solchen trauerfarbnen Tagen werde die Seele am meisten ihrer selbst bewußt ; es wandelt sie ein Heimweh an , sie weiß nicht wornach , und sie bekommt plötzlich wieder einen Schwung zur Fröhlichkeit , sie kann nicht sagen woher . Ich freue mich der Freiheit auf meinem guten Pferde , ich wickle mich mit kindischem Vergnügen in mein Mäntelchen gegen die rauhe Luft , die da auf uns zustreicht , und halte mir das sichre Herze warm und wiege mich in meinen Gedanken . Aber nicht wahr , als wir noch in Rißthal wohnten da war es ein anderes , auszureiten ? Enges Tal , dichter Wald , wohin man immer sah . Hier das platte Feld und lauter Fruchtbaum . Wir haben anderthalb gute Stunden , bis es ein wenig krauser hergeht . Glücklich , daß wir wenigstens die Landstraße nicht brauchen . « Beide Geschwister durchliefen jetzt in unerschöpflichen Gesprächen die Lichtpunkte ihres früheren Lebens in Rißthal , einem dürftigen Orte , wo der Vater zwölf Jahre lang Pfarrer gewesen . Sie begegneten sich mit der innigsten Freude bei so mancher angenehmen , kaum noch in schwachen Anklängen vorhandenen Erinnerung , es wagten sich nach und nach gegenseitige Worte der Rührung und Frömmigkeit über die Lippen , wie sie sonst , von einer Art falscher Scham bewacht , zwischen jungen Leuten nicht gewechselt werden . Endlich sagte der Bruder : » Indem wir da so offenherzig plaudern , läßt mich ' s nicht ruhen , dir zu gestehen , daß ich doch ein Geheimnis auch vor dir habe , Adelheid ! Es ist nichts Verdächtiges , nichts , was ich verheimlichen müßte , eine Grille hat mich bisher abgehalten , dir es mitzuteilen . Aber heute sollst du es hören , und zwar unter den Mauern des alten Rehstocks damit du künftig daran denken magst , wenn du hinaufsiehst . « » Gut ! « erwiderte die Schwester , » ich freue mich , und für jetzt kein Wörtchen weiter davon ! « Unter hundert Wendungen des Gesprächs war man in weniger als zwei Stunden unvermerkt dem erwünschten Ziele ziemlich nahe gekommen . Deutlich und deutlicher traten die Umrisse der hohen Trümmer hervor ; in kurzer Zeit stand man am Fuße des wenig bewachsenen Bergs , an dessen Rückseite sich jedoch die lange Fortsetzung eines waldreichen Gebirgs anschloß . Hier ward gerastet und die fast vergessene Provianttasche mit weniger Gleichgültigkeit geöffnet , als man sie am Morgen hatte füllen sehen . Dann ging es langsam die Krümmung des Weges hinan , nachdem das Pferd an Johann abgegeben war , um es in einem nahe gelegenen Meierhof unterzubringen und zur bestimmten Zeit wieder hier mit ihm einzutreffen . Auf der Höhe angelangt schweiften die Glücklichen zuerst Hand in Hand dann zerstreut durch die weitläuftigen Räume über Wälle und Graben , durch zerfallene Gemächer , feuchte Gänge , verworrenes Gesträuch . Man verlor sich freiwillig und traf sich wieder unvermutet an verschiedenen Seiten . So geschah es , daß Adelheid eben allein mit der Entzifferung einer unverständlichen Inschrift beschäftigt war , als auf einmal sich die verlorenen Töne eines , wie es schien , weiblichen Gesanges vernehmen ließen . Das Mädchen erschrak , ohne zu wissen warum . Ein besorgter Gedanke an ihren Bruder , an Hülferufen , an ein Unglück hatte sie flüchtig ergriffen . Sie horchte mit geschärftem Ohr , sie glaubte schon sich getäuscht zu haben , aber in diesem Augenblick hörte sie dieselbe Stimme deutlicher und allem Anscheine nach innerhalb des Mauerwerks aufs neue sich erheben , den schwermütigen Klängen einer Äolsharfe nicht unähnlich . In einem gemischten Gefühle von feierlicher Rührung und einer unbestimmten Furcht , als wären Geisterlaute hier wach geworden , wagte die Überraschte kaum einige Schritte vorwärts und stand wieder still bei jedem neuen Anschwellen des immer reizendern Gesanges , und während unwillkürlich ihre Lippen sich zu dem Lächeln einer angenehmen Verwunderung bewegten , fühlte sie doch fast zu gleicher Zeit ihren Körper von leisem Schauder überlaufen . Jetzt verstummte die rätselhafte Stimme nur das Rauschen des Windes in dem dürren Laube , der leise Fall eines da und dort losbröckelnden Gesteins , oder der Flug eines Vogels unterbrach die tatenhafte Stille des Orts . Das Mädchen stand eine geraume Zeit nachdenklich , unentschlossen , stets in bänglicher Erwartung , daß die unsichtbare Sängerin jeden Augenblick an einer Ecke hervorkommen werde , ja sie machte sich bereits auf eine kecke Anrede gefaßt , wenn die Erscheinung sich blicken lassen sollte . Da rauschten plötzlich starke , hastige , aber wohlbekannte Tritte . Theobald kam atemlos einen Schutthügel heraufgeklommen , war froh , die Schwester wiedergefunden zu haben und sagte : » Höre nur ! mir ist etwas Sonderbares begegnet - « » Mir auch ; hast du den wunderlichen Gesang gehört ? « » Nein , welchen ? - aber bei dem Eingang in die Kasematte , wo der verschüttete Brunnen ist , sitzt eine Gestalt in brauner Frauenkleidung und mit verhülltem Haupt . Sie hatte mir den Rücken zugekehrt , ich konnte nichts weiter erkennen und lief bald , dich zu suchen . « Die Schwester erzählte ihrerseits auch , was vorgegangen , und beide kamen bald dahin überein , man müsse sich die Person genauer besehen , man müsse sie anreden , sei es auch wer es wolle . » Ein ähnliches Gelüsten , wie das unsrige , hat diesen Besuch wohl schwerlich veranlaßt « , meinte Adelheid ; » das heutige Wetter findet außer mir und dir gewiß jedermann gar unlustig zu solchen Partien ; ich vermute eine Unglückliche , Verirrte , Vertriebene , welche zu trösten vielleicht eben wir bestimmt sind . « - » Und laß es ein Gespenst sein ! « rief Theobald , » wir gehen darauf zu ! « So eilte man nach der bezeichneten Stelle hin . Sie fanden eine Jungfrau , deren fremdartiges , aber keineswegs unangenehmes Aussehen auf den ersten Blick eine Zigeunerin zu verraten schien . Bildung des Gesichts ,