um alles Aufsehn zu vermeiden . Noch denselben Abend spät sprach er mit dem Prinzen über diese Begebenheit . Dieser war sehr bewegt . Er hatte das Mädchen des Abends besucht . Sie aber wollte ihn durchaus nicht wiedersehen und hatte ebenso hartnäckig ein fürstliches Geschenk , das er ihr anbot , ausgeschlagen . Übrigens schiene sie , wie er hörte , ganz gesund . Erwin fing um diese Zeit an zu kränkeln , es war , als erdrückte ihn die Stadtluft . Seine seltsame Gewohnheit , die Nächte im Freien zuzubringen , hatte er hier ablegen müssen . Es schien seit frühester Kindheit eine wunderbare Freundschaft zwischen ihm und der Natur mit ihren Wäldern , Strömen und Felsen . Jetzt , da dieser Bund durch das beengte Leben zerstört war , schien er , wie ein erwachter Nachtwandler , auf einmal allein in der Welt . So versank er mitten in der Stadt immer tiefer in Einsamkeit . Nur um Rosa bekümmerte er sich viel und mit einer auffallenden Leidenschaftlichkeit . Übrigens erlernte er noch immer nichts , obschon es nicht am guten Willen fehlte . Ebenso las er auch sehr wenig und ungern , desto mehr , ja fast unaufhörlich , schrieb er , seit er es beim Grafen gelernt , sooft er allein gewesen . Friedrich fand manchmal dergleichen Zettel . Es waren einzelne Gedanken , so seltsam weit abschweifend von der Sinnes- und Ausdrucksart unsrer Zeit , daß sie oft unverständlich wurden , abgebrochene Bemerkungen über seine Umgebungen und das Leben , wie fahrende Blitze auf durchaus nächtlichem , melancholischem Grunde , wunderschöne Bilder aus der Erinnerung an eine früher verlebte Zeit und Anreden an Personen , die Friedrich gar nicht kannte , dazwischen Gebete wie aus der tiefsten Seelenverwirrung eines geängstigten Verbrechers , immerwährende Beziehung auf eine unselige verdeckte Leidenschaft , die sich selber nie deutlich schien , kein einziger Vers , keine Ruhe , keine Klarheit überall . Friedrich versuchte unermüdlich seine frühere Lebensgeschichte auszuspüren , um nach so erkannter Wurzel des Übels vielleicht das aufrührerische Gemüt des Knaben sicherer zu beruhigen und ins Gleichgewicht zu bringen . Aber vergebens . Wir wissen , mit welcher Furcht er das Geheimnis seiner Kindheit hütete . » Ich muß sterben , wenn es jemand erfährt « , war dann jedesmal seine Antwort . Eine ebenso unbegreifliche Angst hatte er auch vor allen Ärzten . Sein Zustand wurde indes immer bedenklicher . Friedrich hatte daher alles einem verständigen Arzte von seiner Bekanntschaft anvertraut und bat denselben , ihn , ohne Seine Absicht merken zu lassen , des Abends zu besuchen , wann Erwin bei ihm wäre . Als Friedrich des Abends an Erwins Tür kam , hörte er ihn drin nach einer rührenden Melodie ohne alle Begleitung eines Instruments folgende Worte singen : » Ich kann wohl manchmal singen , Als ob ich fröhlich sei , Doch heimlich Tränen dringen , Da wird das Herz mir frei . So lassen Nachtigallen , Spielt draußen Frühlingsluft , Der Sehnsucht Lied erschallen Aus ihres Käfigts Gruft . Da lauschen alle Herzen , Und alles ist erfreut , Doch keiner fühlt die Schmerzen , Im Lied das tiefe Leid . « Friedrich trat während der letzten Strophe unbemerkt in die Stube . Der Knabe ruhte auf dem Bette , und sang so liegend mit geschlossenen Augen . Er richtete sich schnell auf , als er Friedrich erblickte . » Ich bin nicht krank « , sagte er , » gewiß nicht ! « - damit sprang er auf . Er war sehr blaß . Er zwang sich , munter zu scheinen , lachte und sprach mehr und lustiger , als gewöhnlich . Dann klagte er über Kopfweh . - Friedrich strich ihm die nußbraunen Locken aus den Augen . » Tu nicht schön mit mir , ich bitte dich ! « - sagte der Knabe da , sonderbar und wie mit verhaltenen Tränen . Der Arzt trat eben in das Zimmer . Erwin sprang auf . Er erriet ahnend sogleich , was der fremde Mann wolle , und machte Miene zu entspringen . Er wollte sich durchaus nicht von ihm berühren lassen und zitterte am ganzen Leibe . Der Arzt schüttelte den Kopf . » Hier wird meine Kunst nicht ausreichen « , sagte er zu Friedrich , und verließ das Zimmer bald wieder , um den Knaben in diesem Augenblicke zu schonen . Da sank Erwin ermattet zu Friedrichs Füßen . Friedrich hob ihn freundlich auf seine Knie und küßte ihn . Er aber küßte und umarmte ihn nicht wieder , wie damals , sondern saß still und sah , in Gedanken verloren , vor sich hin . Schon spannen wärmere Sommernächte draußen ihre Zaubereien über Berge und Täler , da war es Friedrich einmal mitten in der Nacht , als riefe ihn ein Freund , auf den er sich nicht besinnen könnte , wie aus weiter Ferne . Er wachte auf , da stand eine lange Gestalt mitten in dem finstern Zimmer . Er erkannte Leontin an der Stimme . » Frisch auf , Herzensbruder ! « sagte dieser , » die eine Halbkugel rührt sich hellbeleuchtet , die andere träumt ; mir war nicht wohl , ich will den Rhein einmal wiedersehen , komm mit ! « Er hatte die Fenster aufgemacht , einzelne graue Streifen langten schon über den Himmel , unten auf der Gasse blies der Postillion lustig auf dem Horne . Da galt kein Staunen und kein Zögern , Friedrich mußte mit ihm hinunter in den Wagen . Auch Erwin war mit unbegreiflicher Schnelligkeit reisefertig . Friedrich erstaunte , ihn auf einmal ganz munter und gesund zu sehen . Mit funkelnden Augen sprang er mit in den Wagen , und so rasselten sie durch das stille Tor ins Freie hinaus . Sie fuhren schnell durch unübersehbare stille Felder , durch einen dunkeldichten Wald , später zwischen engen , hohen Bergen , an deren Fuß manch Städtlein zu liegen schien , ein Fluß , den