Wie ? Von Mutterleib ? « fragte der Hofschulze . » Ich kann es nicht anders nennen « , erwiderte der Jäger . » Ihr seid ein so verständiger Mann , daß ich keinen Grund habe , Euch eine Geschichte vorzuenthalten , welche Euch meine Jägerei , über die Ihr , wie ich sehe , schon seit einiger Zeit den Kopf schüttelt , einigermaßen erklärlich machen wird . Man hat Muttermäler in Form von Sternen , Kreuzen , Kronen , Schwertern , weil die Frau , welche den Menschen trug , sich an einem großen Orden , an einem Kirchenzuge , an einer Krönung versah , oder unter Kriegsgetümmel ihre Schwangerschaft abhielt ; warum sollte einer nicht Jäger von Mutterleib aus sein können ? « Der Hofschulze nötigte seinen jungen Gast an den Tisch unter den Linden vor der Türe , ließ eine Flasche sehr trinkbaren Weins bringen , und der Jäger begann hierauf folgendergestalt seine Erzählung . » Meine Mutter hatte sich mit meinem Vater erst nach einem trauer- und tränenvollen Brautstande verbinden dürfen . Die Verwandten und viele Umstände waren gegen die Heirat gewesen , indessen hatte die Liebe , welche beide zueinander trugen , doch endlich obzusiegen gewußt , und die Ringe durften gewechselt werden . Die Folge jenes langen Hinderns und Zurückhaltens war nicht , wie es oft zu geschehen pflegt , ein rasches Erkalten nach gewonnenem Besitze , sondern eine äußerst zärtliche Ehe gewesen , so daß also in diesem Falle der Wunsch der Leidenschaft sein Recht darwies . Noch in jetzigen Tagen erzählen bejahrte Leute , welche meine Eltern in den ersten Jahren ihrer Ehe gekannt haben , von dem schönen Paare , das immerfort wie Liebhaber und Geliebte miteinander umgegangen sei . Die Zärtlichkeit meiner Mutter äußerte sich nun auch in einer Sorge um das Leben und die Gesundheit des Vaters , welche freilich oft in das Übertriebene ging . Blieb er von einem Spaziergange oder einem Besuche in der Nachbarschaft einige Minuten über die bestimmte Zeit aus , so schickte sie ängstlich nach ihm ; war seine Farbe nicht ganz so munter , wie gewöhnlich , gleich fürchtete sie eine schwere Krankheit und wollte den Arzt herbeigeholt wissen , um alles hätte sie ihn nicht in der Nacht reisen lassen , und wo er ging oder stand , mußte er sich vor Zugluft in acht nehmen . Während sie für ihre eigene Person hart , unbekümmert und mutig blieb , sah sie in jeglichem , was meinen Vater umgabe , Schreck und Gefährde . « » Ja , ja « , murmelte der Hofschulze vor sich hin , » die vornehmen Leute haben zu dergleichen Zeit . Bei uns Bauern kommt es auf einen Puff nicht an . « » Am inständigsten flehte ihn meine Mutter an , sich der Jagd zu enthalten . Sie hatte in den ersten Jahren ihrer Ehe einen verworrenen Traum , von dem sie sich beim Erwachen nur einer schönen grünen Uniform , worin sie meinen Vater gesehen , und daß ihn in derselben ein Unglück betroffen , zu erinnern wußte . Nun fielen ihr alle die Geschicke , die sich auf Jagden ereignen können : scheugewordene Pferde , unvermutet losgegangene Schüsse , Eber , die den Schützen anrennen , und was dergleichen mehr war , ein , und sie ließ sich daher von meinem Vater das Wort geben , nie diesem verhängnisvollen Genusse wieder frönen zu wollen . Er willfahrte ihr gern , denn er sah ihre Liebe zu ihm , und war überhaupt dem Weidwerke nicht leidenschaftlich ergeben , obschon er es , wie ihm sonst nach seinen Verhältnissen zukam , getrieben hatte . Mehrere Jahre der Ehe blieben kinderlos . Endlich fühlte meine Mutter ihren Schoß gesegnet . Sonst pflegt , wie man mir gesagt hat , in diesem Zustande die Neigung der Frau zu dem Manne abzunehmen , und sich der verborgen reifenden Frucht zuzuwenden , meine Mutter machte aber von dieser Regel eine Ausnahme . Ihre Liebe zu dem Vater wuchs noch , wenn sie eines Wachstums fähig war . Zugleich stellte sich die Erinnerung an den früher gehabten und seitdem fast vergessenen Traum wieder bei ihr mit Heftigkeit ein , dessen eigentliche Bilder ihr jedoch nicht deutlich werden wollten , obgleich sie stundenlang sich damit abmühte , sie hervorzurufen . Nochmals mußte mein Vater sein früheres Gelübde in ihre Hand wiederholen . Inzwischen rückte der Sankt Hubertus-Tag heran , an welchem der Fürst , mit dem mein Vater eng zusammenhing , die jährliche große Jagd zu veranstalten pflegte . Es war in seiner Umgebung schon verwundernd viel davon geschwätzt worden , warum mein Vater sich in den Jahren zuvor unter allerhand Vorwänden von den Jagden zurückgehalten habe , endlich hatte man den wahren Grund aufgespürt , und der etwas rohe und leichtfertige Kreis mag sich trefflich über den gehorsamen Ehemann lustig gemacht haben . Der Fürst , derb und zufahrend , wie er war , nahm sich vor , den Gehorsam zu Falle zu bringen . Es war so Sitte , daß schon an dem Tage vor Hubertus ein lustiges Bankett auf dem Jagdschlosse gegeben wurde . Der Saal , in welchem es stattfand , war an den Wänden mit Hirschgeweihen , Armbrüsten und alten Jagdspießen ausgeziert . Da wurde denn , wie man bei uns zu sagen pflegt , tapfer gebürstet , d.h. gezecht , und wer an dem Bankette teilnahm , konnte sich natürlich von der Hubertusjagd nicht lossagen . Mein Vater würde also um keinen Preis einen Partner des Schmauses abgegeben haben , wenn ihn nicht der Fürst durch eine List nach dem Jagdschlosse zu ziehen gewußt hätte . Er ließ ihn nämlich unter dem Vorwande eines Geschäfts berufen und hielt ihn in langen Gesprächen hin , bis der Lakai meldete , daß serviert sei . Da wollte mein Vater fortreiten , aber ein zweiter Lakai brachte , ausgesandt , die Nachricht , der Reitknecht habe verstanden , der Herr bleibe zur Tafel , und sei bis auf