zugleich in Wien eintreffen , am achten werde ich dort sein . Als sich die Thüre hinter ihm schloß , stürzte Gotthard mit einem lauten Schmerzensschrei auf das Sopha und barg sein Gesicht tief in die Kissen - ihm war wie nach einer furchtbaren Operation , oder als sei ihm das Herz aus dem Leibe gerissen , als dehne sich das lange leere Leben unabsehbar weit aus vor ihm zu einer Ewigkeit der Pein und des Hasses . In diesem Augenblick hätte er kalten Blutes den Grafen zu ermorden vermocht . Sie sehen ! sie sehen , noch einmal sie sprechen ! Keine Erdengewalt , kein Gottesfluch , kein Himmel und keine Hölle hätten ihn in dem Vorsatze wanken gemacht . Er ging entschlossen und fast ruhig hinüber , denn wenn Leidenschaft und ein unerschütterliches Wollen zusammenstoßen , entsteht eine wunderbare , dämonisch über dem Leben schwebende Ruhe ; er ging geradezu zu Sophien und ließ sich bei der Gräfin melden . Und er sah sie . Welche höhere Natur hätte nicht im Leben eine solche Gipfelstunde höchster Qual und höchster Seligkeit gehabt , die ihr den Maßstab zu leihen vermöchte für die Minuten dieses wieder einander Gegenüberstehens . Anna hatte fürchterlich mit sich gerungen , um sich den Vorsatz abzuzwingen , ihm Leontinens Vermählung zu verschweigen . Als sie ihn sah , drang ein solcher Strom der klarsten Lebenswahrheit in ihr Herz , daß sie nicht entfernt daran dachte , ihm irgend etwas zu verbergen . Als er von ihr ging , hatte er ihr ausgesprochen , daß er sein Leben ihrer würdig machen werde . Was Beide einander eigentlich gesagt , wußte keines von ihnen , es tönte kein einzelnes Wort ihnen nach von dieser Unterredung ; was sie von einander wußten , war wie ein ursprünglich Angeborenes in die tiefste Tiefe ihrer Seele gesunken . Als Gotthard aufstand , um zu gehen , fiel ein unermeßlicher Schreck , wie eine erdrückende Gewalt auf Annens Geist ; sie starrte ihn sprachlos an und streckte unbewußt die Hand aus , als wolle sie ihn halten . Er faßte diese weiche Hand und küßte sie sanft . Gräfin , sagte er , die Augen fest in ihr Herz schlagend , als sollten sie auf ewig darin wurzeln , Sie haben einmal gefragt , ob ich ein lebenslanges Verstehen und Festhalten des Herzens zu begreifen , zu glauben vermöchte ? Was der Mensch in das erwidernde Wort zu legen vermag , ist wenig - er ist ein Bettler , wenn er spricht , ein Bettler , der sich mit geborgten Lumpen kleidet , die seiner Seele nicht passen - dennoch habe ich geantwortet , weil Sie fragten . In dieser Stunde , die mich von Ihnen bannt , und doch zum ersten Mal , das fühle ich jetzt mit überraschender Gewalt , mich Ihnen frei gegenüberstellt , lassen Sie mich Sie auf die Antwort verweisen , die Ihnen mein Leben geben wird . Er schwieg einige Secunden , um das Beben seiner Stimme zu bemeistern , und wie eine plötzliche Jugend überflog die himmlische Schüchternheit der Liebe seine Züge , eine weiche , schmerzliche Zaghaftigkeit verwandelte den festen Mann wie durch Zauber zum Jüngling . Der Laut haftete fest auf den zögernden Lippen ; endlich entrang sich ihnen ein leises , kaum hörbares : Leben Sie wohl ! vergessen Sie nicht , daß ich meines Daseins Blüte und Frucht auf Ihren Weg gelegt , nicht als ein Opfer , o nein , - er schlug die Augen aufwärts , aber ohne den Muth , sie anzusehen , blickte er nur vor sich hin , in die Weite des blauen Himmels - nur als Ihr Eigenthum ! Was wollte denn Herr Gotthard ? fragte eintretend der Graf . Seine Papiere holen und mir Lebewohl sagen . Kronberg bemerkte das convulsivische Zittern ihrer Stimme sehr genau . Er schwieg , setzte sich aber zu ihr auf ' s Sopha und blieb den ganzen Abend bei ihr . Sie sprachen von gleichgültigen Dingen ; selbst Leontinens schwer bedrohtes Geschick wagte keines zu berühren . Josephine und ihre Tochter schrieben an Geiersperg . Kronberg war entsetzlich aufgeregt , er litt tausendfache Qualen ; mit angespannter Kraft beherrschte er jeden Blick , jedes Wort . Seine frühere Liebe für Anna war momentan erwacht in all ihrer Stärke ; das Recht auf ihren Besitz , die Willenlosigkeit , mit welcher sie jeden Ausdruck desselben ertrug , und der ihm ganz fremde Anblick der Leidenschaft in diesen Augen , die für ihn stets nur Wohlwollen , Güte , einen freundlichen Blick gehabt , in jahrelangem Beisammensein , in jahrelanger Hingebung , drangen wie ein zweischneidiges Schwert in sein Herz . Roderich war eine heftig sinnliche Natur , aber poetisch dabei , poetisch und verfeinert bis zur Selbsttäuschung , umkränzte er den Becher des Genusses mit den Rosen der Phantasie . Wo keine Liebe ihm entgegenlachte , nahm er den Schein derselben in willkürlicher Uebertreibung dafür hin , aber er war dennoch viel zu klug , um die gewaltige , durchleuchtende Wahrheit des Daseins einer solchen Liebe , wie er sie empfunden zu haben wähnte und vergeblich in seiner Frau gesucht , in ihrer strahlenden Gegenwärtigkeit , in der ihn marternden Realität , die seine Eifersucht so peinlich stachelte , zu übersehen . Es wird vorübergehen ! sagte sich seine Eitelkeit . Aber was ist ' s ? Sein Aeußeres ? - er hatte das Gefühl , schöner zu sein , als Gotthard - also seine Jugend ! - In dieses Analysiren ihres Gefühls mischten sich ihm die heterogensten Empfindungen des Stolzes , einer misachtenden Erinnerung an Annens frühere , denen Gotthards ähnliche Verhältnisse und ihrer Anhänglichkeit an dieselben mit der ihn vernichtenden Angst vor einem möglichen Ridicule . Gegen Abend stürzte Egon , in Thränen gebadet , in ' s Zimmer und an Anna ' s Brust . Mutter ! Mutter ! laß mich mit Herrn Gotthard gehen , bei ihm bleiben ! Herr Gotthard kommt wieder ,