nicht bis auf den letzten Faden halten sollte . Timandra hat alles , bis zum Ueberfluß , was seine Sinnlichkeit befriedigen kann ; dabei ist sie sanft , munter , und immer frohen Sinnes , ohne Laune , Eigensinn und Eifersucht ; steht seinem Hauswesen mit Treue und Klugheit vor , kommt allen seinen Wünschen entgegen , versteht seine leisesten Winke , ist ihm nie beschwerlich , und erlaubt ihm stillschweigend , so viele kleine Seitensprünge zu machen als er Lust und Gelegenheit hat . Wie geneigt Hippias seyn mag , ihr gleiche Freiheit nachzusehen , weiß ich nicht , und werde ihm schwerlich jemals Ursache geben sich darüber zu erklären . Indessen erkenne ich mit gebührendem Danke , daß du meiner Phantasie einen freiern Spielraum verstattest als sie selbst verlangt ; ich gedenke einen so bescheidenen Gebrauch von deiner Großmuth zu machen , daß Sokrates selbst nicht mehr von seinen Jüngern fordern zu dürfen glaubt . So viel ich bis jetzt zu sehen Gelegenheit hatte , scheint die öffentliche Meinung der Schönheit der Syrakuserinnen nicht zu viel zu schmeicheln . Vor wenig Tagen gab mir eines ihrer vornehmsten Feste Gelegenheit , mich mit meinen eigenen Augen davon zu überzeugen . Der lange Zug von jungen Mädchen ( den Töchtern der angesehensten und begütertsten Bürger ) , die in zierlich gefalteten , bis zu den schönen Knöcheln herabfließenden weißen Gewändern , Blumenkränze um das halb aufgewundne , halb auf die Schulter fallende volllockichte Haar , und den leicht umflorten Busen mit reich gestickten Bändern umgürtet , Paar und Paar mit leichtem Schritt und edelm Anstand dem Dianentempel zuwallten , alle in der ersten Entknospung der Jugend und Schönheit , keine die nicht einem Skopas zum Modell einer Grazie hätte dienen können - ich gestehe dir , Laiska , es war ein entzückender Anblick ! Und als sie sich nun im feierlich-ernsten Tanz , Hand in Hand , gleich einem lebendigen Blumenkranz um den Opferaltar herum wanden , in den reinsten Silbertönen einen Pindarischen Hymnus aus ihren Nachtigallkehlen anstimmend , - wahrlich ein vorbeischwebender Gott hätte sich ( wie der Dichter sagt ) bei diesem Schauspiel verweilt ; und nie dünkte mich einen solchen Triumph der weiblichen Schönheit und Anmuth gesehen zu haben . Das Auge irrte geblendet und alles Auswählens vergessend um den weit ausgedehnten Kreis dieser Zauberschwestern umher , unvermögend auf Einer zu verweilen , weil schon im nächsten Augenblick eine vielleicht noch schönere ihre Stelle eingenommen hatte , um sie im folgenden gleich wieder an eine eben so reizende abzutreten . Du selbst , du Einzige , hättest auf einmal mitten unter ihnen erscheinen müssen , um den Zauber zu vernichten , und hunderttausend Augen , die mit diesem lieblichen Reihen von mehr als hundert Grazien zugleich herumgedreht wurden , plötzlich an dich allein zu fesseln . 38. An Learchus zu Korinth . Der gute Genius deines gastfreundlichen Hauses , edler Heraklide , hat mich glücklich zu Korinths schönster Tochter , der Beherrscherin der reichsten Insel der Welt , herübergeführt . Du kennst Athen und Syrakus118 , und dir darf ich also wohl gestehen , was ich auf dem großen Marktplatz zu Athen kaum zu denken wagen dürfte : daß Syrakus die stolze Minervenstadt an Größe , Bauart , Volksmenge und Mitteln die Prachtliebe und Ueppigkeit ihrer Bürger zu befriedigen , weit hinter sich zurückläßt . Von den Einwohnern urtheilen zu können , bin ich noch zu kurze Zeit hier ; aber weniger wäre schon genug , um zu sehen , daß sie den Athenern auch an Lebhaftigkeit , Feuer , Wankelmuth , Leichtsinn , und raschen Sprüngen von einem Aeußersten zum andern , den Vorzug streitig machen könnten . Es begreift sich , daß ein solches Volk ( wie mir ein schon lange unter ihnen wohnender Tarentiner sagte ) weder mit noch ohne Freiheit leben kann . Seit der Zeit , da sie von deinem Stammgenossen Archias zum zweitenmale gegründet wurde ( also seit mehr als dreihundert Jahren ) macht ein rastloses Hin- und Herschaukeln von Oligarchie zu Demokratie , und von Demokratie zur Herrschaft eines Einzigen , den summarischen Inhalt ihrer Geschichte aus ; und wiewohl so viele Versuche sie belehrt haben sollten , daß sie sich bei der oligarchischen Regierung nie so übel als bei der demokratischen und bei der monarchischen ( selbst eines Hieron und Dionysius ) immer besser als bei der oligarchischen befanden ; so ist doch der unglückliche Hang zur Demokratie ein so tief eingewurzeltes Uebel bei diesem Volke , daß alles , was sie seit der Vertreibung der Geloniden von innerlichen Unruhen und Umwälzungen erlitten haben , sie nicht von der Begierde heilen kann , bei dem geringsten Anschein eines glücklichen Erfolgs das heilsame Joch wieder abzuschütteln , welches ihnen Dionysius mit eben so viel Gewandtheit als Stärke auf den Nacken gelegt hat . Es sind nun zehn Jahre verflossen , seitdem dieser sogenannte Tyrann sich der Alleinherrschaft in Syrakus bemächtigt hat . Daß er dieß nicht konnte , ohne einen großen Theil der mächtigsten und reichsten Familien , die ihm hartnäckig und wüthend widerstanden , zu unterdrücken , war Natur der Sache : aber niemand zweifelt , daß ihm selbst nichts erwünschter wäre , als wenn ihm die Syrakusaner erlauben wollten , das Andenken der ersten Jahre seiner eigenmächtigen Regierung auszulöschen , und die Fortsetzung derselben für sie und für ganz Sicilien so glücklich und wohlthätig zu machen , als es einst die Regierung des noch jetzt gepriesenen Gelon war . Niemand würde mehr dabei gewinnen als sie selbst . Denn es ist leicht vorherzusehen , daß ohne ein gemeinschaftliches Oberhaupt , welches alle Städte Siciliens dazu vermögen kann , ihre Stärke gegen den gemeinschaftlichen Feind , die Carthager , zu vereinigen , unfehlbar eine nach der andern dem schrecklichen Schicksal von Agrigent119 unterliegen werde ; und gewiß würde es schwer seyn , im ganzen Sicilien einen Mann zu finden , der in allen Eigenschaften und Talenten , die zu einem im Krieg und im Frieden großen Fürsten erfordert werden