! Er fuhr doch nach Randhartingen und fand Henriete von Sänger in Thränen . Sie war allein . Ihr Mann in Geschäften über Land . Sie erzählte ihr ganzes Leben , wie sie wegen Armuth diese unglückliche Heirath hätte schließen müssen und nun ihr Dasein , ihre Jugend , ihr Glück rein an Nichts hinauswürfe . Sie gestand ein , daß sich jener junge Krieger um ihre Gunst bewürbe , sie zu einer Scheidung veranlassen , entführen wolle und ähnliche excentrische Dinge , die Siegbert um so mehr erkälteten , als er hören konnte , sie würde ihren Himmel nur in ihm , in seinen reinen blauen Augen , finden . Die Thränen , die dabei flossen , waren schwerlich ganz unecht . Sie kamen aus dem wirklichsten Bedürfniß dieser Frau , die sich durch das Geständniß ihrer Schwäche erleichtert fühlte und vollends gestärkt durch Siegbert ' s Zuspruch , da er das Meiste von Dem , was sie äußerte , ernst nahm und ihr viel Gutes und Mildes sagte . Unstreitig hatte sie das Bedürfniß der Scenen . Sie wollte von Siegbert wenigstens das Zugeständniß ihrer verfehlten Bestimmung , eines höheren , bedeutenderen Berufes und war zuletzt vollkommen befriedigt , als Siegbert , doch rücksichtsvoll und weich geworden , tröstend von ihr schied . Es war weder von einer Flucht mit ihm oder dem Offizier oder einer Scheidung oder sonst einer gewaltsamen Unternehmung noch die Rede . Sie blieb ruhig die Frau Hauptmann und Rentmeister von Sänger , lebte aber in diesen kleinen ungeduldigen Wirbeln und Strudeln der Leidenschaft und Selbstaufregung so lange fort , bis die junge Generation auch sie überholen wird und auch sie im Arzte oder Geistlichen ihre letzten Tröster findet . Mit dem Beginn des Dezembers wollte denn Siegbert endlich aufbrechen und in die Residenz zurückkehren . Einige Arbeiten , die er begonnen , waren vollendet , auch an äußerem Erträgniß war dieser Landaufenthalt nicht unergiebig gewesen . Das Wetter hatte sich gemildert . Dem Frost war Regen gefolgt . Die Wege waren zwar vollends jetzt nicht einladend , aber die mildere Luft that wohl . Am achten Dezember wollte er nun ganz bestimmt reisen ... Es war am sechsten , am Nikolaustage , als Abends Siegbert und Oleander in der Wohnstube der Pfarrerin saßen und sich mit den Kindern unterhielten . Hedwig und Waldemar zeichneten Figuren mit Siegbert ; das Kleinste spielte , das Vierte war im Ullagrunde ... Oleander saß verstimmt und in sich versunken da . Ein Buch war vor ihm aufgeschlagen . Er las zuweilen , lehnte sich dann wieder zurück , schlug die Arme übereinander oder stützte das Haupt auf ... Siegbert verstand seinen Kummer . Oleander lebte nur seiner Dichtung , seinem Amte und dem Schmerz , daß ihm nicht gelingen konnte , von Selma Ackermann irgend ein Zeichen der Gunst zu gewinnen . Siegbert war nicht wieder im Ullagrunde gewesen . Er hatte inzwischen versucht , dem Vikar eine größre Aufmerksamkeit auf sein Äußeres beizubringen . Er selbst , gewohnt , den Leib für einen Tempel der Seele zu halten , trug sich , ohne auf Eleganz Anspruch zu machen , geschmackvoll . Oleander gewann nun schon etwas von dieser gewissenhaften Sorgfalt der körperlichen Pflege . Auch wurden seine desfallsigen Bemühungen , wie er selbst erzählte , scherzend im Ullagrunde anerkannt . Eine günstigere Wendung seiner Hoffnungen gestaltete sich aber darum noch immer nicht . Die Gleichgültigkeit Selma ' s war so auffallend , daß , wenn sie wirklich ein andres Bild im Herzen trug , Siegbert wol Recht hatte , sich nach einer letzten flüchtigen Begegnung in Plessen , wo wieder des Bruders nicht gedacht wurde , zu sagen : Wie lieblich ist die Treue eines unschuldigen Herzens ! Wie scheint an Selma Alles spröde , so gewidmet und aufbewahrt nur für den Einen , dem ihr ganzes Leben gehört ! Wie fern , wie abwesend dieser Blick des Auges ! Wie erschrickt sie , wenn man sie anredet und sie nicht sogleich die an sie gerichteten Worte versteht , weil sie zerstreut war ! Das ist die fromme Andacht der Liebe , die ihrem Heiligsten jeden Gedanken , jeden unbewachten Augenblick des Selbstgespräches der Seele widmet ! Ob wol Olga so lieben könnte , ob sie wol so liebt oder , aufgewühlt in ihrer kindlichen Frühreife , erschreckt , beunruhigt , wildgehetzt von fremden Leidenschaften , schon außer sich lebt , statt sinnig in sich zurückgezogen ! Oleander las in einer Schrift der neuen philosophischen Schule , der kritischen oder chemischen , wie er sie nannte . Chemisch deshalb , sagte er zu Siegbert , weil diese Philosophen des absoluten Nichts die Liebigs der unsichtbaren Welt sind . Wie die chemische Retorte Urstoff auf Urstoff entdeckt und diesen immer wieder auf ' s Neue zerlegt , so hat der philosophische , gemüthlose Verstand der neuesten Schule Alles durch die Kritik bis zum vollkommensten Nichts aufgelöst und ich staune hier eben über den Dünkel , mit welchem in diesem Buche alle Beweise für die Unsterblichkeit der Seele widerlegt werden und der Verfasser nun auch glaubt , die Unsterblichkeit der Seele selbst widerlegt zu haben . Siegbert schwieg . Er kannte diese Schriften . Leidenfrost liebte sie und empfahl sie mit Eifer und doch widerstanden sie auch ihm , obgleich er Oleandern in seiner Entrüstung nicht Recht geben mochte . Warum müssen wir nur , fuhr Oleander , während Siegbert den Kindern , die schwiegen , vorzeichnete , aber ernst zuhörte , warum müssen wir nur an so viel Renommisterei im Geistigen leiden , an so viel gemüthloser , affektirter Prahlerei ! Wie diese Philosophie sich berufen dünkt ! Wie sie aufräumt ! Wie sie durch den Erfolg ihrer kritischen Operationen immer übermüthiger wird und sich doch dieser Freude über das absolute Nichts schämen sollte ! Diese Menschen lachen über den Unsterblichkeitsglauben , sie bemitleiden den vulgären Wahn unsrer romantischen Physiologie ! Wenn sie noch die Achseln zuckten und sagten : Die Materie bedingt den Geist und mit