie mit Alfred und dem Bruder über die mögliche Ankunft ihrer Hausgenossen gesprochen , und der Besorgnisse , die sie dagegen gehegt hatte . Jetzt waren sie nahe daran , sich zu erfüllen . Jene heitere Vergangenheit war längst entschwunden . Alfred ' s und Theophil ' s Bilder traten ihr beunruhigend vor die Seele . Beide waren nicht glücklich , und welch schweres Leid konnte die Zukunft ihr selbst noch bringen , während nirgend eine Aussicht auf Glück für sie vorhanden war ! Sie fühlte sich geistig müde und traurig und es erschien ihr fast wie eine Wohlthat , als ein Billet des Bruders ihr meldete , daß ein dringendes Geschäft ihn und Teophil nöthige , nach einem entfernten Stadttheile zu fahren , und daß sie deshalb auswärts speisen würden . Der Brief endete mit den Worten : » Ich war heute ungerecht gegen Dich , liebe Schwester ; Du hast entgelten müssen , was mich innerlich quälte . Vergib mir das , Du liebe Treue ! ein reuiger Sünder grüßt Dich mit Wort und Kuß . « Das erquickte Therese . Sie suchte sich , wie es ihre Art war , alle Möglichkeiten durchzudenken , faßte die Zukunft fest ins Auge , stellte sich die Zeit vor , in der sie einsam ohne Julian leben würde , und sagte dann lächelnd : Habe ich ein Recht zu fordern , daß er für mich lebe ? Werde ich nicht glücklich sein in seinem Glücke ? Aber trotz aller Liebe für den Bruder , trotz der reiflichsten Ueberlegungen behielt eine wehmüthige Stimmung die Herrschaft über sie und war nicht gewichen , als man sich am Abend bei Eva versammelte . Mit Agnes bei Eva anlangend , fand sie Alfred schon dort , Eva ein wenig bleich , aber heiter wie immer , und kurze Zeit darauf erschienen auch Julian und Theophil . Der Erstere gab Theresen die Hand , und die vollständigste Versöhnung ward schweigend durch einen Händedruck besiegelt . Dann begrüßte er die übrigen Personen und sagte : Uns hat heute ein seltsames Ereigniß beschäftigt . Wollt Ihr es , so theile ich es Euch mit